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Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis
05. September 2010
18:00 Uhr St. Ansgar, 9:00 Uhr, 12:00 Uhr Akademiekirche

Lk 14,25-33

Jesuanisches Bildungskonzept: Invest-Ruinen verhindern!

Es gibt harte Worte in der Schrift und meist treffen sie die anderen: die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Priesterkaste in Jerusalem, die „Selbstgerechten“.
Heute ist es umgekehrt: heute treffen die harten Forderungen uns, die wir der Meinung sind, Christus nachzufolgen.
Wir können natürlich über das anstößige Wort „μισεω = hassen, gering achten“ nachdenken, wir können es versuchen besser zu verstehen, aber sehr weit werden wir damit nicht kommen. Selbst wenn wir die Sache als „sich frei machen von Bindungen“ sinngemäß übertragen, bleibt noch der Verzicht auf den gesamten Besitz, der als Bedingung der Nachfolge unser Evangelium abschließt, der Eindruck einer manifesten Überforderung bleibt bestehen.

Was heißt das eigentlich - Jünger sein?
Die beiden Beispiele vom Turmbau und vom Kriegsherrn, die Lukas in die Nachfolge-Logien mit einbaut, scheinen dagegen einfach und klar zu sein - aber wie passen sie in den Zusammenhang? Sie sprechen von taktischer Klugheit oder praktischem Urteilsvermögen und machen ein komplexes Bildungskonzept anschaulich, das zwar in eine vergangene Welt gehört, uns aber auch heute etwas zu sagen hat. Der Augenmerk richtet sich hier also eher auf die Frage, was eigentlich ein „μαθητης“ ist, das Wort, das in der Schrift immer mit einem deutschen Spezialbegriff - nämlich „Jünger“ übersetzt wird. In den meisten anderen europäischen Sprachen gibt es dafür aber keinen Spezialbegriff - die übersetzen schlicht aus dem Lateinischen in „disciple (eng/franz.), discepolo (it.), discípulo (span.) - Lehrling, Schüler. Der Wanderlehrer ist Christus - die Menschen sind seine Schüler. Ich meine, es handelt sich bei unserem Evangelium im Kern um die Kennzeichnung eines ganz eigenen Lehrer-Schüler-Verhältnisses, um den Versuch der Stärkung des Schülers - nicht um bloße Kompetenzweitergabe, Wissensvermittlung.

Der Mensch als Invest-Ruine?
Wenden wir uns nun den beiden Gleichnissen zu.
Ich habe mich immer gewundert, wie langwierig der Neubau des Flughafens in Schönefeld oder andere Großprojekte sind: Nicht nur, die Planungen dauern ewig, sondern auch die Baudurchführung. Wenn man durch Italien fährt, vor allem durch Süditalien, sieht man mit ziemlicher Häufigkeit Betonskelette, die ein abgebrochenes Bauvorhaben kennzeichnen.
Die Gründe mögen vielfältig sein, doch ohne soliden Finanzierungsplan wird kaum jemand angefangen haben - und doch kam etwas dazwischen und der Ivestitionswille erlahmte. So ähnlich ist es auch beim Berliner Stadtschloß - die Sache wird öfters beschlossen und abgesegnet, aber es gibt keinen richtigen belastbaren Konsens, keine echte Sicherheit, keine tiefe Überzeugung von der Richtigkeit des Vorhabens. Und so ähnlich scheint es auch bei vielen Kriegshandlungen zu sein, die wir kennen - im Irak, in Afghanistan, auf dem Balkan. Der Grund des Eingreifens ist immer eine Art Befreiungsmotiv - es soll jedenfalls gar nichts erobert werden, sondern es geht um die Garantierung der Freiheit der Bevölkerung. Aber der politische Wille erlahmt hier sehr rasch, es gibt Bedenken - am Ende weiß niemand, ob die Gründe für eine militärische Präsenz dort überhaupt ausreichen. Letztlich eine Frage der Willensschwäche.

Und genau darum geht es in unserem heutigen Evangelium - ein vertrauter Schüler Jesu zu werden, ist solange attraktiv, solange Jesus berühmt und erfolgreich ist. Aber darum geht es nicht, sondern das Lehrer-Schüler-Verhältnis des rabbinischen Wanderlehrers bedeutet eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft. Die ist für viele möglich, aber nicht für alle ratsam.
Es ist ein Zeichen der Sorgfalt Jesu, hier schon frühzeitig alle Illusionen zu zerstreuen: mein Projekt ist „nicht von dieser Welt“. Er wirbt nicht für seinen Jüngerkreis, sondern beruft, wen er für geeignet hält.

Dieses Evangelium ist eine Art Entscheidungstraining - die Qualitäten des Lehrers sind kein reproduzierbares Wissen, sondern ist eine Art zu lieben, die Welt anzuschauen, die letztlich tödlich ist. Diese Ernsthaftigkeit erscheint mir verantwortungsvoller als alle möglichen Versprechungen. Denn nur wenn Du das wirklich willst, dann komm und folge mir nach.
Brauchen wir solche Unterscheidungs- oder Entscheidungshilfen heute, wo wir doch in der Lage sind, die Konsequenzen unserer Unternehmungen rechnerisch zu prognostizieren?
Wir brauchen dieses Entscheidungstraining heute genau so wie damals.

Bildung ist ein zuweilen schmerzhafter Entwicklungsprozeß
Heute nennt man das vielleicht einen Prozeß der Stärkung des eigenen Selbst, entwicklungspädagogisch „Abnabelung“ vom Elternhaus.
Die Bindungen an die Familie sind nicht mehr rein patriarchalischer Natur, solche Großfamilien gibt es in Berlin wohl nur noch vereinzelt unter Zuwanderern - die Familienbande sind heute sehr viel stärker stark emotional besetzt: die Trennung von der Mutter wird manchmal zu einer Katastrophe für beide Seiten, mit vielen Tränen. Und doch ist sie notwendig, wenn die Tochter oder der Sohn auf eigenen Beinen durchs Leben gehen muß.
Diese Freiheit zu erreichen, sich nicht durch eigene Lebensentwürfe oder die anderer lähmen zu lassen, ist eine unangenehme Sache und wird leicht vor sich her geschoben. Sehr oft habe ich diese Unentschiedenheit von Jugendlichen, die nicht angenehm ist, erleben müssen. Die Qual der Wahl ist eine echte Strapaze. Hier ist es notwendig, sich nicht noch durch Bindungen zu verzetteln, sonst erlahmt der Investitionswille und man steht vor einem Scherbenhaufen.
Wir wollen für die jungen Menschen beten, die das Leben noch vor sich haben, aber nicht wissen, was sie vorhaben. Und wir wollen für die Lehrer beten, die wissen, daß sie etwas zu geben haben, das mehr ist, als nur gemeinsame Fragen, daß sie den Mut aufbringen, die Antworten, von denen sie selbst überzeugt sind, an ihre Schüler weitergeben. Amen.

Referenten

Christoph Jan Karlson

Geistlicher Rektor
Tel. (030) 28 30 95-158

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