Predigten im September-Oktober 2011

Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis – A
2. Okt. 2011 – Verabschiedung als Geistlicher Rektor
Jes 5,1-7; Mt 21,33-43

Weinberge...

Die Heilige Schrift lebt in ihrer Aussage von beziehungshaften Bildern, die Unsichtbares geistlich sichtbar machen wollen. Eines der schönsten poetischen Bilder ist der Weinberg und die angedeutete Mühe, die sich mit der Kultivierung des Weins verbinden. Weinbauern haben eine jahrtausendealte Kultur geschaffen, die überaus aufwendig ist, mühevoll und doch von großem Reiz. Was den Weinberg ausmacht, das sind nicht vor allem die natürlichen Gegebenheiten, sondern die Art und Weise, die Vor- und Nachteile der Natur auszunutzen, bzw. auszugleichen. Der Weinberg erhält seine Prägung durch die Menschen, die ihn bearbeiten. Ein Weinbauer kann sagen: diesem Weinberg habe ich meine ganze Existenz gewidmet. Hier kann man meine Arbeit, mein Leben – vielleicht sogar meine Leidenschaft, meine Obsession sehen.

Es liegt nahe, zwei sehr ähnliche Gleichnisse zusammen vorzutragen: das sogenannte „Weinberglied“ aus dem Propheten Jesaja und das Gleichnis „von den bösen Winzern“ aus dem Matthäusevangelium. Und doch ist diese Zusammenschau etwas unglücklich. Denn in beiden steht der Weinberg für etwas anderes, das nicht miteinander verwechselt werden darf, wenn wir nicht in eine bildtheologisch bedenkliche Schieflage geraten wollen. Bei Jesaja ist der Weinberg Symbol des Volkes Israel, bei Matthäus steht er für das Reich bzw. die Herrschaft Gottes, wer nun die Winzer sein sollen, darüber wurde und wird lange gerätselt. Um die Sache zu klären, bedarf es exegetischer Mühen, die jenen ähneln, die Weinbauern auf sich nehmen. Ein Verabschiedungsgottesdienst ist ganz sicher nicht der geeignete Ort, diese darzustellen. 

Ich möchte heute einfach bei dem Bild des Weinbergs selbst bleiben, auf den Weinberg schauen, in dem ich vier Jahre arbeiten durfte. Im Gegensatz zu einem Weinbauern kann man die Früchte nicht so einfach in Augenschein nehmen und genießen. Man könnte aber eine Wanderung unternehmen und den Weinberg von Weitem betrachten, in dieser Zeit, wo das Laub sich wunderschön färbt. Kann ich sagen: dieser Weinberg, die Katholische Akademie ist mein ganzes Leben?

Andere werden das besser beurteilen können. Ich selbst aber kann sagen, daß ich durch die Veranstaltungen, die ich mit organisieren durfte, sehr viel geschenkt bekommen habe. Daß sich Horizonte aufgetan haben, die mir vor vier Jahren noch völlig verborgen waren. Und daß ich Winzer kennenlernen durfte, die mit Fug und Recht sagen dürfen: diese Akademie ist mein Leben, wir haben sie gemeinsam geprägt, kultiviert, sehr viel Mühe und Schweiß hineingesteckt und wir durften unseren Gästen Trauben präsentieren, die sich sehen lassen können. Diese „Winzer“ sind mir in den letzten vier Jahren zu echten Freunden geworden. Das ist ein großes Geschenk, für das ich heute von Herzen danksagen möchte. Und über diese „Winzergenossen“ hinaus habe ich eine ganze Reihe von Menschen kennenlernen dürfen, die mir den Abschied wirklich schwer werden lassen.

Ihnen allen danke ich für die Offenheit, die Sie mir entgegengebracht haben und bitte Sie aber trotzdem sehr herzlich um ein Gebetsgedenken für den Weinberg, in den ich nun gerufen werde. Ich werde für die Formung und Entwicklung von insgesamt 30 jungen Männern verantwortlich sein, die sich auf die Priesterweihe vorbereiten. In den meisten Glückwunschschreiben fehlt das Wort „verantwortungsvoll“ nicht. Sie alle darf ich Ihrem Gebet empfehlen. Amen.

Predigt am 26. Sonntag im Jkr.
25. Sep. 2011

Was uns umkehren läßt

Die großen Momente unseres Lebens, diejenigen die uns im Gedächtnis bleiben, sind manchmal euphorisch gefärbte – Momente des Glücks, die uns Kraft geben, unseren Lebensweg weiterzugehen. Für viele Menschen waren bei den Gottesdiensten mit dem Heiligen Vater vielleicht solche Momente da. Ob sie am Fernseher gesessen haben oder eine Karte bekommen haben, um teilzunehmen an den Massenveranstaltungen. Die große Freude ist aber normalerweise immer getrübt vom Wissen um ihre Endlichkeit, Zeitlichkeit. Sie verweist auf etwas anderes. Die schönste Erklärung der Seelenregungen, die wir so schwer verstehen, bietet Plato mit dem Mythos vom Seelengespann: die Seele ist deshalb von der Wahrheit und von der Schönheit ergriffen und bewegt, weil sie sich an ihre frühere Zeit erinnert. Die Zeit vor ihrem Sturz ins Materielle, Diesseitige. Und jede Erinnerung – Anamnesis – ist ein Fortschritt, der die Seele ein wenig weiter dahinführt, wo sie vor der Geburt des Menschen war.

Platons spekulativer Geist und sein dichterisches Genie vermochten die Mythen der Alten in den Dienst seiner Lehre hineinzunehmen. Er zerstörte sie nicht, er machte sich nicht einfach lustig über sie, sondern versuchte in ihnen einen wahren Kern freizulegen und diesen in pädagogischer Absicht seinen Schülern mitzugeben. Die Idee von der Umkehr – der Sinnesänderung – ist eine der zentralen Ideen in Platons Lehre vom Menschen. Nun haben Mythen heute keine Hochkonjunktur – jedenfalls nicht in der Kirche: man schämt sich für ihre Weisheit und möchte alles am Liebsten auf platte, schein-wissenschaftliche Weise ausdrücken.  

Wir haben in der Lesung aus dem Alten Testament aus dem Propheten Ezechiel gleichfalls eine Vorstellung von der Sinnesänderung des Menschen. Sie ist weniger spekulativ, sondern beschreibt schlicht den Einfall des Irrationalen – der Gerechte beginnt Unfug zu treiben. Aus irgendwelchen Gründen verläßt er den bewährten Weg. Vielleicht ist das ein früher Hinweis auf das Rätsel des sogenannten „Burn-out“. Ich weiß, daß ich eigentlich diese oder jene Tätigkeit tun sollte, aber ich habe die Kraft dazu nicht mehr. Und weiß nicht, woher ich sie nehmen soll.

Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichten von der Sinnesänderung, der Umkehr? Wir haben im Evangelium eine gleichfalls einfache Beispielgeschichte gehört. Hier wird der Umkehrende Sohn gelobt. Mir geht es vor allem um die Lesung aus dem Brief des hl. Paulus an die Philipper. Paulus greift einen Gesang auf, den er vielleicht den Philippern beigebracht hat. Er nimmt sich fremd aus im Brieftext und dürfte den Philippern bekannt gewesen sein. Christus Jesus war Gott gleich – hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein.

Paulus zerstört die Lieder nicht, die er vielleicht auch in der Römergemeinde vorfindet. Er integriert sie in seine Lehre. Der Unterschied zu Plato ist aber der. Es handelt sich nicht um Spekulation, um eine Wahrheit in den Tiefenschichten des menschlichen Bewußtseins, sondern um Zeugnis einer Wahrheit, die die Apostel erlebt haben, die sie anfassen konnten, wie Johannes schreibt. Und so tritt neben die alttestamentliche vernünftige Umkehr und die platonische Umkehr der Seele eine Umkehr Gottes. Gott sendet seinen Sohn in diese Welt, von den Attributen der Göttlichkeit völlig entkleidet. Es ist nicht der Sturz einer Seele auf die Erde, sondern Gott selbst stürzt auf die Erde, um die Menschen zurückzuholen, Schritt für Schritt. Das ist eine Sinnesänderung, die nicht verstehbar ist. Die wir nicht heranbilden können, sondern die uns vorgelebt worden ist und die wir erbitten können – als Geschenk.

Und hier wird deutlich, was der Philosoph Sloterdijk in seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern“ nicht verstanden hat. Die moralische Kraft, die – wie er meint – das zentrale Moment der großen Religionen ist, ist nur zum Teil ein Ergebnis von Mühe, von Anthropotechnik. Das Christentum ist so nicht verstehbar – es sagt den Menschen eben nicht: Du mußt dein Leben ändern! Sondern es zeigt ihm, was an uns Menschen geschehen ist. Christus wurde wie ein Sklave und uns Menschen gleich. Um unseres Heiles willen verließ er seine Göttlichkeit, um am Ende alle an sich zu ziehen. Das Christentum ruft uns zu: wenn du das glaubst, ja weil du das glaubst, kannst du dein Leben ändern. Weil Gott die Fenster aufgerissen hat, kannst du neu atmen, weil Gott uns so nahe gekommen ist, wie wir uns einander nicht nahekommen können, darfst du leben! Amen.

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis
18. Sep. 2011, Mt 20

Über den Neid

Zwischen Unrechtsbewußtsein und Sehnsucht nistet ein häßlicher Bruder

Die aufregendste Passage in unserem heutigen Evangelium von den Arbeitern im Weinberg ist nicht etwa die Frage nach einem Mindestlohn, sondern die Gegenfrage des Weinbergbesitzers: ἢ ὁ ὀφθαλμός σου πονηρός ἐστιν ὅτι ἐγὼ ἀγαθός εἰμι; - Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? Die gerade in akademischen Kreisen ziemlich verbreitete Haltung, die eben nicht nur bei Tagelöhnern anzutreffen ist, ist jene des Neids. Künstler und Literaten sind gleichfalls leicht von ihm angefressen und es ist erstaunlich, daß jene Wurzelsünde, die seit Gregor dem Großen zum allgemeinen Lasterkatalog der 7 Todsünden gehörte, im Allgemeinen als veraltet gilt. Es kann sich dabei nur um Naivität handeln. Und um mangelnde Menschenkenntnis. Das Auge ist böse – heißt es im Matthäusevangelium. Wer neidisch ist, kann nicht mehr klar sehen. Die Eigenschaft oder das Gut des anderen wird nicht in ihrer Schönheit wahrgenommen, sondern nur darin, daß ein anderer sie hat – und ich nicht. Zwei Schwestern hat der häßliche Neid – das Unrechtsbewußtsein und die Sehnsucht. Weil wir nie über den Neid sprechen, sprechen wir am liebsten über unsere Sehnsüchte, meinen aber ganz etwas anderes.

Und vielleicht hat Nietzsche recht, wenn er meint, die Wurzel der Französischen und aller anderen danach organisierten Revolutionen sei nichts anderes als der Neid. Den Neid durch Strukturveränderungen aus der Welt schaffen zu wollen, durch Einebnung der Unterschiede – viel mehr hätte der Marxismus nicht zu bieten. Jedenfalls sollte jeder Fall von Entrüstung zunächst einmal auf tieferliegende Gefühle abgeklopft werden. Wir haben in den letzten 200 Jahren hier eine wirkliche Verfallsgeschichte des Wissens um den Menschen und seine Natur erleben dürfen. Anders ist es nicht zu erklären, daß gerade im Kampf gegen das offensichtliche Unrecht der Güterverteilung Regimes entstanden sind, die ausschließlich auf Sozialneid beruhen und nichts anderes hervorgebracht haben als ein häßliches Denunziantentum. Die Kommentare der linken Zeitungen zu Ronaldos Aussage vom Freitag, er sei reich, schön und ein großer Fußballspieler – deshalb beneiden sie mich, spricht Bände.

Was ist nun das Heilmittel? Niemand kann sagen: Ab heute bin ich beneidenswert neidlos. Aber wichtig ist eine stetige Einübung in der Danksagung. Und indirekt: Vermeidung der vermeidbaren Laster, die nicht so klammheimlich und so unauffällig daherkommen, wie der Neid. Die Haltung der Großzügigkeit, der magnanimitas, ist ein Lebenswerk.
Das möchte erbeten werden. Neid zerfrißt die Seele und läßt uns boshaft werden. Davor behüte uns der allmächtige Gott. Amen.

Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis – A
11. Sep. 2011
Mt 18,21-35

Never forget?

Woher die Kraft zur Vergebung kommt

Das bekannte Gleichnis, das in der evangelischen Tradition den Namen ›Gleichnis vom Schalksknecht‹ führt, und das bis auf den heutigen Tag (!), ist selbst Auslegung, Erläuterung einer Frage, die aus dem Mund der Petrus stammt und die leicht gestellt ist und schwer beantwortet.
Denn die Antwort klingt wohl oder übel oberlehrerhaft und verfehlt daher allzuoft ihr Ziel. Wir bleiben bei unserer Sicht der Dinge, auch wenn wir uns notgedrungen vertragen, wie Kinder, die um eine Nichtigkeit aneinandergeraten.

Gerade in der Diskussion um interkulturelle Schwierigkeiten wird diese Schwierigkeit besonders deutlich. Hier wird die Vergebung vergiftet durch ein Gefühl der moralischen Überlegenheit und büßt dadurch ihre friedensstiftende Kraft ein. ›Ich kann vergeben, weil ich der bessere bin. Das Christentum ist die Religion der Versöhnung, und eben deswegen ist es die über alle anderen Weltanschauungen erhabene Religion.‹ So könnte man denken. Und das ist so schlicht, daß es schon wieder falsch ist.
Und doch wird unser Evangelium oft so ausgelegt.
Gerade heute am 10. Jahrestag der Terroranschläge auf New York und Washington wird es hoffentlich nicht nur Appelle zur Versöhnung geben, sondern auch die Frage, warum eigentlich? Woher kommt denn die Legitimation, so etwas zu fordern? Und woher soll der Gedemütigte die Kraft zur Vergebung nehmen?
Warum muß das Opfer auch noch die Kosten der Versöhnungsarbeit tragen? Darf es sich nicht wenigstens ein ganz klein wenig im Gefühl der moralischen Überlegenheit sonnen?

Wenn wir im 18. Jahrhundert leben würden und hätten einen ordentlichen Haushalt für Kirchenmusik, dann würden solche Gedanken kaum aufkommen, dann würde Sie wahrscheinlich die passende Bachkantate (BWV 55) ›Ich armer Mensch, ich Sündenknecht‹ vor der Predigt zu hören bekommen. Niemand würde dann so leicht auf die Idee kommen, Aufkleber mit dem Slogan ›Never forget!‹ und den brennenden Twin-Towers zu verteilen. Unsere Zeit ist schon so weit vom Christentum entfernt, daß uns das gar nicht mehr auffällt, wie wenig christlich dieser Gedanke ist, man müsse zwar vergeben, aber man dürfe nicht vergessen. Ja, es sei eben eine wirkliche und restlose Aufarbeitung des Geschehenen notwendig.
›Aufarbeitung‹ ist da gut möglich, wo es um Lappalien geht. Da kann man der Sache nachgehen und rationalisieren, verobjektivieren, klären. Wo aber der ganze Horror zum Vorschein kommt, wo ganze Generationen beim bösen Spiel mitgespielt haben, wo plötzlich Nachbarn gegeneinander stehen, wo Landstriche entvölkert werden – was soll man da aufarbeiten? Wo soll man da beginnen? 
Mehr als den Schutz vor Mythenbildungen aller Art kann man hier nicht verlangen. Das wäre immerhin schon etwas.

Wie weise waren doch die Väter des Westfälischen Friedens, die sich darauf einigten, eben nichts aufzuarbeiten. »(Hiermit) Wird eine ewigwärende Vergessenheit vnd Amnestia auffgerichtet/ aller von Anbegin dieses Krieges an einem oder andern Theil verübten Feindseligkeiten/ an was Ort auch dieselbe fürgangen (...)daß alles/ so dessenhalber einer gegen den andern vorzuwenden haben könte/ durch ein ewiges Vergessen auffgehoben vnd vergraben sey.«

Die Menschen der damaligen Zeit haben ihre Kräfte vielleicht realistischer eingeschätzt, sich nicht überfordert mit moralischen Spitzenleistungen, sich Projekte aufgebürdet, die sowieso bitteschön nachfolgende Generationen zu erledigen hätten. Haben wir das Recht unseren Kindern mit unseren gigantischen monetären Schuldenbergen auch noch moralische Schulden zu hinterlassen?

Es gibt eine zweifellos unschlagbare Botschaft in diesen wichtigen Schlußversen des Kirchenkapitels des Matthäusevangeliums – aber die ist vielleicht schwer zu hören in diesen Tagen.
Wir haben verlernt, vom barmherzigen Richter zu sprechen – in den romanischen Kathedralen thront der Weltenrichter über dem Eingang – man muß da durch, wenn man in die Kirche will. Man muß sich fragen – welche Seite ist meine? Was hab ich getan? Wer bin ich? Über tausend Jahre sprach dieses Bild – in der Gotik wurde es durch die Gottesmutter ersetzt – sie sollte die Menschen in die Kirche ihres Sohnes hineinziehen durch ihre Anmut.

Die Botschaft des Evangeliums vom unbarmherzigen Diener ist die einer gewissen Schrägheit. Es wird eine ziemlich absurde und völlig überzogene Geschichte erzählt, deren surrealer Charakter uns vielleicht deshalb nicht mehr auffällt, weil wir uns an irrwitzige und unvorstellbare Summen inzwischen gewöhnt haben. In Zeiten der inflationären Euro-Rettungsschirme spielen 1000 Talente oder eben 60 Millionen Denare keine überraschende Rolle mehr. Und doch ist dies die eigentliche Antwort auf die Frage ›Warum eigentlich vergeben?‹ - weil nur, um ein paar Leutchen in einer verlassenen Provinz in der Levante von der Liebe Gottes zu überzeugen, der gesamte Kosmos in Bewegung gesetzt wurde. Das glaubt das Christentum. Die Christen sind beschwipst von der Erfahrung, daß ihnen durch Jesu Leben und Sterben die ganze Schuld geschenkt worden ist. Das Programm Jesu wird dem Josef im Traum durch den Engel kurz umrissen: ›Du sollst ihn Jesus nennen, denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen‹. Und am Ende, beim letzten Abendmahl wird dieses Programm ausgelotet bis in den Tod hinein. ›Das ist der Neue Bund in meinem Blut zur Vergebung der Sünden.‹
Frieden geschieht nicht durch Händeschütteln, nicht durch Zähne-Zusammenbeißen und nicht durch Psychoanalyse und Gruppentherapie – sondern durch das Kreuz Christi. Das war zu Zeiten des Apostels Paulus ein Ärgernis und ist es bis heute -gegen diese Idee, oder diese Tatsache laufen seit Jahren die Religionssoziologen Sturm. Das wäre doch gewalttätig. Ist es auch. Aber davor die Augen zu verschließen, daß eben diese Welt gewalttätig ist, das ist die eigentliche Lüge. Die Vorstellung ›Never forget‹ - aber arbeite alles im Diskurs auf, ist vielleicht verständlich aber letztlich naiv.
Wie viel weiser ist der Psalm 102 (oder 103) mit dem die Kirche ihre Komplet am Sonnabend ausklingen lässt: Lobe den Herren meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat. Der dir alle deine Sünden vergibt und all deine Gebrechen heilt. Amen.


Predigt am 23. Sonntag im Jkr. A
04. Sptember 2011
Matthäus 18,15-20

Täterzentriert? Opferzentriert?

Wie sich das biblische Liebesgebot in einer Gemeinschaft leben läßt

Die Worte des 18. Kapitels des Matthäusevangeliums sind in der Theologiegeschichte von einer überragenden Relevanz. In den Ohren der meisten Zeitgenossen klingen sie wie Zaubersprüche. Eine Zauberanleitung für die Jünger Jesu: „Was ihr auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein...“

Freisprechen bzw. Versöhnen und Schuldigsprechen bzw. Ausschließen sind Akte judikativer Gewalt. Es gehört zum katholischen Glauben, daß die Bevollmächtigten – die Nachfolger der Jünger Christi – eine solche Gewalt haben. Aber der ist in unseren Breiten ganz schwach ausgeprägt. Man geht heute zur Beichte, weil es einem gut tut, weil man sich aussprechen kann. Aber nicht, weil da einer sitzt, der lossprechen kann, weil ihm der Bischof die Jurisdiktion dafür gegeben hat.

Und noch schwieriger ist es beim Binden – das klingt geradezu nach einer Machtanmaßung, die so gar nicht zu dem freundlichen, über die Wiesen und Felder Galiläas schreitenden Geschichtenerzähler-Jesus, den wir so gerne haben.
Das klingt wie eine Lösungsanweisung für Krisen in der Gemeinde. Und das ist es auch.
Der Ursprung ist hier offensichtliches Fehlverhalten gegenüber einem Gemeindemitglied. Das ist nicht Aufruf zur Denunziation! Wir hören die Stelle meist so „Wenn du meinst, dein Bruder sündigt, dann gehe zu ihm hin...“ aber davon ist nicht die Rede. Der Sachverhalt muß offensichtlich sein, es geht hier nicht um eine Beweisaufnahme nach anfänglichem Verdacht. Es geht darum, wie eine Gemeinschaft weiterbestehen kann, nachdem eines der Geschwister von einem anderen gedemütigt worden ist, ja vielleicht sogar physisch geschädigt oder umgebracht worden ist. Die Verwandten und auch wir sind alle da, wir wissen um das Problem und versuchen uns irgendwie zu dem Täter zu verhalten.
Mich erinnert das ein wenig an die Mauerschützenprozesse, die vor einigen Jahren abgeschlossen wurden, meist mit Bewährungsstrafen.
Auch hier ging es nicht um den Verdacht, sondern es ging um jene Menschen, die eine Kopfprämie kassiert haben (150 Mark waren das damals), die eine Beförderung bekommen haben, nachdem sie einen Flüchtling erschossen haben. (Nicht ein einziger hat übrigens die Tat bereut, die Medien haben sich auf Verhältnismäßigkeiten eingeschossen. Aber niemand hat die Angehörigen der Opfer gehört. Sie waren bei den Prozessen nicht oder nur selten vertreten.)
Opferzentrierung ist ein Modewort – aber was das heißt, müssen wir noch lernen. Dazu kann das Evangelium eine Hilfe sein. Die Tat ist notorisch – allen bekannt. Die Freunde und Verwandten des Opfers leben unter uns. Wie sollen wir nun, die wir zum Liebesgebot verpflichtet sind, mit solch einem unerträglichen Zustand umgehen?
Verdrängen? Pathologisieren? Beschwichtigen. So gehen wir oft damit um. Die Probleme der anderen sind in einer individualistischen Gesellschaft nicht unser Bier.
Christlich ist das nicht.
In diesem Härtefall kommt ein für das Christentum typischer Begriff ins Spiel. Der Täter muß umkehren. Er muß bereuen und durch seine Reue den Opfern Genugtuung leisten.
Er kann den Schaden oftmals nicht restituieren, aber er kann seine Scham zum Ausdruck bringen, darüber, daß er keine Genugtuung leisten kann. Diese Umkehr ist das Ziel der Aktivitäten der Gemeinschaft. Das ist der Weg zur Heilung der Wunden und Risse, die die Sünde des einen geschlagen hat.
Wenn dieser Weg möglich ist, so kann die Gemeinde weiterbestehen. Gelingt er nicht, so muß sie zerbrechen. Und damit sie nicht völlig zerbricht, ist der Ausschluß vorgesehen. Das ist eine ultima ratio –eine Notlösung.
In Deutschland ist diese „Notlösung“ im vergangenen Jahr 181 000mal eingetreten. Automatisch – durch Mitteilung von zentralen Melderegister. Und wir müssen uns schon fragen, ob diese Praxis tatsächlich vom heutigen Evangelium Matthäus 18 gedeckt ist. Ob es mit den Worten des Evangeliums belegbar ist, jemanden automatisch zu exkommunizieren, wenn er beispielsweise keine Kirchensteuer zahlen möchte.

Zwei Momente scheinen mir im heutigen Evangelium nachdenkenswert: zum einen die Vorstellung, daß die Jüngergemeinschaft eine tatsächliche Lebensgemeinschaft ist. Und wir sollten uns fragen, ob wir das tatsächlich so empfinden.
Und das zweite wäre die Konkretheit des Liebesgebotes: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Das heißt zunächst eben nicht, die ganze Menschheit umarmen zu wollen, sondern den Bruder mit seinen Schwächen und Macken mitzutragen, nicht die Schwächen zu lieben, sondern ihn trotz seiner Schwächen zu lieben. Und da gibt es eine Menge zu tun.

Die Gemeinschaft der Jünger Jesu ist eine zerbrechliche und doch reicht sie bis in den Himmel. Wir gelangen dort nicht alleine hinein, sondern nur durch unsere geheimnisvolle, dh. sakramentale Gemeinschaft mit Christus. Es sollte uns nicht einerlei sein, wenn einem Bruder oder einer Schwester diese Gemeinschaft einerlei geworden ist.
Paulus bringt es im Römerbrief auf die kurze Formel: Nur die Liebe schuldet ihr einander immer! Beten wir für unsere Geschwister im Glauben und für uns selbst, daß wir behutsam und liebevoll einander auf dem gemeinsamen Weg stärken. Amen.

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