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Veranstaltungsarchiv

Moral und Macht

Workshop zum Werk von Hans Joas
Termin: 03.09.2026 – 04.09.2026
Ort: Katholische Akademie in Berlin, Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin

Im Frühjahr 2025 hat Hans Joas unter dem Titel „Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos“ eine neue Monographie vorgelegt, über die er im Vorwort schreibt, sie sei der Abschluss einer Trilogie, die auch die vorangegangenen Bände Die Macht des Heiligen (2017) und Im Bannkreis der Freiheit (2020) umfasse. Die ersten beiden Bände setzen sich mit zwei wirkungsgeschichtlich folgenreichen, laut Joas aber „gefährlichen Prozessbegriffen“ kritisch auseinander, nämlich einerseits mit Max Webers Fundierung der Kulturentwicklung in der zunehmenden Entzauberung des menschlichen Weltverhältnisses, und andererseits mit Hegels Idee eines aus dem Geiste des protestantischen Christentums sich entfaltenden Fortschritts im Bewusstsein der politischen Freiheit. Sowohl Hegels Fortschrittsgeschichte als auch Webers Entzauberungsnarrativ verstehen sich als Rekonstruktionen einer weltgeschichtlich maßstäblichen (europäischen) Kulturformung, in denen der (christlichen, speziell protestantischen) Religion eine die säkulare Moderne aus sich hervortreibende Wirkmacht zugebilligt wird. Demgegenüber stellt der jüngst erschienene dritte Band in Joas‘ Trilogie einen Geschichtsentwurf dar, der sich in mehrfacher Hinsicht als Alternative zu dem von Hegel und Weber geprägten und das westliche Selbstverständnis bis zum Paradigma der Modernisierungstheorie weiterhin prägenden Geschichtsverständnis versteht:

Gegen die teleologische Struktur eines sich aus einem ideellen Kern selbstentfaltenden Prozesses rechnet Joas mit der Kontingenz, Unterbrechung und Reversibilität von historischen Entwicklungen; diese nehmen Joas zufolge wiederum Fahrt auf durch das Spannungsverhältnis zwischen den ideellen Ressourcen sowohl der Autorisierung wie der Kritik politischer Ordnungen und dem Legitimationsbedürfnis imperialer Herrschaftsansprüche, werden also in Machtdynamiken fundiert; gegen den Eurozentrismus der mit den Namen Hegels und Webers bezeichneten Theoriefamilien besteht Joas auf einem globalgeschichtlichen Ansatz, der die nicht-europäischen Kulturen nicht einfach zu Nachzüglern einer europäischen Avantgarde deklassiert; für die gleichwertige Berücksichtigung der unterschiedlichen Kulturen in einer Geschichte der Menschheit bietet sich folgerichtig inhaltlich die Auseinandersetzung mit dem erklärungsbedürftigen Umstand an, dass das Bewusstsein der Menschen, Angehörige einer einheitlichen Spezies zu sein, sich mittlerweile weltweit durchgesetzt hat, aber keineswegs aus biologischen Gattungsmerkmalen ableitbar, sondern in der Geschichte entstanden ist; entsprechend sucht Joas die Errichtung des Maßstabs von Wohl und Wehe aller Menschen für die Beurteilung politischer Ordnungen auf den diversen kulturellen Entwicklungspfaden mit ihren jeweils unterschiedlichen Beiträgen zur Stabilisierung und Transformation von Herrschaft; für die Religionsgeschichte folgt daraus allgemein der Fokus auf ihrem Beitrag zu den vielfältigen Konstellationen von Weltherrschaft und Menschheitsethos und speziell im europäischen Kontext die Ersetzung gleichsam einer Heldengeschichte des Protestantismus durch einen unvoreingenommenen Blick, der auch die konstitutiven Beiträge des Katholizismus zur europäischen Entwicklung dieser Konstellation würdigt.

Joas‘ Betonung, das neue Buch bilde den Abschluss einer Trilogie, sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch diese Trilogie in Kontinuität zu wichtigen theoretischen Vorarbeiten steht, die ebenfalls durch einschlägige Monographien dokumentiert sind. So beruht Joas‘ Gegenentwurf zu einem teleologischen Geschichtsverständnis auf dem Konzept einer affirmativen Genealogie, derzufolge wir uns beispielsweise unserer heutigen Bindung an die Menschenrechte historisch unter Rückgriff auf Entwicklungsschritte der Geschichte versichern können, die nicht zwingend erfolgen mussten, aber für die geschichtliche Er-innerung unserer gegenwärtigen moralischen Bindungen unverzichtbar sind. Das Konzept dieser Genealogie entwickelt er – in enger Auseinandersetzung mit Nietzsche – in seiner Monographie Die Sakralität der Person. Die Herkunft und Wirkungsmacht ideeller Ressourcen wiederum, die – wie Joas im Universalismusbuch an Fallbeispielen zeigt – oftmals von historischen Akteuren unter dem Einsatz ihres Lebens gegen den Missbrauch von Macht durch imperiale Herrschaftsansprüche mobilisiert werden, beruhen auf Wertbindungen, deren Grund unter anderem in Erfahrungen der Selbsttranszendenz liegt, die bereits Gegenstand seiner Monographie Die Entstehung der Werte waren. Der Grundgedanke schließlich, dass in historischen Krisenkonstellationen, hier: der vielfältigen Spannungen zwischen Weltherrschaft und Menschheitsethos, die Akteure unter dem systemisch erzeugten Handlungsdruck innovative Lösungen finden können, die den historischen Tendenzen einen überraschenden Richtungswechsel geben, steht in einer Fernbeziehung zu Joas‘ mittlerweile klassischer Grundlegung einer (pragmatistischen) Handlungstheorie in Die Kreativität des Handelns. Diese Fernbeziehungen zu vorangegangenen Arbeiten thematisiert Joas ausdrücklich selbst im Schlusskapitel des ersten Bandes seiner Trilogie, in dem Kapitel „Das Heilige und die Macht“ in der Monographie Die Macht des Heiligen.

Zur Diskussion der skizzierten Trilogie von Hans Joas versammeln wir an der Katholischen Akademie in Berlin am 3. und 4. September 2026 einen Kreis von Gelehrten zur Auseinandersetzung mit der jüngst erschienenen Monographie Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos.

Referenten
Gastreferenten
Prof. Dr. Hans Schelkshorn
Wien
Prof. Dr. Barbara Hallensleben
Fribourg
Dr. Nora Kindermann
Utrecht
Prof. Dr. Johannes Brachtendorf
Tübingen
Prof. Dr. Hans Joas
Berlin
Prof. Dr. Gangolf Hübinger
Frankfurt/Oder
Prof. Dr. Magnus Schlette
Heidelberg
Prof. Dr. Ludwig Siep
Münster
Prof. Dr. Christoph Henning
Utrecht
Verantwortlich
Mitarbeiter Stephan Steiner
Dr. Stephan Steiner
Referent
+49 30 28 30 95-151 E-Mail schreiben
Kooperationspartner
FEST Heidelberg