Predigten in der Osterzeit 2011

Predigt am 7. Sonntag der Osterzeit
5. Juni 2011
Joh 17,1-11

Lebenserkenntnis

Die Apostelgeschichte berichtet von der Einmütigkeit des Gebets der Jünger Christi, von einem Verharren im Gebet. Das ist an sich nichts Ungewöhliches – wenn wir uns jedoch nach einem Beispiel aus unseren Tagen umschauen, merken wir vielleicht, wie berichtenswert das doch ist.
Gebet ist für viele von uns eine Sache, die möglichst schnell erledigt wird – von Verharren keine Spur. Dieser Aspekt des Christentums scheint uns fremd geworden in einer Zeit, in der Einmütigkeit und Gemeinschaftserlebnis mit Papphockern und Mikrophonanlagen und Menschenmassen assoziiert wird.
Dabei ist mit dem Wort „Verharren“ ein wichtiger Aspekt der Osterzeit angesprochen: Die Osterzeit bringt keine neuen Informationen für den Glaubenden – sondern er versucht über 50 Tage hindurch die Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu erfahren, tiefer zu erfassen.

Vielleicht gibt es hier eine Ähnlichkeit mit dem Judentum, das nach dem Osterfest die 50tägige Omerzeit kennt: das Omer-Zählen, das erst am Pfingstfest beendet wird und im heutigen Judentum eine stille Zeit ist, die dem Gedenken an die verschiedenen Prüfungen gewidmet ist, die Gott seinem Volk auferlegt hat.

Um ein tieferes Erfassen geht es auch im heutigen Evangelium. Das Wort „erkennen“ kommt an mehreren zentralen Stellen vor.
Das Evangelium am Sonntag nach Christi Himmelfahrt spricht eine Sprache, die wir nicht verstehen. Es wird ein Abschnitt aus dem letzten Teil der Abschiedsreden Christi vorgelesen, der auch das „hohepriesterliche Gebet Jesu“ genannt wird. Es ist der theologisch dichteste und schwierigste Text des Johannesevangeliums – der Papst widmet ihm in seinem Jesus-Buch mehrere Kapitel.

Die Erkenntnis, die Johannes in seinem Evangelium meint, ist nun keine intellektuelle Sache. Keine knifflige Angelegenheit, sondern eine existentielle. Eine Sache des praktischen Lebensvollzugs. Erkenntnis geschieht durch Vereinigung mit dem Erkannten.
Das wird schon allein daran deutlich, daß auch an anderen Stellen der Schrift mit demselben Wort die eheliche Vereinigung bezeichnet wird.
Aber eben nicht nur. Eine Erkenntnis kann auch ein Einfühlen beinhalten – man versucht die Situation des anderen mitzuerleben, vielleicht auch seine Wege mitzugehen. Es ist eine Art Imitation des anderen dabei im Prozess der Erkenntnis, die eine tatsächliche Verähnlichungswirkung hat. Am Ende eines langen Lebens zweier Menschen, die sehr viel von einander wissen, kann es vorkommen, daß sie auch die Gedanken des anderen erraten können – oder daß sie einander so ähnlich geworden sind, daß sie die gleiche Antwort geben.
Wir dürfen nicht von unserer vorrangig intellektuellen Erkenntnis ausgehen, die davon ausgeht, daß man sich hier oder da schlau machen kann, sich mit dem einen oder anderen Wissensgebiet beschäftigen kann.
Am vergangenen Sonntag hat Les Murray von dem modischen Spiel mit dem unnützen Wissen erzählt, das man derzeit in Australien so gerne spielt. Für den antiken Menschen, der weiß, wie anstrengend und aufwendig die Aneignung und Aufbewahrung von Wissen ist, wäre „unnützes Wissen“ gar kein Wissen, nicht einmal Unterhaltung, sondern Ressourcenverschwendung – also nicht bloß lächerlich, sondern sogar schädlich.

Es gibt also eine Dringlichkeit dabei, die uns vielleicht Zugang verschafft zu der merkwürdigen Definition von Leben, die wir im Evangelium gehört haben: Am Ende seines Weges zeigt er das Warum seines Lebens: allen ewiges Leben schenken. Und das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast.
Raimon Panikkar hat einmal geschrieben, daß die Wissenschaftler mit Ideen experimentieren, der Mönch aber mit seinem Leben.
Und ich meine, das gilt eigentlich für jeden, der sich auf ganz existentielle Weise auf einen anderen Menschen einläßt: jeder, der heiratet, experimentiert mit seinem Leben. Jeder der ein großes Ja wagt in seinem Leben, wirklich sich selbst einsetzt, der kann die Erfahrung machen, daß man Angst bekommt vor der Unwiderruflichkeit die da mit dabei ist.
Aber die ist im Grunde immer mit dabei – alles was wir tun, können wir eigentlich nur ein einziges Mal tun, es ist uns nur nie immer so deutlich vor Augen. Daß wir unser Leben jedoch nicht ins Leere laufen lassen, sondern daß wir in die Fülle hinein leben, das möchte uns Christus sagen: er ist Weg, Wahrheit und Leben.
Wenn uns dies in der Osterzeit wieder deutlicher geworden ist, dann ist da schon sehr viel gewonnen, die Angst vor der Entscheidung, die moderne Willensschwäche ist eines der Grundübel unserer Zeit. Nicht nur bei Abiturienten, sondern allgemein. Der Heilige Geist, den wir an Pfingsten erbitten möge uns nicht lauter neue Dinge über uns, die Welt und Gott erzählen, sondern unseren zaghaften Entscheidungen Kraft und Zuversicht und Fröhlichkeit verleihen. Amen.


Predigt an Himmelfahrt
02. Juni 2011
Mt 28,16-20

Euntes docete omnes gentes

In der römischen Jesuitenuniversität Gregoriana befindet sich im großen und imposanten Lichthof eine große Christusfigur, auf deren Sockel Worte zu lesen sind, die dem heutigen Evangelium entstammen. Euntes docete omnes gentes – Geht und lehrt alle Völker.
Passender geht es kaum, den Auftrag am Ende des Matthäusevangeliums sich immer wieder vor Augen zu führen, sich immer wieder zu sagen, warum man nur so viel lernen muß.

Dabei ist es scheinbar für unser heutiges Fest ein nicht sehr passendes Evangelium – aber das sind eben die Grenzen eines Drei-Jahres-Lesezyklus. Eine Entrückung in den Himmel schildern nur zwei der vier Evangelisten – nämlich Markus und Lukas. Bei Johannes fällt die Erhebung Christi mit der Kreuzigung zusammen und bei unserem heutigen Matthäusevangelium?
Hier wird gar keine Himmelfahrt oder Entrückung geschildert, sondern Christus bleibt einfach da – mit seinem Segen.

Wir merken, daß es beim Festgeheimnis der Himmelfahrt Christi nicht zunächst um eine Luftreise geht, eine Autolevitation, wie sie in verschiedenen Religionen vorkommt, auch nicht um eine ekstatische Himmelsreise – wie sie Paulus von sich schildert. Auch nicht eine Traumfahrt, wie sie vom Propheten Mohammed erzählt wird.
Das ist insofern bemerkenswert, weil wir kein Verhältnis mehr zum Himmel als symbolische Wirklichkeit haben. Für uns ist „Himmel“ nichts Überwältigendes mehr, kein heimatliches Zelt, kein Segensreservoir, nicht der Engelsort, sondern wir glauben fest und unerschüttlerlich, daß es gar keinen Himmel gibt. Daß das Blau in seinen Schattierungen einfach ein Schein ist, der sich irgendwie metereologisch erklären läßt. Für uns gibt es nur einen Planeten Erde und ein wenig Atmosphäre drumherum, die auch noch höchst anfällig ist für allerlei Schadstoffe oder Abgase. Das was uns beeindruckt und glücklich macht, wenn wir schönes Wetter haben oder das was uns ängstigt, wenn ein Unwetter naht und der Himmel orange oder violett gefärbt ist: all das sind kindische Einbildungen.
Wir haben uns den Himmel also populärwissenschaftlich selbst ausgeredet – daher ist es vielleicht doch nicht so schlecht, daß wir heute ein Evangelium gehört haben, das mit beiden Beinen auf dem Erdboden steht.

Es geht beim Schluß des Matthäusevangeliums um das, was nach der Verherrlichung Christi in der Auferstehung kommt. Es geht um die Beziehung des Auferstandenen zu seinen Jüngern.
Deshalb legt der Evangelist wert darauf, daß diese Erscheinung in der Heimat in Galiläa passiert, deshalb legt er vermutlich auch wert darauf, daß sie auf einem Berg geschieht.
Von zu Hause aus geht das Zeugnis aus. Nicht etwas in der Fremde Angelerntes sollen die Jünger den Menschen bringen, sondern das, was sie von ihrer Begegnung mit Christus „mitgenommen“ haben, was sie nach Hause getragen haben.
Am Matthäusschluß können wir auch sehr gut einen gewissen Primat der Erfahrung vor der Schriftoffenbarung sehen: die Formel, die hier für die Taufe benutzt wird, ist eine in den Gemeinden gebräuchliche. Sie steht am Ende des Evangeliums, um zu zeigen: der Auferstandene ist in seiner Kirche lebendig. Er steht ihnen bei in ihren Alltäglichkeiten. Und es gibt keine Schrift, die einfach so vom Himmel gefallen wäre. Sie ist der Kirche geschenkt durch das Gebet und das Staunen über das Leben Christi.

Glaube ich eigentlich, daß von meinem „Galiläa“ aus irgend etwas Berichtenswertes ausgehen könnte? Das meine Praxis zeugnishaft ist? Ist der Glaube, von dem ich meine, er würde mein Leben prägen, tatsächlich von mir imprägniert? Wird mir das abgenommen?
Das alltägliche Zeugnis der Liebe ist jedoch keine Spezialistenaufgabe, die man an der Universität lernen kann, sondern die jedem Christen aufgetragen ist.
Und jedem gilt die Zusage des erhöhten Herrn „Siehe ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Amen.


Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit
29. Mai 2011
Apg 8, 5-8.14-17; 1 Petr 3, 15-18; Joh 14, 15-21

Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen

Alle drei Lesungen des Sonntags vor dem Fest Christi Himmelfahrt kreisen um die Frage der besonderen Lebensform der Christen, um die Frage, woran sie erkennbar sind. Was das Besondere ist, das Unterscheidungsmerkmal des Christentums.
Seit einiger Zeit gibt es immer mal kleine Videos im Internet zu sehen, auf denen sogenannte Flashmobs gezeigt werden. Da sitzen in Einkaufspassagen Menschen, die aussehen wie alle anderen auch, kaufen ein, unterhalten sich, trinken eine Tasse Kaffee. Und plötzlich beginnt einer etwas zu singen oder zu tanzen – und nach und nach erscheint die vorher anonyme Masse als ein Chor, der von unsichtbarer Hand geleitet das Halleluja von Händel singt.
Vorher waren die Sänger anonym, erst nach und nach kann man erkennen, wer von ihnen die Partitur kennt, wer mitsingen oder mittanzen kann.
Sie alle haben sich verabredet etwas zu tun, was sie verbindet und gleichzeitig zeigt, woran sie selbst Freude haben.
Ist das nicht ein schönes Bild für den Geist der Wahrheit, den die Christen empfangen haben – ein geheimer Code der Zusammengehörigkeit? Das große Gemeinschaftsgefühl? Gemeinsam sind wir stark?

Je mehr ich darüber nachdenke, umso größer werden meine Bedenken.
Alle drei Lesungen des heutigen Sonntags stehen in ihrem Kontext in bedrückenden Situationen. Der Petrusbrief richtet sich an Gemeinden, die so sehr diskriminiert werden von ihrer Umwelt, daß die Gefahr besteht, sich aufzulösen.
Wenn der Petrusbrief uns auffordert, Rede und Antwort zu stehen, dem, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt, so fragen wir meist zurück: Ja was ist denn das? Woran glaube ich denn? Kann ich das?
Das sind typische Fragen und doch sind sie am falschen Platz. Die richtige Frage lautet: Wem soll ich neue Hoffnung schenken? Gibt es jemanden, der meinen Beistand braucht? Der das Licht des Glaubens nötig hätte? Und wer könnte das sein in meiner Umgebung, in meinem Bekanntenkreis?

Und es ist interessant, daß der Nachsatz meist nicht mitzitiert wird: Aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig. Nicht laut und belehrend, mit erhobenem Zeigefinger. Es geht nicht darum, denen, die hoffnungslos sind, ihre Not auch noch drastisch auszumalen, sondern um das Wenige, das wir wirklich erhoffen – vielleicht ist es nur ein Wort.

Im Johannesevangelium heißt dieses eine Wort: „Liebt einander!“ Christus verheißt seinen Jüngern im Abendmahlssaal einen anderen Beistand, der für immer bei ihnen bleibt, der ihnen ermöglicht, dieses Gebot zu erfüllen.

Gerade unsere Zeit, mit ihrer Freude an der Masse, mit ihrem Glauben, man könne die Welt besser machen, wenn man Massenbewegungen initiiert, Empörung hervorruft, die endlich einmal zeigen kann, wie die Menschen wirklich denken, die gleichsam in der Masse den Ort der Wahrheit vermutet. Gerade in dieser Zeit, die allen Menschen verheimlicht, daß die Masse der Ort der Entfremdung, der Anonymität und der Einsamkeit ist, gerade in dieser Zeit braucht es den geheimnisvollen Beistand.
Und dieser Beistand ist eben nicht eine Art „Schwarmintelligenz“ – Er ist kein statistisch erfaßbares Massenphänomen. Keine Bewußtseinsstufe, die es zu erreichen gilt. Sondern Stärkung des einzelnen in seiner Not.

Denn wer ehrlich sein will, wer ein reines Gewissen hat, wird die Masse bald gegen sich aufbringen. Wer immer nur genau das tut, was en vogue ist, braucht keinen Beistand, er schwimmt einfach mit. Wer sich aber einen klaren Blick bewahrt hat, wird die Not seines Nächsten sehen und er wird Rede und Antwort stehen von der Hoffnung, die ihn erfüllt.

Das Christentum ist geboren worden in dieser Situation der Vereinzelung. Die Jünger haben sich versprengt, sind davongelaufen. Als sie sich um den Auferstandenen geschart hatten, wurden sie durch die Verfolgung nach der Steinigung des Stefanus wieder versprengt – nun nach Samarien. Immer aber war es ihnen möglich, die Vereinzelung zu durchbrechen, weil sie den Geist der Wahrheit in sich hatten, der ihnen die Hoffnung einprägte, daß die Liebe stärker ist als der Haß, daß sie zunimmt, wenn sie praktisch wird, daß die Liebe die einzige Investition ist, die sich immer lohnt.
Diesen Geist der Liebe hat unsere Welt immer nötig. Die Augen des Herzens hat sie nötig und die Tapferkeit der Liebenden, die die Vereinzelung überwindet.


Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit
22. Mai 2011 
Joh 14, 1-14


Von der Kontemplation zur Imitation

Den tröstlichen Charakter des heutigen Abschnittes aus dem Johannesevangelium können jene gut erfassen, die diesen Text von Totenmessen her kennen und sich vielleicht daran erinnern.
Ich selber habe (leider) eine Menge neuer geistlicher Lieder im Kopf, die sich aus den Johannesreden gerne bedienen, wie in einem Steinbruch, um nicht beim Wohnen und Leben sogar an einen Werbespot eines Möbelkonzerns zu denken. 
Der liturgische Kontext, der die Auswahl hier jedoch bestimmt, ist die Person Christi – eine Reflexion über seinen Lebensweg und ein Ausblick auf seinen Heimgang zum Vater. 
Die Kirche möchte einfach noch einmal tiefer erfassen, was geschehen ist am Ostertag und davon in unser Leben möglichst viel eintragen.
Sie liest deshalb in der Osterzeit aus den sieben johanneischen Ich-bin-Worten einige vor, am vergangenen Sonntag haben wir das Wort von der ›Tür zu den Schafen‹ gehört. 

Das Wort vom einen, ja einzigartigen Weg zum Vater, den Jesus darstellt, verstehen wir womöglich als eine direkte Aufforderung zur Nachfolge. So mag es scheinen, wenn Jesus seinen Jüngern von seinem Weg erzählt, zum Haus des Vaters zu gehen, Wohnungen vorzubereiten. 
Das erklärt das Unerklärliche – daß nämlich eine Trennung nötig ist. Jesus geht seinen Weg, und ist damit für uns zum Weg geworden, so wie ein Scout einen Weg freischlägt durch den Urwald, oder ein besonders erfahrener Bergsteiger eine Erstbesteigung wagt, damit andere – weniger erfahrene – diesen erkundschafteten Weg auch gehen können und dann den Gipfel erreichen.

Wenn ich das Johannesevangelium jedoch richtig deute, dann ist dieser Weg jedoch nicht unbedingt zur sofortigen Nachahmung empfohlen. Es ist eben kein »Mir nach!« der anderen Evangelien, sondern eine Einladung zur Schau, zur Kontemplation. 
»Bleibt hier – bis ich wiederkomme!« lautet daher auch die ergänzende Bemerkung. Die Wiederkunft Christi ist hier ein Ereignis, das darin besteht, daß er den Weg mit uns gemeinsam geht.
Daß diese Wiederkunft nicht nur eine kosmische ist, sondern vor allem eben eine geistliche, ist für das Johannesevangelium bedeutsam. Vielleicht wäre es für die Prediger von Family Radio, die für gestern den ›Judgement Day‹ ausgerufen haben, klug gewesen, auch die zentralen Worte des Evangeliums anzuschauen und nicht hinter jedem Wort nur eine versteckte Zahl. 
Wir leben in einer Zeit der vielen Wege – Methodenpluralismus. Wenn das Ziel nicht so erreicht werden kann, dann muß es zur Abwechslung auch anders gehen, es hängt alles von der Situation ab. 
Das Johannesevangelium mit seinem Insistieren auf dem Wort μενειν (bleiben) bzw. μονη (Wohnung, Bleibe) spricht eine uns fremde Sprache. 
Eine Sprache, die auf die Schau ausgerichtet ist. Wir vermuten so etwas vielleicht in esoterischen Zirkeln oder bei spirituellen Zentren verschiedenster Couleur – in der Kirche wahrscheinlich nicht. Kontemplation (Betrachtung) und Imitation (Nachfolge) sind zwei Seiten des Glaubens, die sich nicht trennen lassen. Normalerweise wird dieser Doppelaspekt des Glaubens in der ›Maria-Martha-Perikope‹ des Lukasevangeliums thematisiert. Aber dort geht es mehr um das hörende Verweilen beim Wort Gottes und die aktive Nachfolge. In unserem heutigen Abschnitt aus Johannes geht es um die Anschauung. Und mir scheint, daß wir in den letzten Jahrzehnten den Aspekt der Anschauung, den ästhetischen Aspekt des Glaubens sehr vernachlässigt haben, ja gegeneinander ausgespielt haben.
Dabei ist das Bleiben, das Treu-Bleiben keine Sache für Schwächlinge. Gerade in Zeiten der Bedrängnis kann das Bleiben ein großes Zeugnis der Stärke sein. Ich erinnere mich immer an die Zeit der untergehenden DDR, die heute gerne wieder glorifiziert wird. Da hatte das ›Da bleiben‹ einen oft schmerzhaften Geschmack. Man kann beides nicht gegeneinander ausspielen: Es gab Menschen, die haben aus denselben Gründen, aus denen sich die einen zur Flucht entschlossen haben, für sich entschieden, daß sie bleiben. Dieses Bleiben hatte bei jedem neuen Problem, jeder neuen Einschüchterung und Enttäuschung einen immer neuen bitteren Geschmack. 
Hier wird deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Lebenswege sind und wie wichtig es ist, sich an den einen Weg zu halten, der zugleich Wahrheit und Leben ist. 
Ich lese den einen Weg, von dem ich glaube, daß es ihn wirklich gibt, nicht als Totalitarismus, nicht als Bevormundung, nicht als ›Patentrezept‹ gar, sondern als den Weg, den Christus wirklich gegangen ist. Für uns. Und den wir alle kennen und von dem wir glauben, ihn nicht gehen zu können und nicht gehen wollen. 
Den unmöglichen Weg der Liebe, den wir geführt werden, den wir nicht erlernen können, weil man die Liebe nicht wie ein Handwerk erlernen kann, sondern nur durch erlittene Liebe. 
Bis es so weit ist, muß der Jünger jedoch ›bleiben‹ und vertrauen. Amen.


Predigt am 4. Sonntag der Osterzeit – vom guten Hirten
15. Mai 2011, 12:00 Uhr
Joh 10,1-11

Liebe zur Kirche: Einer muß wachen. Einer muß da sein

Was die Gleichnisse in den drei ersten Evangelien leisten, das versucht das Johannesevangelium in den großen Reden durch Bilder auszudrücken. Am vergangenen Sonntag haben wir die Erscheinung des Auferstandenen am See Tiberias gehört, die endet mit den Worten an Petrus: „Weide meine Schafe!“
Ein Zimmermann macht einen Fischer zum Schafhirten? Was steckt hinter diesem heiteren Beruferaten? Hinter dem, was wir als Berufsbezeichnungen kennen, stecken Berufungen, Lebensentwürfe.
Die johanneischen Bilder eignen sich wunderbar, um in das Ostergeheimnis einzudringen, das was uns allen nicht leicht fällt – retrospektiv zu fragen: »Warum mußte das alles sein?«

Das Bild vom guten Hirten allerdings scheint nicht viel dazu beitragen zu können. Es wird nur als hierarchisches Strukturmoment wahrgenommen. Wir hören ›Hirte‹ und denken ›Führer‹ oder ›Leader‹, wie man in den Nachrichten heute hört, wo das Wort schon gar nicht mehr ins Deutsche übersetzt wird. Und dann ist die Sache eigentlich schon zu Ende gegangen. Hier gibt es nichts mehr zu reflektieren, denn Hierarchien bereiten in modernen Zeiten Unbehagen. Es gibt sie zwar überall, aber das darf keiner wissen. Es gibt eben totalitäre Schattenseiten des Gleichheitsgedankens, der Alteritäten ausschließt. Wer nicht sein will wie alle, der kann gehen. Und zwar sofort.
Das ist vielleicht der Grund, warum der gute Hirte des 19. Jahrhunderts so lieblich und so weich geworden ist; der Hirte, der aussieht, als würde er sich vor einer Barbiepuppe erschrecken und eigentlich nur kleine Lämmlein zu streicheln und auf den Schultern zu tragen in der Lage ist.
So machen Bilder andere Bilder blind.

Der Hirte, der uns in den römischen Katakomben begegnet und von dem das Johannesevangelium berichtet, ist ein Hoffnungskandidat – ein Träger von Erwartungen. Ein kämpfender Held. Ein alttestamentlicher Hirte, der meinetwegen schön sein kann, wie David schön war, der aber auf jeden Fall mutig sein muß.
Darauf deutet die Nebenbilder hin: zum einen die Stimme, der Ruf und zum anderen die Tür. Beide Bilder schließen einander nicht aus, sondern passen zueinander, und sollten auf einander bezogen werden, so wie man verschiedene Altarbilder nebeneinander stehenlassen kann.

Mit Bildern umzugehen ist nun nicht nur die Sache der Maler, sondern auch und vor allem die Sache der Dichter. Wenn ich diese Bilder lese, vorlese von der Tür und den Räubern und den Schafen und dem Hirten, dann denke ich unwillkürlich an die Bildsprache Kafkas.
Er hatte eine große Vorliebe für das Bild der Tür und auch des Türstehers. Er, der alles von außen, von draußen ansehen konnte, als wäre es das erste Mal. Es ist deutlich, daß die Tür nur da Sinn hat, wo sie Einlaß gewähren kann und zugleich, wo sie Schutz und Sicherheit bieten kann.
Wir haben Jahrzehnte von einer türlosen Gesellschaft geträumt – Ärzte ohne Grenzen, Reporter ohne Grenzen, Europa ohne Grenzen - nach außen und innen; nun engagieren wir Söldner um die Außentüren unseres Hauses Europa zu kontrollieren. Wie es in den sogenannten Auffanglagern zugeht, das darf keiner wissen. Die vollständige Freizügigkeit, das Leben ohne Türen ist zu einem Albtraum zu werden.
Die Tür weist aber auch noch auf etwas anderes hin: der Hirte ist ein nachtaktives Wesen – er wird gebraucht, wenn die Raubtiere und Räuber unterwegs sind. Tagsüber kann er ruhig ein Nickerchen machen – aber wenn die Wölfe kommen, muß er sie mit dem Feuer vertreiben – die einzige Möglichkeit, seine Herde zu schützen. Der Hirte arbeitet am angestrengtesten wenn die Schafe schlafen. Der Hirte lebt außerhalb der menschlichen Gesellschaft, er teilt nicht ihren Tagesrythmus, er schläft nicht im Haus. Er lebt mit den Schafen, er nimmt ihre Lebensweise auf sich.
Es ist überhaupt nichts Idyllisches am Schäferberuf. Es gibt eine Lebensgemeinschaft des Hirten mit den Schafen, aber die Schafe können sich nicht selber behüten und nicht selbst neue Weide finden. Der Hirte muß mit seinem Leben für die Schafe einstehen, er muß mit ihnen eine gemeinsame Sprache finden und sein Leben notfalls für sie aufs Spiel setzen.

Das ist für die frühe Kirche eine plausible Erklärung dafür, daß alles so gekommen ist an diesem unvergesslichen Paschafest in Jerusalem.
Der gute Hirte ist kein Selbstmörder, sondern ein Liebender, der bis an die Grenze geht. Ein Liebender, der sich nicht schont, und wenn es drauf ankommt, seine Schafe mit dem eigenen Leben verteidigt. Und die Notsituation war tatsächlich gegeben.
Und sie ist – auch wenn wir das nicht gerne hören – sie ist auch heute wieder gegeben. Ein ›finsteres Tal‹, was das ist, das wissen wir alle – aber aber daß der gute Hirt auferstanden ist, wollen wir nicht wahrhaben. Heute nachmittag wird ein Landpfarrer seliggesprochen im Würzburger Dom, von dem man nichts hat, außer sein Brevier und ein paar Photos – die Aufzeichnungen geben nichts her. Sehr schlichtes und frommes Gemüt. Georg Häfner war nicht clever genug, er war einfach nicht in der Lage die Botschaft der Nächstenliebe mit der des Rassenhasses zu verbinden. Dafür musste er sterben – verhungern im KZ Dachau. Er sorgte sich auch dort um seine Gemeinde, seinen Kaplan.
Bitten wir heute um Menschen, die sich sorgen um einander, die Verantwortung übernehmen und die Kosten nicht scheuen. Bitten wir um gute Hirten, die die Lebensgemeinschaft mit ihrer Herde nicht verschmähen, die aber dennoch um ihre Aufgabe wissen: sie müssen wachen. In etwa so, wie Kafka - der auch mit 42 gestorben ist wie Häfner - das unnachahmlich in der kleinen nachgelassenen Geschichte ›Nachts‹ ausgedrückt hat – in memoriam Georg Häfner:

Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.


Predigt am 3. Sonntag der Osterzeit
8. Mai 2011
Joh 21,1-14

Mystik des Alltags

Nachdem wir am vergangenen Sonntag den Schluß des 20. Kapitels des Johannesevangeliums gehört haben (Noch vieles andere hat der Herr getan...), der auch erklärt, warum dieses und nur dieses alles im Evangelium berichtet wird, ist es ein wenig erstaunlich, daß es überhaupt noch ein 21. Kapitel gibt.
Es wird in den meisten Bibelübersetzungen »Nachtrag« genannt. Es gehört aber trotz dieses ›Titels‹ ganz in die Logik dieses pneumatischen Evangeliums (Söding) mit hinein. Dieses letzte Kapitel ist so etwas wie eine grandiose Zusammenfassung des gesamten Evangeliums, eine Art ›mystische Reflektion‹. Jeder einzelne Satz hat eine tiefere Bedeutung und es versteht sich, daß ich nur einige Dinge heute herausgreifen kann.

Am vergangenen Sonntag haben wir den Auferstandenen als die geheimnisvolle Mitte der kirchlichen Versammlung gesehen. Zweimal an einem Sonntag zeigt er sich den Seinen, die hinter verschlossenen Türen versammelt sind. Beim dritten Mal ist es nun nicht mehr die Versammlung in Jerusalem.
All das liegt weit weg. Das Paschafest ist vorbei, die Jünger sind in ihre Heimat zurückgekehrt.
Sie sind wieder am See von Tiberias, an dem Ort, den die Jünger mit der Brotvermehrung assoziieren. In den ersten drei Evangelien werden die ersten Jünger genau hier berufen und es wird ihnen verheißen, Menschenfischer zu werden. 
Aber das ist nur noch Erinnerung. Blasse Erinnerung, die vielleicht manchmal an einem Morgen, wo man nichts gefangen hat, wieder aufsteigt.

Das was der Christ glaubt, gilt nicht nur am Sonntag, nicht nur in der Kirche, sondern auch im Arbeitsalltag. Kirche wird heute meist als etwas gesehen, was äußerlich sichtbar ist: Amt, Kirchbau, vielleicht auch Caritas, kurz das, was man ›Institution‹ nennt. Es geht bei Kirche aber um viel mehr: das ›Leben in Fülle‹ – und darum geht es im Johannesevangelium. Wie verhalten sich Amt und Liebe zu einander? Was geschieht mit der Insitution, wenn die Liebe erkaltet und was geschieht mit der Liebe, wenn sie das Amt verachtet? All diese Fragen sind nicht nur Fragen eines Leonardo Boff, sondern eben Fragen der johanneischen Gemeinde in Kleinasien, in der eine geistliche Lesart der Person Christi verbreitet war.

Die Jünger gehen wieder ihrer Arbeit nach. Eine nächtliche und erfolglose Arbeit. Christus ist unerkannt am Ufer – weit weg. Vielleicht kommt uns diese Situation bekannt vor? Vielleicht erinnert die vergebliche Arbeit der Jünger an unsere Situation der Hoffnungslosigkeit? Glauben wir, daß unsere Kollegen, unsere Nachbarn irgend etwas von unserem Glauben erwarten könnten? Die Menschen in dieser Stadt Berlin?

Die Fischer werden von dem Unbekannten um eine Brotbeigabe – also etwas Fisch offensichtlich – gebeten, doch sie haben nichts.
Sie folgen dem absurden Rat, die Netze auf der rechten Seite auszuwerfen. Und werden reich beschenkt. Sie lassen sich auf Ratschläge ein. Ist das ein letzter Strohhalm, an den sie sich klammern? Credo quia absurdum?
Die beiden Protagonisten des 21. Kapitels sind der geheimnisvolle Lieblingsjünger und Petrus. Der eine erkennt den Herrn – der andere schwimmt ihm entgegen. Beide begegnen Christus – aber diesmal läuft der jüngere nicht voraus, diesmal springt nur Petrus ins Wasser, diesmal zieht nur Petrus allein das Netz ans Land und diesmal beantwortet Petrus die drei Fragen am Kohlenfeuer, um seine Liebe, die er an einem anderen Kohlenfeuer verraten hat, zu erneuern und zu bestätigen.

Ich glaube, heute gibt es viele, die sehr skeptisch mit Petrus umgehen, die Strukturen der Verläßlichkeit ablehnen; die aber umso mehr mit dem Lieblingsjünger sympathisieren: auf das Herz kommt es an. Wie mein Glaube innen aussieht, das kann niemand beurteilen.
Das stimmt, die Liebe eines Menschen zu ermessen, das ist von außen sehr schwer.
Hier kommt der Lieblingsjünger mit ins Spiel. Er sieht, weil er liebt. Weil er liebt, erkennt er den anderen Liebenden. Der Lieblingsjünger war mit im Abendmahlssaal und hat das Versprechen des Petrus gehört. Er war mit im Prätorium und hat den Verrat mit angesehen. Er war mit am Grab und hat die Leinenbinden gesehen und das verdutzte Gesicht des Petrus. Und er war mit am Kohlenfeuer am Ufer des Sees und hat dreimal die Antwort des Fischers gehört: »Du weißt alles, du weißt auch, daß ich die liebhabe«.

Und er hat diese Liebe für uns bezeugt. Nicht weil er mehr wüßte, als die anderen, sondern weil er genauer hinsieht, langsamer und aufmerksamer.
Er bezeugt uns auch heute: objektive Strukturen, das Gerüst, das viele für die Kirche halten, kann es nur geben, wenn in Petrus auch ein liebendes Herz schlägt.
Es wäre für unsere Zeit viel gewonnen, wenn wir Menschen hätten, die wie Petrus bereit sind, in den See zu springen, aber es braucht auch diejenigen, die Zeugnis geben vom Glauben der anderen. Im Alltag. Kann ich eine Geschichte erzählen davon? Könnte ich ein 21. Kapitel des Johannesevangeliums heute schreiben?


Predigt am Weißen Sonntag
01. Mai 2011

Öffnet die Herzen für Christus

Die Ostererzählung des ungläubigen Thomas wirkt durch die genaue Zeitangabe wie ein historischer Bericht. Als wären die Zwölf ganz zufällig sonntags eben mal zusammengekommen, womöglich um sich gegenseitig Mut zuzusprechen.
Ganz offensichtlich waren die Auferstehungszeugen jedoch nicht zufällig versammelt. Die Ostererzählung wirkt vielmehr wie ein Reflex auf eine gemeinsame Gottesdiensterfahrung. Sie sind unter sich: »aus Furcht vor den Juden« waren die Türen verschlossen.
Diese Verunsicherung der johanneischen Gemeinde dürfte kein bloß ausschmückendes Detail sein, sondern eine Realität, die sich in das Bewußtsein der frühen Christen tief eingeprägt hat: die Furcht vor den anderen. Ihre Anhänglichkeit an Christus bereitete ihnen zwar eine tiefe innerliche Freude, aber nach außen sollte niemand davon behelligt werden.
Diese Situation dürfte auch vielen Christen in der heutigen Zeit vertraut sein. Die Spannung zwischen dem Innen des Glaubens und dem Außen der Welt zieht sich vom Johannesevangelium hindurch bis in die heutige Welt. Wir müssen da nicht nach Syrien schauen, in den Irak oder nach Ägypten oder Nigeria. Wer es mit dem Glauben ernst meint, kommt früher oder später in die Situation, sich immer mal für eine Option entscheiden zu müssen, die von anderen so nicht verstanden wird.
Ob die Ablehnung dann eine erstaunte oder respektvolle ist oder eine hämische, das steht auf einem anderen Blatt.

Die Versammlung der Christen hat einen Mittelpunkt, der nicht reproduzierbar oder konstruierbar ist. Der auferstandene Christus gibt sich zu erkennen, aber er kündigt sich nicht an.
Es bleibt ein Geheimnis, wie er in die Mitte der Jünger kommt.
Teil dieser merkwürdigen Versammlung sind auch die abwesenden Schwestern und Brüder. Auch Thomas war gewissermaßen anwesend. Auf seine Zweifel nimmt der Auferstandene direkt Bezug. Es ist fast so, als wollte er damit sagen: Es ist mir nicht egal, ob Du glaubst oder nicht glaubst. Du gehörst zu den Zwölfen, du gehörst in die Gemeinschaft der Zeugen mit hinein.
Auf dieses Geheimnis wollte der Papst, der heute vormittag seliggesprochen wird, unablässig hinweisen.
Er kannte die Verunsicherung der Glaubenden und rief ihnen ständig zu »Habt keine Angst! Öffnet die Türen für Christus!«

Und in einem tiefen Gespür für große Metaphern hat er gerade am Brandenburger Tor seine Rede über die Freiheit gehalten.
Er sprach dabei von der Symbolkraft des Tores: »Weil sie Angst vor der Freiheit hatten, pervertierten die Ideologen ein Tor zur Mauer. Gerade an dieser Stelle Berlins, die zugleich zur Nahtstelle Europas wurde, zur unnatürlichen Schnittstelle zwischen Ost und West, gerade an dieser Stelle offenbarte sich für alle Welt sichtbar die grausame Fratze des Kommunismus, dem die menschlichen Sehnsüchte nach Freiheit und Frieden suspekt sind. Vor allem aber fürchtet er die Freiheit des Geistes.«
Und er fährt fort, an dem ›Tor der Freiheit‹ für eine Stärkung des Freiheitsgedankens in unserer Zivilisation aufzurufen, zum Aufbau einer ›Zivilisation der Liebe‹, die nur entstehen kann, wenn Wahrheit, Solidarität und Opferbereitschaft in die Freiheit mit eingebunden bleiben.
»Die ›Seele‹ der Zivilisation der Liebe ist die Kultur der Freiheit, die Freiheit des einzelnen und die Freiheit der Nationen, die in einer selbstgegebenen Solidarität und Verantwortung gelebt werden kann (Ansprache vor der UNO-Vollversammlung, 5.10.1995, 18).
Wenn einer die Erfahrung der Liebe hat, hat er auch die Erfahrung der Freiheit. In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er läßt sich los, weil ihm am anderen liegt, weil er will, daß das Leben des anderen gelingt. So fallen die Schranken der Selbstbezogenheit, und so findet man die Freude am gemeinsamen Einsatz für höhere Ziele. Achtet die unantastbare Würde eines jeden Menschen, vom ersten Moment seiner irdischen Existenz bis hin zum letzten Atemzug! Erinnert Euch immer wieder an die Erkenntnis, die Euer Grundgesetz allen anderen Erklärungen voranstellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Befreit Euch zur Freiheit in Verantwortung! Öffnet die Tore für Gott! Das neue Haus Europa, von dem wir sprechen, braucht ein freies Berlin und ein freies Deutschland. Es braucht vor allem die Luft zum Atmen, geöffnete Fenster, durch die der Geist des Friedens und der Freiheit eindringen kann. Europa braucht nicht zuletzt deshalb überzeugte Türöffner, also Menschen, die die Freiheit schützen durch Solidarität und Verantwortung. Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa braucht dazu den unentbehrlichen Beitrag der Christen. Den Berlinern und allen Deutschen, denen ich dankbar bin für die friedliche Revolution des Geistes, die zur Öffnung dieses Brandenburger Tores führte, rufe ich zu: Löscht den Geist nicht aus! Haltet dieses Tor geöffnet für Euch und alle Menschen! Haltet es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den Geist der Gerechtigkeit und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch die Öffnung Eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe. Der Mensch ist zur Freiheit berufen. —
Ihnen allen, die Sie mich jetzt hören, verkündige ich: Die Fülle und die Vollkommenheit dieser Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus. Er ist der, der über sich bezeugt hat: Ich bin die Tür. In ihm ist den Menschen der Zugang geöffnet zur Fülle der Freiheit und des Lebens.« (Ansprache am Brandenburger Tor, Sonntag, 23. Juni 1996)

Wir wollen diese tröstenden und ermutigenden Worte, die damals von Trillerpfeifen übertönt wurden, heute 15 Jahre danach, dankbar bedenken. Auch heute sind viele Türen wieder verschlossen – von außen und von innen!
Der Auferstandene verweist auf die Zeichen seiner Hingabe, die Zeichen der Liebe: Das ist es, was die Menschen auch heute suchen – wie Freiheit und Bindung überzeugend gelebt werden können.
Die Öffnung der Herzen kann nur vom Mittelpunkt unseres Glaubens ausgehen – nur durch die Kraft und Ermutigung Christi waren damals die Jünger zum Zeugnis bereit, sie sagten aus, was sie gesehen hatten.
Wir wollen Christus bitten, der in unserer Mitte geheimnisvoll gegenwärtig ist, wie wir glauben, daß er uns die Angst nimmt, die uns hinter verschlossene Türen treibt und uns die Freude schenkt, an seiner Auferstehung und seinem Leben Anteil zu haben. Amen.

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