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Predigt am 3. Fastensonntag
07.03.2010, 12:00 Uhr
Ex 3, 1-15, 1 Kor 10,1-12, Joh 4,4-42
Sich „von der Seite anquatschen lassen“?
Das Sprechen, das Gespräch ist in unserer Zeit (seit Habermas) der Ort des Einbrechens von Transzendenz in unser Leben. Der gelingende Diskurs ist die unhinterfragte Basis demokratischer Prozesse, Möglichkeitsbedingung unseres Gemeinwesens. Jemand der seine Konsensorientierung infrage stellt, der sich dem öffentlichen Diskurs verweigert, macht sich unmöglich.
Und doch wissen wir alle darum, wie schwer das ist mit dem gelingenden Gespräch. Wie selten eine Übereinkunft erzielt wird, wenn es um wirklich wichtige Fragen geht, wie schwer es überhaupt ist, ein Argument zu finden, das den Gegner nicht entblößt, sondern ihn gewinnt.
Wir haben in den Texten des 3. Fastensonntags zwei Dialoge, die gelingen (wenn man so sagen darf). Gespräche, die das Leben völlig verändern. Mose spricht mit Gott und die Samaritanin spricht mit Jesus. In beiden geht es um etwas sehr ähnliches - nämlich, genau das, worum es in der Religion - zumindest in der Offenbarungsreligion - immer geht. Hier wird von einer Gottesbegegnung erzählt, beide Autoren haben ein ähnliches Ziel: sie möchten uns ermutigen, daß auch wir miteinander ins Gespräch kommen über die Art und Weise, wie Gott sich uns genähert hat, sie geben auf äußerst kunstfertige Weise eine Hilfe an die Hand, wie auch wir über unseren Glauben sprechen können, wenn uns jemand fragt.
Ich möchte kurz über die Struktur beider Texte sprechen. Sie ähneln einander ein wenig: die Zufälligkeit, die Alltäglichkeit der Ausgangssituation: das Viehhüten hier, das Wasserholen dort. Dann das anfängliche Interesse - eine außergewöhnliche Naturerscheinung hier, ein ungewöhnliches Verhalten dort. Dann die wirkliche Eröffnung des Gesprächs: Ich habe das Elend meines Volkes gesehen - du hast die Wahrheit gesagt: fünf Männer hast du gehabt und der den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.
Dann die Offenbarungsszene - Ich bin, der ich bin (da) und Ich bin es, ich der mit dir spricht.
Und dann die Sendung - Sag zu den Israeliten, der „Ich bin da“ hat mich gesandt! bzw. die Samariterin geht von selbst in das Dorf, um ihren Nachbarn vom Messias zu berichten.
Die Struktur ist ähnlich, aber es gibt doch Unterschiede, die die Auswahl des Johannestextes für die Fastenzeit so bedeutsam werden lassen.
Der 3. Fastensonntag ist in der westlichen Tradition der Sonntag der Entscheidung - die Taufbewerber sagen ihrem bisherigen Leben völlig ab. Abrenuntio! - Ich widersage! heißt das - und der Bischof betete ein Schutzgebet über die Taufbewerber.
Es geht also um den Glauben, die Taufe, das Wasser des ewigen Lebens. Der Glaube ist nicht etwas, was einem plötzlich überraschend einfällt (Ach es muß doch einen Gott geben!), und dann glaubt man eben an Gott. Sondern er ist etwas Lebendiges, ein Pflänzchen, das des Wassers bedarf, es muß beschützt werden vor dem Frost und vor zu starker Sonne, der Glaube ist nicht etwas, das man ein für alle Mal begriffen hätte und dann bleibt man dabei; sondern er ist etwas, das sich entfaltet, entwickelt. Es gibt ein Wachstum im Glauben - aber auch ein Verkümmern. Ein Verflachen, eine Entwöhnung - etwas, das verlorengehen kann. Das gilt besonders für den Glauben, der nicht durch soziale Flankierungen, die Stammeszugehörigkeit, bzw. Brauchtum etc. gestützt ist, wie im Altertum und im christlichen Mittelalter. Das Christentum der Moderne ähnelt darin durchaus dem Christentum, der frühen Zeit. Johannes kennt das Problem und möchte dazu eine Hilfe geben.
Johannes und seine Gemeinde kennen darüberhinaus die interkulturellen Schwierigkeiten der frühen Gemeinden. Sie sind sehr aktuell. Das Gespräch könnte heute genauso beginnen. In Nablus, im Westjordanland sitzt ein Jude und er begegnet einer Palästinenserin. Sie würde genauso fragen: Du ein Israeli fragst mich, ob ich Dir etwas geben könnte? Und Johannes kennt, aus seiner Erfahrung als Christ heraus, das einende Prinzip: die Quelle des Glaubens: das Wasser. Hier ist das Sakrament der Taufe symbolisch dargestellt. Und darüber hinaus gibt es einen zweiten symbollastigen Einschub in diesem vierten Kapitel. Er schließt an das Gespräch mit der Frau über das wahre Gebet im Geist an und ist als Jüngerbelehrung eingefügt - die Samaritanin geht in das Dorf unterdessen kommen seine Jünger mit Lebensmitteln zurück - und Jesus spricht von der Speise, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat. So verklammert der Evangelist die Symbolrede mit dem Handlungsstrang. Das Bild, das Jesus verwendet ist reine Poesie:
Blickt auf und seht - die Felder sind weiß - reif zur Ernte. Der eine sät und die anderen ernten. Der eine weckt den Glauben, die anderen können nur staunen und sich gemeinsam freuen. Die Stärkung des Glaubens, den die Menschen in der Taufe empfangen ist die Speise, die auf den Feldern reif ist zu Ernte. Die Sammlung der Menschen zur gemeinsamen Eucharistie ist kein „Werk“ der Menschen, sondern das Werk, das der Messias vollenden wird. Das ist ein langsamer, unaufhaltsamer Prozeß. So wie sich im Gespräch nach und nach herausstellt, wer es ist der mit der Samaritanin spricht - erst Prophet der Taheb, auf den die Samariter hoffen, dann der Gesalbte - der Christus, am Ende das Bekenntnis „Er ist wirklich der Erlöser der Welt“, so schiebt Johannes ganz vorsichtig die Wachstumsprozesse des persönlichen Glaubens des Jüngers in die Entwicklung seiner Theologie mit ein. Die schrittweise Enthüllung des wahren Gottes ist verwoben mit dem schrittweisen Glauben-Können. Die Selbsterkenntnis, das Gebet im Geist und in der Wahrheit, das persönliche Bekenntnis (er hat mir alles gesagt, was ich getan habe - ob er vielleicht der Christus ist?) und schließlich das gemeinsame Bekenntnis der Samariter: Er ist wirklich der Retter der Welt.
Wenn das, alles wahr ist, hat das lange Kapitel mit dem Gespräch - mit dem gelingenden Gespräch am Jakobsbrunnen eine ungeheuer entlastende Wirkung auch auf unsere heutige Zeit.
Gott wächst nach und nach in unseren Alltag hinein - Johannes läßt das Normale transparent werden für das Zentrale, das Kleine verweist auf den Ursprung, die Armseligkeit auf das Unendliche.
Es kommt nicht auf unsere Geschicklichkeit an, sondern auf den Geist, der weht wo er will, es kommt nicht auf Erntebilanzen an, sondern auf die gemeinsame Freude - des Säenden und des Erntenden. Es kommt darauf an, ob wir bereit sind, das Wirken Gottes in unserem Alltag, an unseren vielen Jakobsbrunnen dieser Zeit zu akzeptieren, ob wir die Sehnsucht nach dem Wasser des Lebens in uns akzeptieren.

