Predigten an den Osterfeiertagen 2011

Predigt am Ostermontag
25. April 2011
Lk 24,13-35

Wege, die zu gehen sind


Einer der großen Texte, die leider an den vielen Gottesdiensten der Kar- und Ostertage untergehen, weil sie von anderen überstrahlt werden, ist das Vierte Gottesknechtlied aus dem Propheten Jesaja 53; wir hören es als 1. Lesung am Nachmittag des Karfreitags.
Ein Vers hat mich in diesem Jahr besonders getroffen: ›Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe, jeder ging für sich seinen Weg.‹
Das scheint mir eine der Grundängste zu sein, die wir – so meine ich – alle kennen. Sich irgendwie zu verrennen. Nicht die Kraft zu haben, den Weg zu gehen, den man eigentlich gehen wollte.

In dieser Situation treffen wir die beiden Emmausjünger an.
Sie haben von den Frauen gehört, von den Engeln am Grab berichteten, aber sie glauben nicht. Ihre Augen sind gehalten.
Sie gleichen damit den vielen Menschen unserer Zeit, die wohl in etwa wissen, was das Christentum bedeutet, aber die selbst nicht glauben können, daß die Wahrheiten des Glaubens auch nur irgend etwas mit ihrem Leben zu tun haben könnten.
Sie sind wie Menschen, die auf Reformen gehofft haben – offensichtlich politische Reformen – und dann enttäuscht worden sind.
Und es ist interessant, wie die Gestalt des unbekannten Wanderers sich als Lehrer erweist. »Mußte nicht Christus all das erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?«
Seine Argumentationskraft jedoch reicht nicht aus, sie von der Auferstehung zu überzeugen. Die beiden traurigen Jünger werden nicht durch die Belehrung zu Glaubenden, gleichwohl spüren sie aber, daß ihnen die Gespräche mit dem geheimnisvollen Wanderer gut tun. – Deshalb nötigen sie ihn, gemeinsam mit ihnen einzukehren.
Der große Gesprächsprozess, der von den Bischöfen angeregt worden ist, mag tröstlich sein für jene, die begonnen haben, ihrer Wege zu gehen. Ob er argumentativ zum Glauben zu führen vermag, scheint mir fraglich. Bezeichnend ist aber doch, daß der Wanderer zum Begleiter wird, der sich nicht einfach hinstellt und sagt: »Ich bin es – fasst mich doch an!«
Andererseits ähnelt der geheimnisvolle Wanderer eben auch nicht dem Psychologen, der alles versteht und am Ende sagt: »Ich weiß es ja auch nicht.« - Er tadelt durchaus ihre Verstocktheit. »O, ihr Unverständigen!«
Die Kirche kennt gerade in der Zeit nach Ostern dieses reflektierende Gespräch. Eine ganze Osterfestwoche verbrachten die Neugetauften mit dem Bischof in katechetischen Gesprächen, um zu bedenken, was da eigentlich an ihnen geschehen ist. Einige dieser langen Katechesen z.B. des Cyrill von Jerusalem sind ja bis heute erhalten, bzw. wieder entdeckt worden.
Aber wir dürfen die Funktion des Glaubensgesprächs nicht überbelasten:
Erst im Zeichen des gebrochenen Brotes werden ihre Augen geöffnet. Durch das Geheimnis der Eucharistie schenkt Gott den Glauben, der die Geschichte in ein radikal neues Licht eintaucht.
Henry de Lubac war überzeugt von dieser Neuheit des Christentums. Es ist nicht bloß eine gewisse Besonderheit da, die in der Person Jesu im christlichen Glauben präsent ist. So wie jede Religion irgend etwas besonderes hat. Sondern das Licht von Ostern läßt die ganze Welt völlig neu werden. Nichts bleibt davon unberührt.
Um die Gnade der geöffneten Augen haben wir im Tagesgebet gebetet und dieses Gebet soll uns führen in dieser Osterzeit:
Gott – du hast der Welt durch das Osterfest heilende Kraft verliehen – laß uns durch diese Gabe des Himmels die vollkommene Freiheit erlangen und einst das ewige Leben. Amen.


Predigt am Ostersonntag
24. April 2011, 12:00 Uhr
Joh 20,1-18

Das innere Ostern – vom Glauben zum Schauen

Bitte weitergehen! Und bitte nicht berühren!

Seit einigen Jahrzehnten, seit sich die nächtliche Feier der Osternacht an vielen Orten durchgesetzt hat, gibt es auch eine gewissen Tendenz, die Tagesmesse vom Ostersonntag, die über Jahrhunderte der ungefragte Höhepunkt des Kirchenjahres war zur Diskussion zu stellen.
Besonders, seit es üblich wurde, die Osternachtfeier an das Ende der Nacht, also den Morgen zu verlegen.
Ich halte das für problematisch. Zum einen liebe ich - ganz offen gesagt - die Ostersequenz und die lichte und fröhliche Atmosphäre des Osterhochamtes. Zum anderen gibt es allerdings auch eine theologische Begründung.

Niemand hat die Auferstehung Christi, die wir an Ostern feiern, als Augenzeuge miterlebt. Weder die Soldaten, die das Grab bewachen sollten, noch die weinenden Frauen, die noch im Dunkeln zum Grab hingingen, um die Totenklage zu halten, wie sie üblich war und wie sie sicher auch ihrem innersten Bedürfnis entsprach.
Berichtet werden jeweils nur Erscheinungen des schon Auferstandenen. Und es sind immer Erscheinungen vor mehreren Personen. So als wollten die Evangelisten deutlich machen – der Glaube an den Auferstandenen ist nicht eine Sache des Einzelnen, nicht eine Privatoffenbarung, sondern ein gemeinsamer Glaube der Kirche. Im antiken Rechtsempfinden gilt eine Sache als glaubhaft, wenn sie von zwei Zeugen gleichlautend vorgetragen wird. Bei einer so ungeheuerlichen Botschaft wie der Auferstehung eines Toten wäre das Zeugnis eines Einzelnen ein hoffnungsloses Unterfangen.
So hat der gemeinsame Osterglaube seinen Sitz im Leben also ungefragt in der Gemeinde der Glaubenden. Und hier ist die Osternachtfeier sicher der rechte Ort, um diesem gemeinsamen Glauben Ausdruck zu verleihen.

Aber gerade in unseren Tagen ist der gemeinsame Glaube, das ›sentire cum ecclesia‹ nicht einfach voraussetzbar. Es muß der persönliche Glaube hinzutreten, das ist heute schwer genug, in einer Zeit, wo wir uns vielleicht ärgern, weil der Glaube der Kirche oft nicht zu unserem persönlichen Glauben paßt. Diesen wichtigen Aspekt zeigt uns die Messe am Ostersonntag, in der wir aus dem Johannesevangelium hören. Ostern ist hier ein Fest der Liebenden. Die Protagonisten sind Personen, von denen wir durchaus mehr wissen, als von den Frauen und den Wächtern, die in den synoptischen Evangelien Zeugen der Auferstehung werden. Es sind Maria Magdalena, dann der Jünger, den Jesus liebte und Petrus, der ihn verraten hat. Einfache Menschen, die nichts haben, als ihre Liebe.
Das Johannesevangelium erzählt in kostbaren Bildern von dem Garten, dem Gärtner und Maria Magdalena.
Der Osterglaube ist auch etwas zutiefst Persönliches. Er ist eine Neuschöpfung der Wirklichkeit, in der wir leben. So wie einst alles im Garten Eden begonnen hat, so wird alles erneuert im Garten am Ölberg.
Und wir erleben mit, wie die anfängliche Begeisterung der Maria für ihren Lehrer und Meister nach und nach umschlägt in Glauben, in eine glaubende Haltung, die die Sinntiefe unseres Daseins neu gefunden hat.
Maria kann nicht sehen. Sie sieht nur sich und ihren großen Verlust. Wer kann ihr das verdenken? Erst als sie angesprochen, mit ihrem Namen angerufen wird – auch hier ein Hinweis auf den Schöpfungsgarten: Gott ruft uns mit unserem Namen – kehrt sie um und erkennt ihren Meister wieder.
Und finden wir uns hier nicht viel stärker wieder? Ist es nicht oft so, daß wir meinen, wir kämen im Glauben der Kirche gar nicht vor? Wo hören wir denn unseren Namen, wenn es um alles Mögliche geht, Strukturenwandel, Pfarreizusammenlegungen usw.
Wo können wir heute - wie Maria Magdalena einst – Gott wiedererkennen? Aber dieses Erkennen ist immer noch anfanghaft und anfängerhaft: sie möchte berühren, das was sie wiedererkannt hat.
Auch hier korrigiert, lehrt der Meister und die Schülerin lernt rasch. Sie hält das nicht fest, was ihr Trost bringt, sondern bezeugt das, was sie gesehen hat den Aposteln.
Ostern ist also mehr als eine gemeinsame Glaubenserfahrung – es ist auch ein persönlicher Weg. Ein durchaus langer Weg, ein Weg der Freiheit, wie sie für einen Bildungsweg unerlässlich ist.
Deswegen, weil Ostern Vertiefung braucht, nicht nur Events, weil es einen langen Atem braucht und einen Raum der Innerlichkeit, deswegen halte ich die zweite Messe am Ostertag für unerlässlich. Dieser besondere Sonntag von Ostern sollte aber auch der gestaltgebende Sonntag sein. Nicht Ausnahmezustand, sondern Vorbild. Eine Art Auftakt und die Klammer mit den anderen Ostermessen, den Sonntagsgottesdiensten, die die Kirche feiert. Es ist also gleichsam so, wie wenn Jesus zu den Jüngern und den Jüngerinnen sagen wollte: Nicht nur das Außergewöhnliche erleben und sich dann daran immer mal erinnern, wie schön das doch war. Sondern aus dem Außergewöhnlichen heraus leben.

Also am Ostersonntag: Bitte weitergehen! Nicht festhalten, nicht berühren, sondern als innerlich Berührte Zeugnis geben für alle, die suchen.
Ostern ist ein Fest der Suchenden, ein Fest der Liebenden.
Pharaonen, die ihr Nachleben technisch inszenieren, brauchen keine Auferstehung. Menschen, die ihre Liebe mit den Lettern der Macht buchstabieren, kennen keinen Schmerz über den Verlust, den uns unsere Endlichkeit beschert. Ostern ist und bleibt ein Fest der kleinen Leute. Und gerade darin liegt sein Geheimnis. Wer klein ist, kann wachsen; wer stark ist im Glauben, kann den Alltag bestehen.
So wie wir am Ostersonntag der Auferstehung Christi in froher und festlicher Weise gedenken, so wollen wir das ganze Jahr über den Sonntag als den wöchentlichen Ostertag begehen. Als einen Tag, der unsere Welt durchlässig macht für das Licht Christi, von dem wir und das ganze All lebt und auf den hin wir gemeinsam unterwegs sind.


Predigt Osternacht
Karsonnabend, 23. April 2011, 22.00 Uhr

Pascha - Übergang zum Leben

Die Osternacht gehört sicher zu den eindrucksvollsten liturgischen Feiern. Nicht wenige, die nach einer Osternacht, zu der sie zufällig dazugekommen waren, nachdenklich wurden: da muß etwas dran sein. Wer so aufwendig etwas zu feiern versteht und dennoch nicht völlig verrückt ist, der kann nicht ganz unrecht haben.
Dabei ist die Osternacht mit ihren eindrucksvollen Zeichenhandlungen ein Kind des 20. Jahrhunderts. Natürlich sind es spätantike Riten, die schon Gregor der Große im 6. Jh. so erlebt hat und von ihm schon als sehr alt empfunden wurden. Aber diese Riten machten nicht das Zentrum des Osterfestes aus, schon im Spätmittelalter wurde sie bereits am Nachmittag und dann in der Neuzeit gleich nach den Karmetten am Vormittag gefeiert, der Form ganz genau beachtet, aber die Zeichen waren vielleicht nicht so erlebbar.
Es war eine romantische Antike- und Mittelalterbegeisterung, die in akademischen Kreisen in den dreißiger Jahren sich ausbreitete – und gemeinsam mit einigen benediktinischen Klöstern – versuchte, zu den Quellen zurückzukehren.
Am liebsten wäre man geistlich in die Katakomben der verfolgten Christen Roms zurückgekehrt, denn hier vermutete man die geheime Kraft, die die frühen Christen befähigt hatte, gegen eine heidnische Umwelt ihren Glauben zu bewahren und auch andere für diesen Glauben zu gewinnen. Sie wollten weg von süßlichen Vorstellungen und eine strenge und archaische Schönheit der Liturgie wiedererringen – der Passionssarkophag auf dem Liederheft, mit seinem geheimnisvollen Mittelfeld, in dem die Auferstehung nur symbolisch angedeutet ist, ist ein schönes Beispiel dafür.
Und wenn sich deutsche Romantik mit historischer Gelehrsamkeit verbindet, dann wird daraus eine politisch einflußreiche Angelegenheit.
Und so begann mit der Wiederherstellung der hora competens im Jahr 1955 eine ganze Reihe von Reformen, die ca. 20 Jahre andauern sollten und der Liturgie ein ganz anderes Aussehen verpaßten.
So haben die Deutschen der Welt nicht nur ein romantisches Weihnachtsfest geschenkt, das auf der ganzen Welt beliebt ist, sondern auch eine romantische Osternacht, die allerdings noch nicht so kommerzialisiert ist und es hoffentlich auch nicht wird.

Ein Unterschied scheint aber gerade bei der Reform des Osterfestes deutlich zu sein: eine ganz starke Geringschätzung des Volksbrauchtums. Hier vermutete man oft heidnische Reste – die Neigung zum Überschwenglichen und Bizarren wurde kritisiert. In gewisser Hinsicht ähnelte die Haltung einiger Vertreter der liturgischen Bewegung eben genau der der Reformatoren, die in der Osternacht „eine Anhäufung unnötiger und kindischer Ceremonien“ (Nürnberger Kirchenordnung1533) sah.
Ich selbst stamme aus der Berliner Diaspora - Volksbräuche gab es in meiner Kinderzeit nicht viele und wenn, dann wurden sie nur ganz verschämt angedeutet.

Interessanterweise beklagen aber nun die Christentümer beider Konfessionen einen massiven Traditionsabbruch. Keiner wüsste mehr so recht, was da in 2000 Jahren christlicher Kunst und Dichtung und Musik entstanden ist. Nur ein paar sehr gebildete Schriftsteller und Musiker kennen sich noch damit aus und greifen hier und da mal ein Motiv heraus. Dabei müsste man doch froh darüber sein – endlich kann die reine Lehre ohne die schlecht verstandenen populären Verzierungen gepredigt werden!
Nun gibt es hier tatsächlich eine Schwierigkeit: während die dogmatische Wahrheit des Weihnachtsfestes geradezu intuitiv ans Herz geht – sein Bild: die Mutter mit dem neugeborenen Kind – so ist das Osterfest das Fest der Bildlosigkeit. Das Zentrum des Osterfestes, das auf Griechisch »Pascha« heißt, ist Übergang, Verwandlung. Die geschieht im Verborgenen, die vier Evangelien berichten nur post festum von der Auferstehung Jesu.
Das Matthäusevangelium schildert das Drumherum, mit der Anführung eines Bebens und der Engelerscheinung. Aber das Grab ist bereits leer. Das Wunder ist bereits geschehen.
So bleibt allein der Übergang, das Umschlagen von Trauer in Entsetzen und dann in Freude, ein Übergang – der in der Seele das abbildet, wovon man sich kein Bild machen kann.
Der Künstler muß hier ausweichen oder interpretieren. Das war auch zur Zeit der vermuteten »reinen Lehre« der frühen Christen so: wir sehen z.B. auf dem Passionssarkophag zwei Soldaten: Einer schaut nach oben zum Christusmonogramm, das von einem Adler herabgesenkt wird und sich mit dem Kreuz verbindet, der andere hält den Kopf gesenkt, vielleicht schläft er, vielleicht will er nicht hinschauen. Einer, könnte man sagen, bebt, der andere ist erstarrt. Die frühchristlichen Legenden sehen in dem einen Soldaten den Hauptmann Longinus, der sich nach dem Lanzenstich bekehrt hat und nach und nach selbst zu einem Zeugen des Lichts wird, das er am Grab gesehen hat.
Zu diesen Bildwelten finden wir aber nur noch schwer Zugang wie mir scheint. Bilder für das Ostergeheimnis müssen sich alle Zeiten neu finden.
Viel sprechender und einfacher zeigt den »Übergang« die Siegespalme, die das Dekorationsmotiv unserer diesjährigen Osterkerze ist. Der Palmstrauß, der am Palmsonntag geweiht wird und den die segenshungrigen Gläubigen mit nach Hause tragen. Auch am Palmsonntag kippt die Stimmung – aus einem „Hosianna- Applaus“ wird eine wütende Menge. Wir kennen dieses Umschlagen in Mutlosigkeit zu gut, als daß wir uns darüber erheben könnten. Es ist zum Zeichen unserer Zeit geworden.
Die Osterbotschaft aber bringt am selben Zeichen das Gegenteil: aus der Dunkelheit des Grabes sprießt das neue Grün hervor. Auch an diesen Umschlag des Lebens erinnert der Palmzweig.
In manchem Gemeinden ist es üblich, daß die Neugetauften vor der Gemeinde etwas erzählen, Zeugnis geben von ihrem neuen Glauben. Anstelle dessen möchte ich bezeugen, daß ich dankbar bin, für die vielen Fragen, die wir gemeinsam im vergangenen Jahr bedacht haben. Ich bin wirklich beschenkt worden. Gespräche miteinander zu führen, das heißt auch die Fragen des anderen als Geschenk zu erleben.
Und wenn Sie in der Zukunft vielleicht einmal Momente haben, wo sie sich einem Palmzweig ähnlich fühlen – aber eben einem vertrockneten im Herbst, dann fragen Sie ihre Patin, nach dem reichen Erfahrungsschatz, den sie aus ihrer Heimat mitbringt.
Es gibt die großen Feste des Lebens und dann das ganze „Dazwischen“. Der Palmzweig, den wir hinter das Kreuz stecken, das in unseren Häusern hängt – erinnert uns das ganze Jahr hindurch an beides: die Janusköpfigkeit unserer menschlichen Natur und die Heilszusage, die uns aus dem Kreuz erwächst. Der Herr ist uns nahe, alle Tage, denn er ist wahrhaft auferstanden! Amen.


Predigt Karfreitag
22. April 2011


Lebensgeheimnis

Im September werden wir hier in Berlin den Hl. Vater begrüßen können. Er gilt als ein großer Theologe, viele haben seine Schriften gelesen und es ist vielleicht angemessen, daß wir in der Akademie gelegentlich Kerngedanken seiner theologischen Überzeugungen aufgreifen, denn er soll nicht bloß empfangen werden als Staatsoberhaupt eines Ministaates oder als spiritueller Führer von 1,3 Milliarden Katholiken, sondern auch als nachdenklicher Mensch, der mit uns über Christus ins Gespräch kommen will.

Einer der Kerngedanken seiner Theologie ist die Zentralität des Kreuzes für die christliche Existenz. Deshalb regt er immer wieder an, daß das Kreuz sichtbar und zentral auf dem Altar stehen soll – nicht an der Seite. Alle sollen auf den schauen, den sie durchbohrt haben. (Joh 19,37 u. Sach 12,10) 
Johannes zitiert den Propheten Sacharja in der Form eines Targum – er wandelt den Text ab und verleiht ihm einen tieferen Sinn.

Ist das nun nicht eine furchtbare Sache? Immer das Kreuz vor Augen? Ist das nicht Lebensverneinung? Eine Verherrlichung des Todes sogar?
Diese Theologie des Kreuzes ergibt sich aus der besonderen Vorstellung von Offenbarung, die Benedikt als junger Hochschullehrer im Mittelalter bei Bonaventura gefunden hat. In etwa besagt seine Entdeckung dies, daß man von Offenbarung nicht sprechen sollte, indem man auf die Offenbarungsquellen verweist: also die Heilige Schrift allein – oder im katholischen Bereich Schrift und Tradition. Sondern Offenbarung ist ein lebendiger Prozess zwischen einem wirklichen Menschen und einem lebendigen Offenbarer, eine Art Zwiegespräch. Die Dokumente dieses Prozesses, die sind dann Schrift und deren hermeneutische Prinzipien – Liturgie und Caritas. Aber das Zentrum oder die Quelle der christlichen Offenbarung ist kein Buch, sondern der lebendige Christus selbst. Und deshalb sollte man es vermeiden, vom Christentum als „Buchreligion“ zu sprechen. 

Christus hat keine Bücher geschrieben, nur einmal hat er etwas in den Sand geschrieben (Joh 8). Er hat uns aber seine Gestalt geschenkt, sein Antlitz. Und es ist nicht verwunderlich, daß die frühen Christen, das was sie an Christus sehen konnten, das was sie von ihm erfahren haben, aufgeschrieben haben. 
Dieses Offenbarungsverständnis, das in der Heiligen Schrift und in der Tradition der Kirche vor allem ein Mittel der Offenbarung sieht, stieß damals auf Ablehnung – die Habilitation genüge nicht den wissenschaftlichen Ansprüchen hieß es.
Später sollte genau diese Erkenntnis sich im II. Vatikanischen Konzil durchsetzen.

Nun gedenken wir heute des Leidens und Sterbens Christi. Und wir müssen uns fragen, was ist denn, wenn dieser lebendige Austausch, das Schauen und das Angeschautwerden, das Sprechen und das Hören, wenn das alles einmal aufhört? 

So mancher, der einmal einen anderen Menschen auf seinem letzten Weg begleitet hat, kennt die Erfahrung, daß die letzten Worte, Gesten besonders deutlich im Gedächtnis bleiben. Es gibt eine Menge Erinnerungsstücke an den Verstorbenen, Briefe, Tagebücher usw. Aber dasjenige, an das ich mich erinnere, das sind doch die Bilder – ein Gespräch, oder das Gefühl einer Berührung, vielleicht auch ein bestimmter Duft. Ganz besonders prägend aber sind die letzten Tage und Stunden. Die letzten Worte sind wie ein Vermächtnis, von dem alle anderen Erinnerungen aus gelesen werden. Vielleicht dürfen wir auch sagen, das Lebensgeheimnis eines Menschen wird sichtbar.
Und vielleicht war es so bei den frühen Christen auch mit dem Kreuz: es ist die letzte Erinnerung an den irdischen Jesus, von dem aus sie sein Leben erst richtig verstehen konnten. Im Matthäusevangelium steht hier das große Glaubensbekenntnis der Heiden, das stellvertretend von einem Hauptmann gesprochen wird: Wahrlich das ist Gottes Sohn gewesen!
Im Johannesevangelium tritt plötzlich der Evangelist selbst als Zeuge auf und spricht die Leser an: Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus.
Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt. (Joh 19,34-35)
Wie also wollte er sagen: jetzt haben wir begriffen, was Jesus meinte. Wir alle wußten, wie sehr uns Jesus zugetan war, aber wir hatten in letzter Konsequenz nicht damit gerechnet, daß er uns lieben würde bis ans Ende.
Im Zeichen des Kreuzes tritt uns das Lebensgeheimnis des Menschen Jesus vor Augen: wie er die Menschen heilte, wie er sie stärkte und wie er ihnen die Sünden vergeben hat. 
Es gibt heute eine ganz starke Tendenz, die uns sagt: es gibt im Menschen kein Geheimnis. Da ist weiter nichts! Man kann Menschen technisch reproduzieren und vervielfältigen sogar, auf jeden Fall kann man hier noch einiges verbessern. 
Wir haben den Tod aus unserem Bewußtsein verdrängt und verlernen nun nach und nach, was das Leben sein soll. Alles wird Verfügbarkeitskriterien unterworfen, alles wird Nützlichkeitserwägungen unterstellt. Ein Ausweg ist schwer zu sehen – kein Gesetz wird den Menschen davon abbringen, zu tun, was möglich ist. 

Allein das Zeichen der Christen könnte eine Rettung sein: in ihm verbirgt sich der Tod und das Leben. Es ist Siegeszeichen unserer Hoffnung. Und als solches wollen wir es jetzt verehren, so wie es die Karfreitagsliturgie erlaubt. Die Liturgie wird so zu einem Medium der konkreten Offenbarung, es wird gleichsam erlebbar, was Sacharja von dem kommenden König weissagt: Und sie werden auf mich schauen, den sie durchbohrt haben. Amen.


Empfehlen

Sie sind der Meinung, Ihre Freunde oder Kollegen werden sich ebenfalls für das Thema interessieren? Dann empfehlen Sie die Seite einfach weiter, indem Sie das folgende Formular ausfüllen und versenden.

Zu versendende Seite:
Predigten an den Osterfeiertagen 2011




Um Spammissbrauch zu verhindern, bitten wir Sie, folgende Sicherheitsfrage zu beantworten: In welcher Stadt befindet sich die Katholische Akademie in Berlin e.V.? *

Anmeldung zur Veranstaltung:

Um eine effektivere Raumplanung vornehmen zu können, würden wir uns freuen, wenn Sie sich für diese Veranstaltung anmelden. Durch die Angabe Ihrer Mailadresse können wir Sie über kurzfristige Änderungen informieren.




(freiwillig)

An der Veranstaltung nehme/n ich und zusätzlich teil.



Um Spammissbrauch zu verhindern, bitten wir Sie, folgende Sicherheitsfrage zu beantworten: In welcher Stadt befindet sich die Katholische Akademie in Berlin e.V.? *


Katholische Akademie in Berlin e.V., Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin
Tel. (030) 28 30 95-0, Fax. (030) 28 30 95-147