Predigten im Juni 2011

Predigt Peter und Paul
29. Juni 2011

Der Fischer mit dem brennenden Herzen

... Eine kleine Gruppe jüdischer Einwanderer singt Psalmenlieder – auf Hebräisch wenn Petrus da ist – in griechischer Sprache, wenn wenn er unterwegs ist... Wenn man stehenbleibt in den engen Straßen des Esquilinviertels kann man sie durch die Türen ganz schwach hören. Das Haus des Senators Pudens ist bekannt für seine offenen Türen – seit er den Glauben seines Gastes Petrus aus Antiochia angenommen hat. Hier wird so schnell niemand abgewiesen...

So ähnlich könnte ein historischer Roman beginnen, der literarisch die Ursprünglichkeit des frühen Christen darstellen will. Es gab im 19. und 20. Jahrhundert eine Menge romantischer Literatur über die Anfänge der Kirche. Der historische Roman möchte Geschichten über Menschen erzählen – und manchmal ähneln die beschriebenen Menschen denen, die über sie schreiben. Manchmal haben die Autoren selbst nach längerer Irrfahrt oder nach langer Inkubation zurück zur Kirche gefunden und suchen nach dem Faszinosum einer 2000jährigen Institution.
Kinofilme werden gedreht, und immer geht die Frage mit: ›Wie konnte aus solch kleinen, merkwürdigen Anfängen eine solch auratische und ehrfurchtgebietende, weltumspannende Gemeinschaft werden?‹

Vor einigen Wochen ist im Spiegel-Verlag ein autobiographisch gehaltenes Buch erschienen, das von einem ›katholischen Abenteuer‹ berichtet und erklären will, warum es sich lohnt, gerade auch heute, sich auf dieses ›Abenteuer‹ einzulassen. Solche Bücher hat es meterweise gegeben, sie stehen in Pfarrbüchereien und erscheinen normalerweise in kleinen katholischen Verlagen, die über kein Werbebudget verfügen.
Anders bei dem ›katholischen Abenteuer‹ - es liegt in den Auslagen und steht auf Bestsellerlisten – eines verbindet diese Bücher: sie gehören zum Genre der Bekenntnis-Literatur. Man kann diese Texte als Pamphlet bezeichnen oder als Zeugnis - je nach dem. Sie wollen Zeugnis geben, Zeugnis von einem brennenden Herzen.
Es geht dabei vielleicht weniger um Erbauung und Erbaulichkeit – es gehört immer auch dazu, seine Irrfahrten einzugestehen. Man kann dieses Zeugnis akzeptieren oder zurückweisen. Eine bekannte Schriftstellerin hat mir letztens berichtet, wie absurd sie es findet, wenn ein bekannter Schürzenjäger wie der Autor des ›Abenteuers‹ sich hinstellt und von seinem Katholischsein schwärmt.

Um eine Gruppe von Menschen mit einem brennenden Herzen geht es auch am heutigen Festtag der Apostel Petrus und Paulus. Vielleicht wird bei Heiligen zu oft der Aspekt der heroischen Tugendhaftigkeit betont – und zu wenig jener pfingstliche Aspekt des Glaubens, jener des brennenden Herzens. Der aus einem gewöhnlichen Raum einen kleinen Abendmahlssaal macht.
Meist steht Paulus für die Bekehrung, während Petrus die Geradlinigkeit symbolisiert. Aber das ist zu kurz gegriffen.Auch die Gestalt des Petrus eignet sich in wunderbarer Weise auf die Mängel an Festigkeit und moralischer Tugendhaftigkeit hinzuweisen, um dann das brennende Herz bloßzulegen. Angefangen bei Petrus und beim Völkerapostel  gibt es im Laufe der späteren Geschichte des Christentums eine ganze Reihe von Augustinus-Existenzen, die gerade durch ihre Fehler und ihre Schwächen und ihre Irrwege uns sehr viel über diese merkwürdige Haltung sagen, die wir »Glauben« nennen. Jedenfalls mehr, als wenn wir den ganzen Weltkatechismus auswendig lernen würden.
Petrus hat eine Autorität in der kleinen Gruppe der Christen in Rom – nicht weil er ein Macher ist, sondern weil er ein Schwacher ist, jedenfalls schwächer, als viele seiner Freunde. Seine Größe besteht in der Wahrhaftigkeit und nicht im Großtun. Vielleicht können sich deswegen viele mit ihm identifizieren. Einer wie Petrus – da fällt es leicht zu sagen: Das ist einer von uns – der ist ja wie ich. Was an ihm felsenhaft ist, ist sein Glaube.
Viele Christen heute tun sich schwer mit Neubekehrten, mit den ganzen sogenannten Neuen Bewegungen – sicher stecken da auch Erfahrungen darin – aber wir müssen uns auch fragen, ob wir uns gerade deswegen mit ihnen schwer tun, weil sie uns einen Spiegel vorhalten. Einen Spiegel, in dem wir nichts weiter als unsere Langeweile sehen.
Ich glaube, der Erfolg der frühen Kirche hing entscheidend damit zusammen, daß sie keine Scheu vor ‹Augustinus-Existenzen‹ hatte, daß sie Menschen akzeptieren konnte, die nicht alles richtig gemacht haben in ihrem Leben. Und die Zukunft unserer Gemeinden wird auch davon abhängen, ob wir uns von Konvertiten etwas sagen lassen oder uns einigeln, abschotten.

Wenn die Sommerferien vorbei sein werden, wird uns der Nachfolger des hl. Petrus besuchen, er ist kein Umgekehrter, kein Neubekehrter – das kirchliche Auswahlsystem sorgt dafür, daß Konvertiten und echte Augustinus-Existenzen schwerlich in höhere Ämter gelangen.
Er ist zwar kein Konvertit, der Papst, aber es gibt doch kaum einen Theologen, dem der Papst in seinem Denken mehr verdankt, als dem bekehrten Kirchenvater, dem Patron der Konvertiten, der mit einem brennenden Herz dargestellt wird.
Vielleicht liegt es ja an der Tugendhaftigkeit, daß sich nur recht wenige Menschen sich spontan mit dem heutigen Petrus identifizieren können – zu klug, zu konservativ, zu alt...
Er ist selbst kein Konvertit, aber klug genug, um genau um die Gebrochenheit unserer Existenz zu wissen. Und das ist auch das Drama der Kirche unserer Zeit – den Glauben des Petrus durch die vielen Brüche und Gebrochenheiten unserer Existenz hindurch zu bezeugen.
Erwartungen werden geäußert: Reformer erwarten Reformpakete und die Konservativen erwarten Brokatgewänder. Journalisten fragen immer nach Erwartungen. Eine Frau hat im Vorfeld des Papstbesuchs in Afrika geantwortet: Daß er uns segnet! Das wünsche ich mir. – Mehr nicht? Fragte der Journalist. Nein, sagt die Afrikanerin. Denn der Papst wird ja wieder zurückkehren in sein Land. Und wir sind dann hier in Afrika wieder allein – mit unseren Schwächen und Unzulänglichkeiten. Und dann kommt es auf unseren Glauben an. Auf einen sehr starken Glauben. Er soll uns segnen und unseren Glauben stärken, dann werden nicht unsere Häuser, sondern unsere Herzen brennen.
Diese geistliche Dimension neu zu erkennen in unserem Leben und in unserer Stadt, die könnte eine ganz kostbare Frucht des Papstbesuches im September sein. Eine Frucht, die einer frustrierten und hoffnungslosen Gesellschaft Kraft zu einem Neubeginn schenken könnte.

Heiliger Petrus, steh unserem Bistum Berlin bei, den vielen Christen in dieser Stadt, unseren Gemeinden, allen Menschen mit brennendem Herzen. Bitte für alle, die auf der Suche sind nach Gott, bitte für alle, die ihren Überzeugungen irgendwann einmal in ihrem Leben untreu geworden sind und sich dessen schämen und schenke uns die Kraft des frohen Bekenntnisses. Amen.


Predigt am Fronleichnamssonntag
26. Juni 2011
12:00 Uhr Akademie

Das Heilige zu den Kranken tragen

»Auch denen die nicht dabei sind, bringen sie etwas davon. Diese Speise nennt man bei uns Eucharistie.«
Justin v. Rom, 1 apol. 65,66; ca. 150 n. Chr.

Fronleichnam, das Fest mit dem mittelhochdeutschen Namen, gilt als das ›katholischste Fest‹ schlechthin. Es ruft bei vielen Katholiken prägende Erinnerungen hervor. Manches Mal positive – die zur Gestaltwerdung der eigenen religiösen Identität beitragen, manchmal vielleicht auch gegenteilige. Die den Aufwand und die Zeremonie in Frage stellen und dahinter den Glauben suchen und nur so wenig finden.
Wie dem auch sei, ein ›katholisches‹ Fest jedoch ist es eigentlich nicht. Denn ohne Eucharistie gibt es kein Christentum. Ohne jenes Geheimnis, von dem wir glauben, daß wir es zum Andenken an Christus, den Herrn, sonntäglich, ja tagtäglich tun, gibt es überhaupt keinen christlichen Glauben.
Daß das ›Sakrament der Sakramente‹ wie es die östlichen Kirchen bezeichnen, verschieden interpretiert wird, vor allem im Hinblick darauf, wer es feiert, wie man es feiert und wer es empfangen sollte – ist durchaus zweitrangig. (Noch Jahrzehnte nach Einführung der Reformation in Brandenburg hat es Fronleichnamsprozessionen in Berlin gegeben – die Altkatholiken des 19. Jh. hingegen haben Fronleichnam für ihre Gemeinden sofort abgeschafft.)
Der Kern und die Botschaft des Fronleichnamsfestes ist also ursprünglich kein apologetischer, sondern ein verweisender.
Die Demonstratio, der Hinweis auf die gewandelte Hostie erinnert schlicht an den Ursprung der Kirche im Jerusalemer Abendmahlssaal, an die bleibende Gegenwart Christi in seiner Kirche und an das zukünftige Hochzeitsmahl, das wir – so hoffen wir – einmal in der Gemeinschaft der Heiligen vor Gottes Angesicht feiern dürfen.
Das Fronleichnamsfest findet seinen urkirchlichen Ursprung in der Praxis, die eucharistischen Gaben aufzubewahren und sie den Kranken zu bringen.
Warum ich glaube, gerade in einer Akademiekirche nicht auf die Feier des Fronleichnamsfestes verzichten zu können, ist dabei nicht eine Profilneurose, sondern etwas anderes: weil dieses Fest einen mystischen Ursprung hat, weil es sich der Normierung entzieht. Die Frauenmystik des Hochmittelalters und die in ihr gepflegte Eucharistieverehrung war der Ursprung der Fronleichnamsfrömmigkeit. Sie hatte schon damals nicht nur Freunde. Eine exzentrische Sache vermuteten die Gegner. Auch heute ist es nicht viel anders: Das Fest paßt nicht in eine Welt der zunehmenden Normierung des Privatlebens.  Es sprengt den Rahmen der Kirchenmauern. Es muß gewissermaßen in jedem Jahr neu ›gefunden‹ werden – es hängt von so vielen Dingen ab, die sich der Planung entziehen und ist von vielen Volkstümlichkeiten geprägt.
Seine Einrichtung im hohen Mittelalter ist darüber hinaus für uns gewissermaßen eine Verpflichtung. Es ist - wenn man das so sagen darf - der ›germanische‹ Beitrag zum Kirchenjahr. Entgegen dem liturgischen »Gesetz« ›ex oriente lux‹, nachdem der überragende Teil unserer Feste und Gottesdienste entweder ihren Ursprung im jüdischen Festkalender haben oder im Osten aufkamen und dann im Abendland eingeführt wurden gibt es bedeutende Ausnahmen, die interessanterweise bis heute die Emotionen in Wallung bringen: neben dem westlichen Weihnachtsfest eben diese zweite liturgische Innovation – die sogar nördlich der Alpen in Lüttich (im heutigen Belgien) entstand: das Fronleichnamsfest. Einige glückliche Umstände – nämlich, daß ein Archidiakon, der selbst aus Lüttich stammte und Beichtvater der hl. Juliana war und das Fronleichnamsfest aus seiner Heimat kannte selbst Papst wurde und es darum auch in Italien mit großem Aufwand propagierte – und das kostbare Offizium, das der heilige Thomas von Aquin für dieses neue Fest schuf – trugen zum Erfolg bei.
Das Fronleichnamsfest ist ein Fest der Bürger. Es hat sich nicht über Verlautbarungen und über Klöster hinweg ausgebreitet, sondern über die Kaufmannswege – es wurde zunächst nur in Hansestädten gefeiert an der Nord- und Ostseeküste. Als Urban IV. starb, kam das Fronleichnamsfest auch wieder aus der Mode. Es wurde nur noch in den damaligen Ländern des Römischen Reichs gefeiert - um sich dann doch vollständig durchzusetzen.
Sein Siegeszug trat es aber erst im 16. Jh. an: Gegenreformation und der Barock erfanden dieses ›deutsche Fest‹ gewissermaßen neu und gaben ihm auch in den romanischen Ländern eine geradezu phantastische Gestalt.
Die Nüchternheit und Ernsthaftigkeit, die die römische Liturgie von den innigen Gesangsgottesdiensten der protestantischen Christen und von der Sinnlichkeit der östlichen Kirchen unterscheidet und auszeichnet, wird einmalig und kurzzeitig ausgesetzt – was den Schmuck der Kirche und des Altars und die Kerzenzahl angeht, lautet der Grundsatz: Quantum potes, tantum aude! (Soviel du kannst!)
Professor Elmar Salmann hat vor Kurzem im Bodemuseum in 8 Thesen zum ›Barocken Glanz der armen Gottheit‹ ein Feuerwerk an theologischen und kulturphilosophischen Gedanken gezündet, das ich noch sehr eindrücklich in Erinnerung habe. Er erklärte diese Merkwürdigkeit, folgendermaßen: das Christentum ist der Versuch, die religiösen Triebkräfte des Menschen abzukühlen, einzuzäunen, die nach George Bataille immer mit Opfer und Verschwendung zu tun haben. Vielleicht ist es genau dieses, was am Fronleichnamsfest – als Ausnahme gestattet wird. Die Ärmlichkeit unseres Daseins in eine verschwenderische Hülle einzukleiden, in eine luxuriöse Fassung zu geben, die mehr Sehnsucht ist als Realität.
Es ist genau dieses Aufblitzen des Übermaßes, was im Leben geschieht, das sich Gott hinhält – ihm aussetzt. Die Aussetzung der gewandelten Hostie ist zugleich ein Sich-Aussetzen der Erbärmlichkeit unserer Existenz in das Licht Gottes hinein. Wie Bettler stehen wir vor Gott – wie Kranke warten wir auf die Reste der Eucharistie, an der wir nicht teilnehmen können. Wir, die Kirche im Festkleid, tragen den Bräutigam durch unsere Straßen, zu uns nach Hause und wissen doch, daß er es ist, der uns trägt.

Der hl. Ephräm besingt das Feuer, das Wunder und den Geist im 4. Jh.
»In deinem Brot verbirgt sich der Geist, der nicht gegessen werden kann;
in deinem Wein ist das Feuer, das man nicht trinken kann.
Der Geist in deinem Brot, das Feuer in deinem Wein:
Siehe, ein Wunder, das von unseren Lippen aufgenommen wird.
Der Seraph konnte seine Finger nicht der Glut nähern,
die sich nur dem Mund des Jesaja näherte;
weder Finger haben sie genommen, noch Lippen haben sie geschluckt;
uns aber hat der Herr gestattet, beides zu tun.
Das Feuer kam mit Zorn herab, um die Sünder zu zerstören,
aber das Feuer der Gnade kommt auf das Brot herab und bleibt dort.
Statt des Feuers, das den Menschen zerstörte,
haben wir das Feuer im Brot gegessen und sind belebt worden.«
(Hymnus De Fide 10,8–10)

Gott möge bei uns bleiben mit seiner Gnade und uns trösten und stärken mit dem Feuer seines Geistes bis an das Ende der Zeit. Amen.


Predigt am Dreifaltigkeitssonntag 2011 
19. Juni 2011, Akademiekirche
Joh 3,16-18

So sehr hat Gott die Welt geliebt

Terrence Malicks Weg zu Gott

Die kurzen und systematisch ausgewählten Lesungen des Dreifaltigkeitsfestes erlauben keine großen Predigteinleitungen. Sie bringen die wesentlichen Fragen und offenbaren die wesentlichen Antworten, aber die Frage ist doch, ob jemand überhaupt die wesentlichen Fragen inkl. die dazugehörigen Antworten hören will.
Zweifel mögen hier berechtigt sein. Und Zweifel gehören eigentlich nur rhetorisch in eine Predigt hinein. Dabei sind Zweifler heute sehr beliebt auf allen möglichen Podien und Lehrstühlen. Zweifel sind schick – Normative Aussagen obsolet. Dabei sind Kanzelzweifel überhaupt nicht plausibel - es scheint eher so zu sein, daß es eine besonders subtile Masche ist, sich anzubiedern beim Publikum, bei der Gemeinde, wenn man mit seinen Zweifeln hausieren geht. Wer wirklich im Innersten zweifelt, hält seine Klappe.
Tatsächlich ist es so, daß die Zweifel und Fragen so groß werden, daß man sie nicht mehr erzählen kann, daß man sie gar nicht vom Pult herunterposaunen kann, weil sie einen vom Pult weggetrieben haben, weil sie einem die Sprache verschlagen haben.
Wenn man aber meint, irgendetwas verstanden zu haben von Gott und sich aufrafft, davon zu erzählen, kann man sehr leicht auf Abwege geraten - das Dreifaltigkeitsfest ist ein paradigmatischer Fall dafür: entweder man sagt zu viel oder man verkürzt auf unredliche Weise. Vieles davon scheint sehr weit weg zu sein von der Lebenswirklichkeit der Menschen. 

Einen grandiosen Versuch seinen Glauben und seine Fragen in einen Film zu packen, sie nicht in Worten, sondern in Bildern zu erzählen, können Sie gerade im Kino bewundern: Terrence Malicks Film „The Tree of Life“. Er hat zwar in Cannes gewonnen, aber die Filmkritiker tun sich trotzdem schwer mit diesem unglaublichen Film. Er erzählt eine tragische Familiengeschichte in sonnendurchfluteten Bildern und webt in diese Geschichte die Geschichte des Universums hinein – in atemberaubenden Bild- und Musiksequenzen. Es ist alles fast zu schön. Der Erzähler ist ein trauriger aber erfolgreicher Architekt, der zurückblickt in seine Kindheit mit seinen Geschwistern, seiner liebevollen Mutter und seinem strengen, unsicheren Vater. Und dieser Erzähler erzählt von seinem Glauben, dem Glauben an einen lieben Gott da oben – der gibt und nimmt, wie es ihm gefällt. Eine Hiobsgeschichte in gewisser Hinsicht.
Hier gibt es eine gewisse Analogie zum heutigen liturgischen Fest. Auch der Dreifaltigkeitssonntag ist so etwas wie ein Scharnier, ein ätherischer Gipfel nach dem Pfingstfest, der fragt was wir denn erlebt haben bis heute mit Gott. 
Heute am Dreifaltigkeitsfest blicken wir gleichfalls zurück in eine Lebensgeschichte: im ersten Halbjahr des Kirchenjahres erleben wir die Taten Gottes mit als Heilsgeschichte – vom Advent angefangen – und es ergeht einem merkwürdiger Weise so ähnlich wie in Malicks Film:
Wir fühlen uns verstanden, wenn die Kirche eine Familiengeschichte erzählt – nämlich an Weihnachten, dann stellt sie Fragen über die Verlorenheit des Menschen – in der Fastenzeit und dann beantwortet sie diese Fragen mit den bekannten Antworten: Licht (Ostern), Leben (Pfingsten), Liebe (Dreifaltigkeitssonntag). Die ganz große Geschichte von der Erschaffung der Welt, die wir in der Osternacht hören und von ihrer noch schöneren Wiederherstellung durch die Auferstehung Christi ist leider nicht so beliebt wie die kleine Familiengeschichte an Weihnachten – die Sendung des ewigen Sohnes auf diese unsere Erde. Und doch hängen beide Geschichten miteinander zusammen. 

Wir sind Zuschauer eines gigantischen Dramas – das Drehbuch ist mehr eine Ahnung, ist mehr eine Bitte um Licht und Verstehen. 
Wir haben heute vielleicht die Möglichkeit die Welt so ähnlich zu sehen, wie E.T.A. Hoffmann Calderóns Mysterienspiele wiederentdeckt hat. 

Die Schwäche des Kinos aber ist, die Leinwand. Der Zuschauer bleibt im Dunkeln, allein. Er kann nicht mit einbezogen werden. Das heutige Evangelium zeigt uns sehr schön, daß es auf uns ankommt, ob wir Teil dieses Dramas sein wollen oder Zuschauer. Beides ist möglich.
Das Dreifaltigkeitsfest zeigt Gott als ewige Liebe – schon immer ist er Liebe des Vaters zum Sohn im Heiligen Geist. Er braucht uns nicht, ihm ist nicht langweilig – wie Liebenden nie langweilig wird. Und doch erschöpft sich diese Liebe nicht, sondern wird kreativ, schenkend, schöpferisch: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen Sohn dahinab. So bietet er uns die Gemeinschaft an: Komm zu mir! Kein Zwang ist da, keine Notwendigkeit, kein Automatismus. Und wir haben keinen Anspruch auf diesen Zuruf Gottes, dieses Angebot an Gemeinschaft. Wir meinen das manchmal vielleicht. Aber es kann keinen Anspruch auf Liebe geben, so wenig, wie am Liebe kaufen kann, so wenig wie man Liebe zwingen kann und planen kann. 
Dieses spielerische Element der Freiheit mag uns fremd und merkwürdig vorkommen – aber es ist die Logik der Liebe Gottes. 
Unverständlich. Dunkel und hell zu gleich. 
Ein Fest des Zweifelns und des Nichtverstehenkönnens und ein Fest der Bitte, glauben zu können. Unnahbarer Gott, ewige Liebe – ich möchte glauben! An dich, und dein ewiges Leben. Amen.


Predigt am Pfingstmontag
13. Juni 2011 
12:00 Uhr

... und auch ihr sollt Zeugnis ablegen

Alojs Andritzki und das Fest der größeren Liebe

Das Fest der "Neuschöpfung der Menschheit" ist wenig populär – es scheint so zu sein, als wäre das Pfingstfest ein recht abstraktes: die Schilderung in der Apostelgeschichte eine bloß metaphorische mit Saus und Braus, als ginge es nur darum die Idee von einem göttlichen Geist in uns gebührend zu würdigen. Pfingsten ist zugleich Fest der neuen Schöpfung und Fest der je größeren Liebe.
Aber das Pfingstfest ist Erinnerung und Dankbarkeit für ein wirkliches, ein historisches Geschehen. Ein Geschehen jedoch, das sich immer und immer wiederholt. Immer dann, wenn ein Mensch um die Taufe bittet, wenn er das Sakrament der Firmung empfängt, wird er eine neue Schöpfung. 
Nun davon ist ja recht wenig zu spüren. Christen aller Couleur verhalten sich doch kaum anders als ihre Nachbarn, die nicht daran denken, sich taufen zu lassen.
Ja es ist sogar so, daß das Zeugnis der Liebe noch viel weniger zu greifen ist, als das Gefühl durch Gott neugeschaffen zu sein.

Daher ist es ein glücklicher Zufall, daß uns heute eine Illustration dieses Zeugnisses der größeren Liebe vor Augen tritt. Das Bistum Dresden-Meissen erlebt nämlich heute eine ganz besondere Stunde: vor der Hofkirche wird der ehemalige Hofkirchenkaplan Alojs Andritzki seliggesprochen. Ein sorbischer Priester, der schon an seiner ersten Stelle als Kaplan an der Hofkirche und Präfekt am Kapellknabeninstitut nach einem Weihnachtspiel eingesperrt wurde und nach dem Heimtücke-Gesetz verurteilt wurde, um dann von der Gestapo ins KZ Dachau eingewiesen zu werden.
Wahrscheinlich war sein Engagement für die sorbische Studentenzeitung und seine fröhliche Ausstrahlung für die Verhaftung ausschlaggebend. Ein Jugendkaplan, der noch im KZ auf den Tischen im Handstand läuft, um die Mitgefangenen aufzumuntern. Andere aufzumuntern hatte er schon im Kapellknabeninstitut gelernt, wenn es darum ging, Heimwehtränen zu trocknen. 
Der Benediktiner Maurus Münch, der das KZ überlebt hat und mit dem Alojs in Dachau eng befreundet war, berichtet: „Drei Dinge gelobten wir uns in den ersten Tagen: Wir wollen nie klagen! Wir wollen nie unsere Haltung als Akademiker preisgeben! Wir wollen keinen Augenblick unser Priestertum vergessen.“ 
Ist das nun der Heilige Geist – wenn der lustige, intelligente und sportliche Neupriester auch die meisten Freunde hat? Ist das ein Zeichen, wenn jemand ein offensichtlich gut gelungenes Stück Schöpfung verkörpert?
Aus den zahlreichen Briefen, die Andritzki an seine Verwandten und Oberen geschrieben hat, wird etwas anderes deutlich. 
Er war offensichtlich davon überzeugt, daß er Teil eines großen Dramas sei, das er zwar selbst noch nicht ganz durchschauen könne, aber da wo er sich diesem Drama entziehen wolle, da müsse er an sich selbst arbeiten. 
Der Geist ist „Geist der Wahrheit“ – und der legt Zeugnis ab, wenn das Zeugnis auch schwierig ist: Pfingsten ist da, wo die Bosheit der Lüge überführt wird. 
Wir neigen vielleicht manchmal dazu, zu meinen: Hätte er nicht vorsichtiger sein können? Hätte er nicht der Gestapo gegenüber Zugeständnisse machen können, und somit seine vielfältigen Talente für die sorbische Minderheit einsetzen können? 
Jeder, der eine Neuschöpfung ist, weiß, daß das nicht geht. Er wird sich wie Andritzki der Faszination der Masse und der Lüge bewußt entziehen. Hier siegt die Ordnung der Liebe in gewisser Hinsicht über die Ordung der Logik. 
Die liturgische Pfingstfarbe ist das Rot der Märtyrer und nicht umgekehrt. An ihnen wird für uns Schwache deutlich, was es heißt, vom Geist erfüllt zu sein, neue Schöpfung zu sein. Die Wahrheit ganz klar vor Augen zu haben – ihr nicht ausweichen zu können. 

Am Beginn der Apostelgeschichte berichtet der Evangelist davon daß der Auferstandene den verschüchterten Jüngern durch den Heiligen Geist Anweisungen gegeben hat – die aber offensichtlich nichts nutzen. Erst als diese die Zwölferzahl wieder vervollständigen und miteinander das Pfingstfest feiern, geschieht das Sprachenwunder – der Geist legt Zeugnis ab und die Jünger legen Zeugnis ab. Sie bemerken, daß sie vor Gott wie Kinder sind und auch solche sein dürfen, mit einem Geist der Kindschaft, der ruft „Abba“ – Vater.
Insofern ist das Pfingsfest das fröhlichste Fest des Jahres – und es ist eine schöne Fügung, daß das Lebenszeugnis des fröhlichen sorbischen Märtyrers gerade an Pfingsten uns vor Augen tritt. 
Und beten wir wie der selige Alojs Andritzki selbst in einem Brief (28.05.1941) gebetet hat: „Komm, o Geist der Heiligkeit, wandle mich um zum wahren Sendboten der göttlichen Liebe, auf dass ich die Hoffnungen erfülle, die auf mich gesetzt sind!“ 
Amen.

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