Predigten

Predigten im Februar/März 2011 bis zum Beginn der Fastenzeit

Predigt am 9. Sonntag im Jahreskreis
6. März 2011
Mt 7,21-27

Der Erfolg und die Liebe

Mit dem sprichwörtlich gewordenen Hausbau auf Fels oder eben auf Sand endet die Bergpredigt. Der letzte Vers des 7. Kapitels – der in der Leseordnung nicht mitgelesen wird - fängt die Stimmung ein: »Als Jesus diese Rede beendet hatte waren die Leute sehr betroffen«, und irgendwie verstehen wir das auch.
Hier wird von einer wirklichen Überforderung gesprochen:
Denn diejenigen, die »Kyrie, Kyrie« also »Herr, Herr« rufen, sind eben nicht scheinheilige, sondern gläubige Menschen. Es sind jene, die sogar erfolgreich sind in der pastoralen Tätigkeit und sich wundern: »Haben wir nicht alles gemacht, so wie du?«
Das Evangelium hat es also in sich. Die Bergpredigt endet mit einer unüberhörbaren Handlungsaufforderung. Wie als wollte Jesus sagen: »So, und jetzt genug geredet, jetzt seid ihr dran!« Aber was könnte das für eine Aufforderung sein? »Mensch, überfordere dich selbst?«

Wenn es stimmt, daß jene, die »Herr, Herr« rufen, aber den Willen Gottes nicht tun, jene sind, die in der Kirche – gerade auch in der frühen Kirche – Ansehen genießen, dann scheint es hier um das Verhältnis von Gottesdienst und Alltagsethos zu gehen. Hier hat es offensichtlich schon immer Tendenzen zur Spaltung gegeben. Wir kennen diese beiden Lager auch heute: jene, denen die Liturgie wichtig ist und jene, die vor allem ›engagiert‹ sein wollen. Früher hieß der Katholik, dem sein Glaube wichtig war: ›praktizierender Katholik‹ - dann kamen die Umbrüche und er wurde zum ›engagierten Katholiken‹.
Derjenige, der meint, Eine-Welt-Läden hätten nicht unbedingt etwas mit seinem Glauben zu tun, muß sich heute den Vorwurf des Ästhetizismus gefallen lassen und die anderen, sie würden dem Zeitgeist hinterherrennen.
Der erste Aspekt, der mir wichtig erscheint, ist also der der Sichtbarkeit des Glaubens. Der christliche Glaube, schlicht zu akzeptieren, daß die Bergpredigt einen wesentlichen Platz in meinem Leben haben soll, braucht das Gebet und den gemeinsamen Gottesdienst. Und nicht jeder, der unaufmerksam ist im Gottesdienst, ist sogleich scheinheilig.
Darum geht es nicht, daß die Kyrie-Rufe nicht ehrlich gemeint wären.
Sondern es geht um den Aspekt der Bewahrheitung des Glaubens im alltäglichen Leben. Also um ›Authentizität‹, wie man das heute nennt. Unser Evangelium spricht ganz klar von einem Primat der Praxis. Das Christentum hat die Erde ganz offensichtlich nicht durch die Schönheit des gregorianischen Chorals erobert, sondern durch die Art und Weise, wie es mit den Kranken und Schwachen umgegangen ist. Jeder, egal woher er kommt, hat automatisch das sichere Gefühl, die Christen werden mich bis zum Ende wie einen Menschen behandeln.
Das ist keine Sache, die automatisch gelingt, sondern ein Weg des Scheiterns an den hohen Forderungen der Bergpredigt. Es ist nicht immer leicht vollkommen zu sein, wie »euer Vater im Himmel vollkommen ist«.
Deshalb braucht der Christ immer und ganz notwendig die Vergewisserung und die Stärkung im Glauben durch den Gottesdienst, durch das Hören des Wortes der Hl. Schrift, durch die Sakramente. (Und gerade deshalb gibt es in der Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt, seit alters her so viele Gottesdienste, nicht damit die Christen anstelle der Barmherzigkeit einfach beten, sondern damit sie überhaupt erst einmal barmherzig werden.)

In unserer Zeit wird gerne das Christentum in der Art eines unaufdringlichen Angebots angepriesen: so sollen die Kirchen in der heutigen Welt sein. Nicht immer nur moralische Forderungen, sondern die Schönheit der Botschaft Jesu darstellen.
Ohne die Praxis geht es wohl auch nicht: die Worte Jesu haben einen attraktiven, einen bindenden Charakter. Sie faszinieren und stellen eine Verheißung dar.
Sie wollen Fundament eines gelungenen, eines geglückten Lebens sein. Niemand kann ernsthaft von sich behaupten, es wäre ihm egal, ob er glücklich oder unglücklich durchs Leben läuft.
Gerade, wenn wir nachher das Sakrament der Taufe miterleben, so spüren wir die existentielle Bedeutung gerade auch dieses Evangeliums. Was sind die Fundamente meines Lebens? Wie stelle ich es an, daß ich – bzw. mein Kind – einmal glücklich wird?
Ist das nicht etwas, das von außen gar nicht sichtbar ist? Selbst wenn ich äußerlich vielleicht erfolgreich wirke, alles in bester Ordnung scheint, kann es nicht dennoch so sein, daß ich meine, es fehle mir noch das Entscheidende? Das, was ich immer gewollt habe?

Und deshalb ist es so wichtig, zwischen dem Geistigen, dem Liturgischen und dem Praktischen, dem Alltäglichen möglichst eine Kohärenz herzustellen, kein Doppelleben zwischen innen und außen anzufangen. Nur so kann man wirklich glücklich werden. Das heißt es, »den Willen Gottes zu tun«.

Gregor der Große, der die Vorfastenzeit eingeführt hat, schreibt als Kommentar zu unserem Evangelium: Die Probe auf die Heiligkeit ist nicht, Zeichen und Wunder zu wirken, sondern seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, von Gott die Wahrheit zu denken, und von seinem Mitmenschen Besseres als von sich selbst. (Gregor der Große, Mor. 20,9)


Predigt am 7. Sonntag im Jahreskreis
20. Februar 2011
Mt 5,38-47

Leistet dem Bösen keinen Widerstand

Der Bogen der Gedanken, die sich beim Hören dieser berühmten Worte von der Feindesliebe einstellen, ist sicherlich ganz unterschiedlich. Ich selbst erinnere mich an einen schönen Abend zu Tolstois pazifistischem Testament »Mein Glaube« hier in unserer Akademie. Diesen großen Text hatten damals die Herausgeber des Journals FUGE in einer Neuübersetzung veröffentlicht. Tolstoi kam es darauf an, die zentralen Motive der Bergpredigt in die Zeit der Moderne möglichst weitreichend zu übertragen. Man kann fragen, ob ihm das gelungen ist. Ja, man kann sogar fragen, ob das ein sinnvolles Unternehmen ist: Ist die Bergpredigt wirklich eine Magna Charta für uns Christen? 
Kann man sich nach ihr richten, wie Gandhi es gefordert hat? 
Tolstois Landgut Jasnaja Poljana ist nicht das erste Projekt, das versucht, sich radikal an den Worten der Bergpredigt zu orientieren und letzlich gescheitert ist.

Ein anderes ist San Ignacio Mini. In diesem Jahr begehen die Jesuiten ja ein kleines Jubiläum – vor genau 400 Jahren wurde die erste sogenannte Jesuiten-Reduktion im Grenzgebiet von Argentinien, Brasilien und Paraguai gegründet. Diese Siedlungen stellten sozusagen theokratische Mustergesellschaften dar, in denen es ein Gemeineigentum gab und auf Selbstverteidigung verzichtet wurde. Der wirtschaftliche und missionarische Erfolg war damals atemberaubend, von Voltaire wurden diese utopischen Gesellschaften als ein »Triumph der Menschlichkeit« gefeiert. Mitte des 18. Jh. begann jedoch der Stern der Jesuiten zu sinken, sie galten der aufgeklärten Welt als Hort des Mittelalters und des kath. Obskurantismus. Damit kam auch das Aus für die Indianer-Schutzgebiete. Die Indianer wurden deportiert oder getötet, die Patres nach Portugal und Spanien geholt, um mit der endgültigen Aufhebung des Ordens einige Jahre später eingesperrt oder sogar auf dem offenen Meer ausgesetzt zu werden.
Auch dieses Bergpredigt-Projekt ist also gescheitert. Hätten sie sich militärisch verteidigen sollen? 


Das, was Jesus in der Bergpredigt sagt, bleibt uns fremd und unverständlich. Jemand, der so redet, zerstört unsere Welt. Man kann mit der Bergpredigt nicht seine Kinder erziehen – mit der Tallionsregel schon. Sie entspricht viel mehr unserem natürlichen Gerechtigkeitsempfinden.
Wir haben den Eindruck, wenn wir uns wenigstens an die Begrenzung, die Einschränkung von Gewaltexzessen hielten, so wäre schon viel gewonnen. 
Aber funktioniert denn das Auge um Auge, Zahn um Zahn? Ist das die Gerechtigkeit, von der wir leben können? 
Immer dann, wenn wir mit der Sprache der Gewalt am Ende sind, besinnen wir uns auf die Bergpredigt. So war es nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, so war es in den Achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Systeme der Gewalt beruhen darauf, daß wir uns mit denselben Mitteln zur Wehr setzen, die gegen uns gerichtet sind. Wir geben den Druck, der auf uns ausgeübt wird, zurück oder an andere weiter. Die Spirale der Gewalt kennt ihr Ende nur in der Erschöpfung der Kontrahenten, im Tod aller. Die militärischen Muskelspiele, das »Auge um Auge« eben, führen nicht zum Frieden, sondern verhärten die Fronten. Erst nachdem das Wettrüsten an die Grenzen der wirtschaftlichen Belastbarkeit geführt hatte, kam ein Umdenken. 
Der Ostblock jedoch brach nicht am Wettrüsten zusammen, sondern am gewaltlosen Widerstand der einzelnen, wenigen Aufrechten. 
Wir haben gesehen, daß der Gewaltverzicht doch so unvernünftig nicht ist, ja daß er eine unglaubliche Macht hat.
In dieser Logik verstehe ich auch die einzigartige Gestalt Christi. 
Er bringt in diesen zentralen Worten der Bergpredigt keine menschlichen Weisheitslehren, sondern das Heil selbst. In diesen wenigen Worten spüren wir, daß hier kein Mensch redet, sondern Gott selbst. 
Seine Logik ist eine Logik des Lebens und der Rettung: Er schenkt sich uns, liefert sich uns aus, und stirbt am Kreuz und erwacht in der Auferstehung zum Leben.
So etwas – die Selbsthingabe Jesu – kann man nicht allgemein verpflichtend machen. Wie gilt nun diese neue Gesetz? Welche Bedeutung kann dieses ›Ich aber sage euch‹ Christi in unserem Leben haben? 
Es gibt einen Unterschied zu unserem kantianischen Verständnis vom Verpflichtungsgrad einer Maxime. In der Neuzeit nach Kant ist die Maxime das Allgemeine – im Christentum ist die Maxime das Besondere, das Einzigartige, das Ideal eben. Und als solche gilt die Bergpredigt in einer Art ›Berufungslogik‹. Wir sind nicht alle zu Helden geboren. Aber wir können lernen zu verstehen, daß wir - jeder in seiner Weise - gerufen sind, am Neuen Leben Christi, an der Neuschöpfung dieser Welt Anteil zu haben und das Ideal der Bergpredigt anfanghaft zu verwirklichen. Auch und gerade wenn uns dieses hohe Ideal zeit unseres Lebens fremd und unverständlich bleibt – eben als das Heilige. 
Wir können dies tun, indem wir uns an seinem Beispiel orientieren – vielleicht wenigstens nicht mit dem Finger auf die anderen zu zeigen, selbst wenn es etwas zu zeigen gibt, sondern mit dem Finger auf uns – uns an die Brust zu schlagen.
Wir können dies tun, indem wir uns in seine Nähe begeben, selbst wenn wir ihm in vielem nicht folgen können. Zeichen seiner Nähe sind die Sakramente: wir nehmen ihn auf, weil wir selbst nicht die Kraft haben, vollkommen zu sein. 
Wir können dies auch tun, indem wir miteinander barmherzig umgehen: Kirche lebt aus der Versöhnung. Immer wieder lesen wir im Evangelium, daß Christus ein Kind in die Mitte seiner Jünger stellt – sie auffordert, sich einen kindlichen Geist zu bewahren. Im Kind lebt von selbst der Geist der Bergpredigt, es ist schutzlos und den Großen ausgeliefert. Ich glaube, daß auch Kirche heute ein Ort sein sollte, an dem wir Kind sein dürfen. Leichten Herzens verzeihen können und großen Herzens beten können. 
Amen.


Predigt am 6. Sonntag im Jahreskreis
13. Februar 2011
Mt 5,17-37

Ja, aber... unsere Beschwörungen

Die Kapitel 5 bis 7 des Matthäusevangeliums gelten vielen als die Magna Charta des Christentums, vor allem wenn das Christentum als Religion des Gewaltverzichts und der Nächstenliebe gesehen wird.
Von diesem Gedanken der Zentralität der Bergpredigt sind wohl auch die Theologen ausgegangen, die unsere neue Leseordnung beschlossen haben. Alle drei Jahre wird die Bergpredigt in den ersten Sonntagen des Jahreskreises ganz gelesen. Weil es nun zeitlich schwierig ist, die drei Kapitel hintereinander ganz vorzutragen, hat man sie auf die ersten 8 Sonntage im Jahreskreis verteilt. Spätestens dann beginnt die Fastenzeit und in den allermeisten Jahren reichen die Sonntage ohnehin nicht aus, denn nur sehr selten liegt Ostern so spät wie in diesem Jahr.
In diesem Jahr nun ist es aber möglich und die Mathematiker können schnell ausrechnen, daß es für die meisten von uns das letzte Mal ihres Leben sein wird, daß sie die Bergpredigt ganz an den Sonntagen hören werden, vorausgesetzt sie kommen auch jeden Sonntag und es kommt kein Patronatsfest dazwischen.
Das Projekt „Teile den Stoff elegant auf!“ ist also von allerlei Unwägbarkeiten bedroht, die noch nicht einmal theologischer Natur sind.
Besonders schwierig ist es, die Bergpredigt in größere Teile auseinanderzuschneiden und eben nicht nur einzelne Verse (wie z.B. am Aschermittwoch) herauszupicken, weil dann sich wohl oder übel die Vorstellung einstellt, einzelne in sich sinnvolle Abschnitte vor sich zu haben.
Dann muß man es ertragen, daß wir an einem Sonntag die geballte Ladung bekommen und nicht wissen, warum. Am heutigen Sonntag hören wir den zentralen Hauptteil der Bergpredigt: die Worte über das Zürnen, die Begierde, die Ehescheidung und das Schwören. Diese sind in sich kompliziert komponiert und erhalten ihr Licht vom Gebot der Feindesliebe, das wir erst am nächsten Sonntag hören werden, das aber hier schon mitgehört sein will. Der Abschnitt ist also von der exegetischen Seite her problematisch abgegrenzt.

Den Abschnitt, so wie er ist, einfach vorzutragen ist auch deshalb höchst problematisch, weil wir in einer Zeit leben, die von einem gewissen Rechtspositivismus geprägt ist, die nur Einzelnormen kennt – und zwar eine ganze Menge, aber nicht mehr den Hintergrund oder die Quelle des Rechts erfaßt. Wir geraten also im 21. Jahrhundert in die Gefahr, die Bergpredigt als eine Normsammlung zu lesen, wie es die Straßenverkehrsordnung ist, wo verschiedenen Situationen verschiedene Regeln korrespondieren. Das ist natürlich fatal. Zudem gibt es noch ein viel gravierenderes Problem, nämlich dem, was wir uns eigentlich unter Gerechtigkeit vorstellen. Es klingt ja fast so, als wollte uns die Bergpredigt nicht von den Regeln und Normen der Alten befreien, sondern noch mehr aufbürden. Kein Jota des Gesetzes geht verloren und "Ich aber sage euch: wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist, als die der Pharisäer..." Das klingt ja furchtbar.

In den heutigen Rechtstheorien gibt es ein Übergewicht einer Auffassung von Gerechtigkeit, die nur die ausgleichende Gerechtigkeit kennt. Die aristotelische Unterscheidung zwischen justitia commutativa und justitia distributiva ist uns verloren gegangen.
Das wird uns sogleich klar, wenn wir uns vorstellen, wir müßten in einer vorübergehenden Zeit der Knappheit die noch verfügbaren Lebensmittel rationieren. Wie gehen wir vor, damit eine gewisse Gerechtigkeit hergestellt wird? Nach einem arithmetischen Mittel können wir aber keine Lebensmittelmarken verteilen. Pro Kopf können Sie nicht gehen: ein Baby braucht anderes als ein Schwerstarbeiter, eine alte Frau verspeist andere Mengen, als ein übergewichtiger junger Mann.
Wenn wir einem Menschen gerecht werden wollen, müssen wir das Maß am Menschen selbst anlegen. Die Natur des Menschen ist hier die Rechtsquelle. Wir verlassen uns darauf, daß er uns über seine Bedürfnisse wahrheitsgemäß Auskunft gibt. Die Natur führt uns also von selbst zum Rahmen der Rechtsordnung: eine transzendente Größe, die im Menschen immer mitgedacht werden muß.
Das sind zunächst zwei Schwierigkeiten auf unserer, auf der Hörerseite, die es zu beachten gilt, wenn wir uns der Bergpredigt und ihren ethischen Vorstellungen der Überleitung und gleichzeitigen Aufrechterhaltung der Normen der Alten nähern.
Wie versteht Jesus nun das Gesetz, die Gerechtigkeit, die größer sein soll, als die der Pharisäer? Deutlich wird das an dem Wort, das vielleicht am wenigsten anstößig ist in unserer Zeit und dennoch am eindrücklichsten: das Wort vom Schwören.
Es meint, daß wir Gottes Namen nicht zur Bekräftigung einer Sache einsetzen sollen, an die wir selbst nicht so recht glauben. Wir sollen nur ja, ja sagen oder eben nein, nein. Das ist Bekräftigung genug: Auch Jesus hat es so gehalten in seiner Formel „Amen, ich sage euch“.
Warum sollten wir das nicht tun? Gott hineinziehen in unsere Angelegenheiten? Weil wir durch einen funktionalen Gott, der hierfür und dafür eingesetzt werden kann, unseren Glauben selbst in Gefahr bringen. Wir beschmutzen die Heiligkeit Gottes, wenn wir ihn zum Zeugen für Dinge anrufen, an denen wir handfeste politische Interessen haben.
Es ist sehr leicht, einem Menschen das Gespür für die Größe und Schönheit und Gerechtigkeit Gottes auszureden und nur sehr schwer, ihn wieder dorthin zu führen.
Beim Menschen ist das eben so. Wir kennen manchmal das Gefühl etwas ganz besonders Heiliges und Unantastbares vor uns zu haben, wenn wir ein Neugeborenes, ein kleines Kind anschauen. Oder wenn wir den Blick eines sehr alten Menschen, seine Hände spüren.
Diese Heiligkeit aber zerstören wir, wenn wir den Menschen ausschließlich von seiner Funktion, von seiner Leistungsfähigkeit her betrachten. Das tun wir oft, weil wir miteinander Verträge schließen, in einem Gemeinwesen miteinander leben, wo es darauf ankommt, daß der eine für den anderen nützlich ist. Aber das ist nicht sein tiefster Zweck.
Hier möchte ich gerne an die ethischen Probleme der vorgeburtlichen Untersuchungsverfahren erinnern. Im Parlament stehen gerade drei Entwürfe für eine Neuregelung der PID zur Debatte. Es hat nichts mit einer Technikphobie zu tun, wenn ich daran erinnere: Das Ziel, einem Menschen therapeutisch zu helfen, ist fraglos - aber ist ein solches Ziel erreichbar, wenn der Weg Entscheidungssituationen beinhaltet, in der der Patient über das Leben eines anderen befinden muß? Nein! Eine solche Therapie erfüllt einfach nicht ihren Zweck - sie macht den Menschen nicht glücklich, sondern unglücklich. Sie ist nicht nur ethisch unerlaubt, sondern auch noch unsinnig. Außer ich habe die Ansicht, daß für mich in besonderen Situationen großer Belastung durch Schmerzen oder Ängste für mich Dinge erlaubt sind, die sonst nicht möglich sind. Aber wer sollte das entscheiden?
Wir sind gerade wieder einmal dabei, in ganz großem Stil die Unantastbarkeit d.h. die Heiligkeit des Menschen infrage zu stellen – die intuitive Haltung zu zerstören, die jeder Mensch von sich aus hat: Ich darf den anderen nicht nur von seinem Nutzen, von seinen Fähigkeiten und von seiner möglichen Gesundheit her beurteilen. Wenn ich damit – und sei es auch nur in ganz wenigen Fällen – anfange, dann setze ich meine eigene Würde aufs Spiel. Ja dann kann ich eines Tages vielleicht meines Lebens nicht mehr sicher sein. Das Tabu der Würde und Unantastbarkeit des anderen schützt mich vor mir selbst, schützt den Schwächeren vor dem Stärkeren und den Stärkeren vor sich selbst. Denn es wird im Laufe seines Lebens Situationen geben, in denen er der Schwächere sein wird.
Niemals darf ein Mensch in die Situation gebracht werden, im Sinne einer Güterabwägung sich für oder gegen das Leben eines Menschen entscheiden zu müssen - schon gar nicht für oder gegen das Leben seiner Kinder.

Es geht beim Gesetz für Jesus also grundsätzlich um eine bestimmte Eigenschaft Gottes und des Menschen, die wir oft aus dem Blick verlieren: seine Heiligkeit – seine Unantastbarkeit.
Wenn wir das aus diesen Versen der Bergpredigt mitnehmen könnten, wäre schon viel gewonnen.


Predigt am 5. Sonntag im Jahreskreis
6. Februar 2011
Mt 5,13-16

Salz, Salz her!

Delp und Kierkegaard wider die Geistlosigkeit in der Kirche

Die Bilder der Bergpredigt, die im Anschluß an die Seligpreisungen stehen, gehören zu den beliebteren Bildern, mit denen Christen sich selbst bezeichnen.
Ich denke an Bischof Wankes pastorales Motto: „Stelle dein Licht auf den Leuchter!“ Hier ist wohl gemeint, daß die Christen in einer Welt der Ratlosigkeit und auch der Trostlosigkeit von ihrem Glauben Zeugnis geben sollten. „Licht der Welt“ heißt auch das letzte Interview-Buch des Papstes und eines, das er schon als Präfekt der Glaubenskongregation herausbrachte, heißt „Salz der Erde“.
Wir sehen uns also offenbar gerne als die Geschmack-Geber, als Salz in der Suppe der Meinungen.

Wenn ich dieses Evangelium vortrage, dann bin ich jedoch etwas zögerlich. Es ist mehr als anspruchsvoll. Denn es geht hier zuallererst um die Möglichkeit des Fad-Werdens.
Die Einheitsübersetzung überträgt hier sehr frei. Es steht in unserem Text nämlich nichts von einem Salz das ›fade‹ wird, davon spricht das Markusevangelium: »Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. Das Salz ist etwas Gutes. Wenn das Salz die Kraft zum Salzen verliert, womit wollt ihr ihm seine Würze wiedergeben? Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander!« (Mk 9,49f) Hier geht es also um das Fad-Werden.
Im Matthäusevangelium steht aber ein ganz anderes Wort, das dunkel bleibt, wenn man es wörtlich zu übersetzen versucht. »δὲ τὸ ἅλας μωρανθῇ« (wenn aber das Salz töricht gemacht wird) heißt es bei Matthäus wörtlich – mit was soll gesalzen werden?
Bei ihm geht also die Bildebene sofort in die Wirklichkeitsebene über: Salz kann nicht dumm, verrückt und töricht werden, wohl aber Menschen.
Menschen, die an den Seligpreisungen Anstoß nehmen, Menschen, die sich als Christen verstehen, aber die Konsequenzen des Christseins nicht akzeptieren.
Die Unterscheidbarkeit der Christen als Salz der Erde und eben nicht als besondere Erdqualität oder, um im Bild zu bleiben als Salz unter Salzen, ist eine doch recht anspruchsvolle Sache.
Der größte Jammer des Diasporakatholiken scheint immer zu sein: Ach wenn wir doch bloß nicht so wenige wären. Oder der von Millieukatholiken: Wie sollen wir bloß den Leuten weismachen, daß es doch so nett ist, katholisch zu sein? Es sind schon wieder weniger geworden...
Aber das ist nun einmal bei Salz so: Nur wenig Salz reicht aus, um der Welt zu Geschmack zu verhelfen, viel hilft hier nicht viel.
Und eben diese Erfahrung der Geringfügigkeit, der Vereinzelung, eben nur eine Stimme unter Tausenden zu sein, kann verrückt machen. Und man überlegt sich Konzepte, wie man möglichst viel Christentum mit möglichst viel Aktualität in Einklang bringen kann.
Aber es geht nur auf den ersten Blick hier um die Frage der Menge – in zweiter Hinsicht und in viel größerer Dringlichkeit geht es um eine Frage der Intensität.
Für Sören Kierkegaard war diese sogar die wichtigste. Der große Kirchenkritiker des 19. Jahrhunderts konnte gut griechisch und übersetzt unser Evangelium wortwörtlich. Er ruft »Salz, Salz her! Die Christenheit ist eine Fäulnis des Christentums! Eine christliche Welt ist der Abfall vom Christentum.« (Leidenschaft des Religiösen) und: »Die Geistlosigkeit (...) ist in dem Sinne dumm, in dem es vom Salz heißt: Wenn das Salz dumm wird, womit soll man dann salzen?« (Begriff der Angst)
Für Kierkegaard war ein Christentum ohne Leidenschaft, also eines, das auf dem Papier steht, aber an unseren Handlungen nicht ablesbar ist, eine Horrorvorstellung, gegen die er ein ganzes Leben gekämpft hat, wenn man überhaupt sagen kann, daß er gekämpft hat.
Kierkegaard hat an der Saturiertheit der Kirche seinerzeit enorm gelitten. Und er war mit dem Evangelisten Matthäus überzeugt: einer Kirche, die ausschließlich dem Üblichen huldigt, vom Mainstream nicht unterscheidbar ist, der muß genau das passieren, was der Evangelist mit „weggeworfen und von den Leuten zertreten“ meint.
Auch wenn man das existentialistische Pathos eines Kierkegaard für übertrieben hält und eher eine vermittelnde Position favorisiert, so muß man doch wenigstens hier vorbehaltlos zustimmen: die Geistlosigkeit damals wie heute ist die größte Gefahr, in der die Kirche sich befinden kann. Nicht nur zur Zeit von Kierkegaard und in den Debatten, die wir also in nächster Zeit führen werden, führen müssen, durch Offene Briefe angestoßen und durch Stellungnahmen in diversen Zeitungen weitergetragen, habe ich leider bislang nur wenig Geistvolles entdecken können. Ein ›Memorandum‹ von Theologiedozenten trägt den hoffnungsvollen Namen „zum notwendigen Aufbruch“ – ja, ein Aufbruch scheint notwendig, das hätte Kierkegaard gerne unterschrieben und hier trifft er sich mit Alfred Delp, der aus dem Gefängnis Tegel heraus sehr selbstkritisch die Notwendigkeit eines Aufbruchs aus der Geistlosigkeit seiner Zeit erwägt. Am Silvesterabend des Jahres 1944 schreibt er: »Geistig ist eine große Stille und Leere. Die letzte geistige Leistung des Menschen ist die Frage nach dem Sinn und dem Ziel des Ganzen. Und die bleibt ihm allmählich in der Kehle stecken. Die Zusammenhänge zwischen dem Trümmer- und Leichenfeld, in dem wir leben und dem zerfallenen und zerstörten geistigen Kosmos unserer Anschauungen und Meinungen, dem zertrümmerten und zerfetzten sittlichen und religiösen Kosmos unserer Haltungen ahnt kaum noch jemand. Und wenn, dann werden sie als Tatsache festgestellt, um registriert zu  werden, nicht, um darüber zu erschrecken oder die heilsamen Konsequenzen des neuen Aufbruchs zu ziehen.« Genau dieses Achselzucken, diese Orientierungslosigkeit prägt durchaus auch unsere Zeit. Es macht uns nichts aus, daß in den letzten Jahrzehnten alle großen Ordensgemeinschaften, die unserem Land den Glauben gebracht haben, sich nahezu in Luft aufgelöst haben. Jene, die aus Leidenschaft für Christus etwas eingesetzt haben, ihr Leben nämlich, sind heute einfach verzichtbar.
Und in unseren Debatten geht es um Strukturen, Verwaltungen, Zulassungsbestimmungen etc. Daraus wird kein Aufbruch!
Eines hat der Jesuit Delp hellsichtig gesehen: für ihn war die Krise des abendländischen Christentums eingewoben in eine gigantische kulturelle Krise, die Bildung und soziales Zusammenleben der Menschen umfaßte: »Die Problematik der Staaten [auf die Delp am Silvesterabend geschaut hat] sowohl wie des Kontinents ist, grob gesagt, dreimal der Mensch: wie man ihn unterbringt und ernährt; wie man ihn beschäftigt, so daß er sich selbst ernährt: die wirtschaftliche und soziale Erneuerung; und wie man ihn zu sich selbst bringt: die geistige und religiöse Erweckung. Das sind die Probleme des Kontinents, das sind die Probleme der einzelnen Staaten und Nationen und das sind auch – und nicht irgendwelche Stilreformen (!!!) – die Probleme der Kirche. Wenn diese drei ohne oder gegen uns gelöst werden, dann ist dieser Raum für die Kirche verloren, auch wenn in allen Kirchen die Altäre umgedreht werden und in allen Gemeinden gregorianischer Choral gesungen wird. Die Übernatur setzt ein Minimum von natürlicher Lebensfähigkeit und Lebensmöglichkeit voraus, ohne die es nicht geht. Und die Religion als Religiosität setzt ein Minimum an menschlicher Gesundheit und Geistigkeit voraus, ohne die es nicht geht. Und die Kirche als Institution und als Autorität setzt ein Minimum lebendiger Religion voraus, sonst wird sie nur nach ihrer realen Macht gewertet oder museal. (...) Aus der äußeren Aufgabe muß sich eine neue Leidenschaft entzünden. Die Leidenschaft des Zeugnisses für den lebendigen Gott; denn den habe ich kennen gelernt und gespürt. Dios solo basta, das stimmt. Die Leidenschaft der Sendung zum Menschen, der lebensfähig  und lebenswillig gemacht werden soll. Die drei Probleme sollen angepackt werden: in nomine Domini.« (Kassiber v. 31. Dez. 1944)
Den Aufbruch, den unsere Kirche und unsere krisengeschüttelte Sozialordnung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa braucht, ist ein Aufbruch der Leidenschaft, einer Leidenschaft für Gott und für den Menschen. Und genau diese vermisse ich schmerzlich in den Debatten und Diskussionen, die wohl anstehen.
Natürlich lauern hier auch Gefahren, denn im Geistlichen lassen sich Leidenschaften sehr leicht politisieren, aber es steht einem Theologen nicht an, die wichtigste Frage, die nach dem Sinn und Ziel des Ganzen, einfach auszuklammern. Man sollte auch bei Dingen, für die es sich lohnt mit ganzer Hingabe einzutreten, einen kühlen Kopf bewahren. Und wir sollten wachsam sein gegenüber Tendenzen, die uns suggerieren, das Christentum könnte man auch zum halben Preis haben oder eine Nachfolge die ernst macht, die das Engagement des ganzen Lebens erfordert, sei doch eigentlich verzichtbar. Nein, eine solche Kirche ist verzichtbar, das möchte uns die Bergpredigt ins Stammbuch schreiben.
»Ihr seid das Salz der Erde! Wenn das Salz verrückt gemacht wird, womit soll man salzen? Es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.«
Den Geschmack der Bergpredigt, den Geschmack der Freiheit der Jünger Christi wollen wir in unsere Taten legen, nicht in unsere Worte. Diese sollen vor der Welt leuchten, damit die, die diese Taten sehen, den Vater im Himmel preisen.

Referenten

Christoph Jan Karlson

Geistlicher Rektor 2007-2011

Veranstaltungskontakt

Katholische Akademie in Berlin e.V.
Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin

Tel. (030) 28 30 95-0
Fax (030) 28 30 95-147

Kontaktformular

Empfehlen

Sie sind der Meinung, Ihre Freunde oder Kollegen werden sich ebenfalls für das Thema interessieren? Dann empfehlen Sie die Seite einfach weiter, indem Sie das folgende Formular ausfüllen und versenden.

Zu versendende Seite:
Predigten




Um Spammissbrauch zu verhindern, bitten wir Sie, folgende Sicherheitsfrage zu beantworten: In welcher Stadt befindet sich die Katholische Akademie in Berlin e.V.? *

Anmeldung zur Veranstaltung:

Um eine effektivere Raumplanung vornehmen zu können, würden wir uns freuen, wenn Sie sich für diese Veranstaltung anmelden. Durch die Angabe Ihrer Mailadresse können wir Sie über kurzfristige Änderungen informieren.




(freiwillig)

An der Veranstaltung nehme/n ich und zusätzlich teil.



Um Spammissbrauch zu verhindern, bitten wir Sie, folgende Sicherheitsfrage zu beantworten: In welcher Stadt befindet sich die Katholische Akademie in Berlin e.V.? *


Katholische Akademie in Berlin e.V., Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin
Tel. (030) 28 30 95-0, Fax. (030) 28 30 95-147