
Luca Di Blasi (Bern) spricht mit Per Leo (Berlin) und Elad Lapidot (Berlin/Lille)
Spätestens seit dem 7. Oktober 2023 rücken namhafte kritische Intellektuelle von der lange unumstrittenen, ja als vorbildlich erachteten deutschen Erinnerungspolitik ab. Sie sei »übergeschnappt« (Susan Neiman), von Rechten gekapert worden, habe in letzter Zeit autoritäre und identitär-ausschließende Züge angenommen – eine Entwicklung, die laut dem neuen Buch des Philosophen Luca Di Blasi, Die Politik der Schuld (Matthes & Seitz Berlin, 2025), keineswegs überraschend ist. Ihm zufolge konnte eine nach 1945 diskreditierte und unhaltbar gewordene Volksgemeinschaft im Namen der Schuld als »Tätervolksgemeinschaft« überwintern. Diese »negative Identitätspolitik« wurde im Nachkriegsdeutschland wirksam.
Anknüpfend an Sigmund Freuds Rekonstruktion unterschiedlicher Formen des Umgangs mit kollektiver Schuld in Judentum und Christentum zeigt Di Blasi, im Gespräch mit dem Historiker und Schriftsteller Per Leo und dem Philosophen Elad Lapidot wie Schuldanerkennung nach 1945 zu einer neuartigen Form nationaler Identitätspolitik avancierte, – und wie wir ihre Krise überwinden können.

