Veranstaltungsarchiv

VERANSTALTUNG FÄLLT AUS! Buch der Traumabewältigung: Die Perspektive von Migranten auf die Bibel

Termin: 02.04.2020
Beginn: 20:00 Uhr
Ort: Club der polnischen Versager, Ackerstr. 168, 10115 Berlin, (U8 Rosenthaler Platz)

Wir haben wenig Zeit große Philosophen zu lesen, und im Zweifel verstehen wir sie nicht mal. Wir haben nicht die Zeit, über Gott und die Welt lange nachzusinnen, und wir haben nicht wirklich in die Tiefen geschaut, die unter der Oberfläche des uralten christlichen Glaubens liegen. Wir ahnen sie nur. Kennen vielleicht ein paar, wüssten gerne mehr.

In den Tauchgängen sprechen Theologinnen und Theologen, Philosophinnen, Dichter und Künstler über einzelne Aspekte im Glauben, die sie besonders groß oder schön finden, die sie besonders berührt haben – mal war das ein Film, eine Musik, ein philosophisches Problem. Sie werden es uns erklären, so dass wir es auch verstehen, helfen uns, etwas tiefer zu schauen und wir müssen nichts anderes tun, als: im Sessel sitzen – Bierchen in der Hand – und zuhören.

Eigentlich sind in der Bibel ständig Menschen auf der Flucht. Jakob, Kain und David fliehen aus Angst vor Rache; das Volk Israel aus der Sklaverei, Abraham vor dem Hunger, Maria und Josef vor König Herodes. Fast könnte man sagen: Es ist ein Buch von Geflüchteten.

Das fiel der Theologin Regina Polak wie Schuppen von den Augen, als sie selbst mit Menschen zusammengearbeitet hat, die Fluchterfahrungen haben. Und es hat ihre Lektüre der Bibel grundsätzlich verändert und ihr Verständnis von Theologie politisch werden lassen. Sie stellte fest: Jener Glaube, den wir heute „ethischen Monotheismus“ nennen, ist genau in diesem Erfahrungsraum von Flucht und Migration entstanden: Darin ringen Menschen darum, ihre leidvollen Erfahrungen mit Flucht und Vertreibung, Aufbruch und Heimatlosigkeit, Exil und Diaspora „Sinn“ abzuringen.

Die so entstandenen Konzepte von Menschenwürde, Gerechtigkeit und alternativen Gesellschaftsordnungen, die künftiges Leid verhindern sollen, und die Entwicklung von Recht und Ethik können gelesen werden als ein Versuch, das erlittene Leid als einen notwendigen Lernprozess zu verstehen – auch über Gott.  

Im letzten Tauchgang 2020 berichtet die Theologin Regina Polak, wie sie durch ihre Migrationsforschung gelernt hat, die Texte der Heiligen Schrift anders zu lesen. Seither ist sie überzeugt, dass zentrale biblische Texte auch als Ausdruck von Resilienz und Traumaverarbeitung durch den Glauben gelesen werden können und alternative Konzepte politischen Handelns anbieten. Darin besteht auch ihre aktuelle Relevanz – individuell wie auch politisch.

 

Regina Polak ist Assoziierte Professorin am Institut für Praktische Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, das sie auch leitet. Neben religionssoziologischer und Werteforschung befasst sie sich seit zehn Jahren mit der Thematik Migration und hat eine Theologie der Migration für Europa entwickelt. Sie ist theologische Beraterin der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Personal Representative of the OSCE Chairperson-in-Office on Combating Racism, Xenophobia and Discrimination.

 

Referenten
Gastreferenten
Prof. Dr. Regina Polak