Predigten an den Weihnachtsfeiertagen 2010/2011

Predigt am Hochfest der Gottesmutter - Oktavtag von Weihnachten
1. Januar 2011
Num 6,22-27; Lk 2,16-21

Viel Glück und viel Segen

Die Segensworte, mit denen die Priester des Alten Bundes ausgestattet werden, ist gleichzeitig deren Beruf: sie sollen den Namen Gottes auf die Menschen legen und er selbst wird sie segnen. Diese erhabenen Worte, die am Beginn des Jahres stehen, erklingen in katholischen Kirchen selten. Vielleicht hält sich hier ja so etwas wie Respekt vor den Überlieferungen des Volkes Israel durch? Rabbiner dürfen ihn nämlich nicht sprechen – nur Juden, die Cohen oder Kohn oder Kagan heißen, also zum Priesterstamm gehören. Diese Worte aus der Tora scheinen wie gemacht für den Beginn eines neuen Lebensabschnittes, eines neuen Jahres. Sie entsprechen der Bitte eines jeden von uns: Segne den Weg, der vor mir liegt.

Zugleich aber treten sie in eine besondere Beziehung zum Evangelium von der Beschneidung Christi. Auch über dem Neugeborenen wird ein Segensgebet gesprochen, und der Name, der ihm gegeben wird, ist „Gott hilft, Gott rettet“.

Die Klammer beider Welten, jener des Volkes Israel auf seinem Weg durch die Wüste und jener von Betlehem, der Stadt der Verheißung ist die Mutter, der das heutige Fest gewidmet ist. Sie kennt den Namen, den der Engel genannt hat. Sie ist die gesegnete, die geglaubt hat, was der Herr ihr sagen ließ.
Manchmal scheint es so, als liefe alles in der Erzählung des Lukas wie geplant ab. Wo sind unsere Sorgen? Wo sind die Momente, wo wir uns als segensbedürftig erfahren, den Segen Gottes vermissen?
Ist da nicht der Vers 19, der mehrfach in der Kindheitserzählung des Lukas wiederholt wird? „Maria bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“
Das klingt zunächst wie eine Illustration, wie eine kleine verzierende Randbemerkung. Aber wenn das nur ein erzähltechnisches Beiwerk ist, müsste dann da nicht stehen: „Auch Maria pries und lobte Gott für all das, was sich ereignet hatte.“
Gibt es im Herzen Mariens nicht auch die vorwurfsvollen Blicke des Josef? Das Unverständnis? Die Ungewissheit? Was soll denn nun werden?
Maria ist in ihrer Existenz als Gesegnete unter den Frauen zu einem Segen geworden – so wie es die Priester des Aaron sein sollten.
Zum Segen werden – klingt das nicht wie eine Floskel? Wir müssen die Segensmetaphorik vielleicht ein wenig vorsichtiger verwenden und zugleich aber mehr segnen.
Gerade am heutigen Tag sollten wir einmal kurz innehalten und bedenken, was uns der Segen Gottes bedeutet, was wir uns darunter vorstellen. Das ist meist immer etwas abstrakt – am häufigsten wird einem ja auch zum Neuen Jahr Gesundheit gewünscht.
Die Welt des Alten Bundes hatte sehr konkrete Vorstellungen unter der Beracha, dem Segen, nämlich zunächst viele Kinder, gutes Wetter, fruchtbares Vieh, Verschontbleiben vor Krieg, marodierenden Söldnern, Naturkatastrophen. Erst dann abstraktere wie Zufriedenheit, Glück etc.
Es gibt einen bekannten Kanon, der gerne von gebildeteren Erdenbürgern anstelle des oft kläglichen „Happy Birthday“ gesungen wird: Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei.
Ich habe diesen Kanon anders gelernt: anstelle von Frohsinn sang man bei uns zu Hause „Wohlstand“.
In einem kurzen Artikel hat der vor einigen Wochen in den Ruhestand getretene Präsident des EKD-Kirchenamtes Hermann Barth nachgewiesen, daß die ursprüngliche Version, die 1934 von Adolf Seifert im damals populären Liederbuch für Schule und Leben – genannt „Der Jungbrunnen“ veröffentlicht wurde, eben jene mit dem Wohlstand ist. Barth vermutet ein Unbehagen des evangelischen Christentums angesichts materieller Segnungen. Warum nur des evangelischen? Ich würde fast noch einen Schritt weitergehen: Ist das Verschweigen materieller Wünsche nicht schon ein Schritt in die Tabuisierung der Waren- und Güterwelt? Tabuisierung hebt aber das, was tabu ist ins Mythische hinein. Ist das Verheimlichen materieller Möglichkeiten und Unmöglichkeiten wirklich nur ein Schutz der Privatsphäre? Wirklich nur Scham oder Diskretion? Warum hört dann die Privatsphäre auf der Motorhaube auf?
Nein, es gibt eine Tendenz, an die Stelle der Schicksalsgöttin den Mammon zu setzen – stillschweigend. Darin liegt auch die Angst um die Währungsstabilität, darin liegt der alte Stolz auf die Super-D-Mark. Wieviel haben wir im vergangenen Jahr an Geld verloren oder gewonnen? Was sind wir bereit, zu Gunsten unserer finanziellen Beweglichkeit zu opfern? Wieviele unserer Streitereien gingen um Geld im vergangenen Jahr? Und jedes Tabu erhöht dabei seine Macht. Über Wohlstand, Besitz, finanzielle Dinge nicht zu sprechen, kann ein gestörtes Verhältnis ausdrücken, kann aber sogar superstiziöse Züge annehmen.
Das heutige Fest erinnert uns daran, daß Gott Mensch geworden ist und unsere geistige und ein wenig auch unsere materielle Armut geteilt hat, er wurde so drastisch Mensch, daß er beschnitten werden konnte.
Soviel Materialität erregt auch heute noch– oder wieder? – Anstoß, so daß man das offensichtlich nicht malen darf, wie der Leipziger Künstler Michael Triegel aus einer Auseinandersetzung mit dem Würzburger Bischof leidvoll erfahren mußte.
Zu einem gesegneten Jahr gehören nicht nur innere Qualitäten, Zuversicht und Gesundheit des Leibes, sondern eben auch äußere Bedingungen unseres Erdenlebens: ein wenig Wohlstand.

Wir wollen die Geschichte Gottes mit uns, die wir vielleicht in den vergangenen Tagen im Rückblick angesehen haben, wie Maria im Herzen bewahren. Und um den Segen Gottes bitten für das kommende Jahr – einen Segen der unser Herz erreicht und auch unseren Magen. Amen.


Predigt am Fest der Hl. Familie
26. Dezember 2011
Sir 3,2-6.12-14; Kol 3,15a.16a; Mt 2,13-15.19-23

Familie - Lebensraum und Schutzraum des Wachstums

Entgegen allen Befürchtungen, die durch das Fest der Hl. Familie immer wieder geweckt werden, lohnt es sich, die wunderbaren Texte immer und immer wieder zu hören, zu lesen,
Da ist die fast zärtliche Sorge des Sirach um die alternden Eltern. In diesem Jahr sind sie vielleicht schon an den Plakaten der Caritas-Kampagne für eine neue Aufmerksamkeit für alte Menschen vorbeigegangen? Die Kampagne titelt mit „Experten fürs Leben“. Bei Sirach gibt es keine heimliche Begründung für die Liebe zu den alten Eltern. Auch wenn sie keine Experten sind, mutet er uns zu: Beschäme sie nicht! Denn die Liebe zum Vater wird nicht vergessen, sie wird als Sühne eingetragen für deine Sünden.
Worum geht es also an diesem Fest der Hl. Familie? Es geht um ein Kernthema der christlichen Existenz, das gerade in der Moderne von mehreren Seiten bedroht ist. Nicht ganz zufällig ist die monumentale Basilika, die der Papst vor einigen Wochen in Barcelona geweiht hat, der Verehrung der Hl. Familie gewidmet und die Worte, die er in der Predigt dazu gesagt hat, stecken diesen großen Rahmen ab.
Was bedeutet die Hl. Familie für uns und unsere Gesellschaft? Es geht um ein Band, eine Verbindung zwischen verschiedenen Menschen, die man nicht einfach nach Nützlichkeitskriterien schürzen oder lockern kann, so wie sie an Weihnachten plötzlich da ist und das Jahr über ein kümmerliches Dasein fristet. Und die als den stets vorgängigen und zu schützenden Lebensraum, als Quelle des Selbst, als innere Heimat unseres Daseins einen uneinholbaren Wert besitzt, den wir kaum noch ausbuchstabieren können.
Familie erscheint heute nur noch selten als ein politisches Ziel. Auch die Parteien, die Familienpolitik aus Proprium ihrer Themensetzungen betonen, bleiben ja heute meilenweit hinter dem zurück, was für das Grundgesetz selbstverständlich war. Viel häufiger erscheint Familie vor allem als Herausforderung, die es zu gestalten gilt, als ein Problemhorizont, der so etwas wie Selbstverwirklichung bestenfalls fzu fördern in der Lage ist, aber eben auch allzuoft verhindert.
Um Selbste und dergleichen mehr geht es in der Schrift nicht, sondern es geht in den Texten des Festes einfach um die Einheit zwischen Menschen. Hier gibt es interessanterweise nur wenig Präzisierung – ob eine biologische oder eine geistige gemeint sein könnte. Der Kolosserbrief richtet sich an die Christen einiger Gemeinden, die untereinander sicher zum Teil durch Verwandtschaft verbunden waren und doch eine große Familie bildeten, für die der Kolosserbrief das Bild vom Leib Christi kennt. Die Einheit dieser großen Familie geschieht durch das gemeinsame Gebet, durch Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt. Und das kennen wir gewiss auch, daß wir durch das gemeinsame Gebet plötzlich eine große Nähe spüren, uns wenn wir miteinander singen, ein tiefes Band des Vertrauens entsteht, wenn man sich auf die Stimme des anderen einhören muß oder wenn man sich über die Mißklänge eines Nachbarn ärgert.
Das tiefste Prinzip und Bedingung einer solchen Einheit besteht aber nicht in gemeinsamen Projekten, Beschäftigungen – sondern es besteht in einer gewissen Selbstrelativierung. Man könnte sagen: Nicht ich entscheide, sondern wir gemeinsam. Nicht ich bin der, der hier die Kohle ranschafft, sondern ich bin zunächst einmal der, der von euch allen getragen wird.

Wir leben in einer Welt, die sehr krisenanfällig ist für Beziehungsprobleme, die immer weniger mit den Spannungen zwischen den Menschen fertig wird, weil es häufig nur noch um Besitzstandswahrung geht, um das Festhalten des Erreichten.
Wenn das generationenübergreifend geschieht, dann müssen die Kleinen stets dran glauben, dann bewahren die Starken, das was für die Kleinen, die Nachkommenden eigentlich aufbewahrt werden müsste, für sich selbst.
Inzwischen sind wir schon so weit, daß wir nicht nur entscheiden, ob es nachfolgende Generationen überhaupt geben sollte, sondern wir wollen auch entscheiden, wie diese auszusehen haben, indem wir problematischere Nachkommen von vornherein selektieren.
Das ist nicht die Selbstrelativierung, die in der Sprache der Bibel ›Demut‹ heißt.
Der Sonntag der Hl. Familie ist ein Tag, der uns danken läßt, für unsere Familie, aus der wir stammen und in ähnlicher Weise auch für die Familie, die wir mit Gottes Hilfe gründen durften. Und der uns staunen läßt, was Familie alles gemeinsam tragen kann.
Das Evangelium von der Flucht nach Ägypten zeigt diesen Gedanken deutlich: Josef wird zum Migranten wegen dieser Familie – er hätte seine Verlobte auch fallen lassen können. Aber das Band der Liebe zu dieser Frau ist größer, größer als Nützlichkeitskriterien, die wir ins Feld führen könnten. Zu dieser Liebe gehört eine große Sensibilität glaubenden Vertrauens. Er gehorcht einfach seinen Träumen, er führt die Befehle aus, die ihm aufgetragen werden. Er kennt das Wort Selbstverwirklichung nicht, und dennoch ist Josef gerade in seiner Fluchtgeschichte ein Mann, der über sich selbst sogar hinauswächst und das Wachstum seiner Frau und des kleinen Kindes ermöglicht: also auch im modernen Sinn eine Idealfamilie.
Ich verlange nicht, daß wir das Wort Selbstverwirklichung aus unserem Wortschatz streichen, wir leben im 21. Jahrhundert und haben die Kollektivismen des 20. Jahrhunderts, die allesamt den Begriff der Familie durch Klasse oder Volk oder ähnliches ersetzen wollten und gescheitert sind, sicher noch im Ohr. Wenn wir schon an dem Wort Selbstverwirklichung festhalten wollen, dann gelingt eine solche allerdings niemals linear, in Eigenarbeit gleichsam, mit emanzipatorischer Geste, indem ich über mein Selbst etc. nachdenke, über die verpaßten Chancen meines Lebens oder über meine Begabungen etc., sondern immer über andere, über Umwege, die ich geführt werde. Der Weg zu einem gelungenen Leben ist der Umweg über die Familie, die geistliche, die leibliche – das ist gleich. Ohne diese stabile Beziehungsfähigkeit wird es nicht gehen. Lassen wir uns in die Schule des Jesus Sirach, der Kolosserbriefes und des hl. Josef nehmen. Nehmen wir die Chance und die Tragkraft wahr, die in unseren Familien stecken und danken wir unserem Herrn, daß er diesen Lebensraum der Familie geheiligt hat, weil er selbst in einer Familie groß geworden ist. Amen.


Predigt an Weihnachten – In der Hl. Nacht
24. Dez. 2010

Erobern, ohne zu besiegen

Bei so viel Schnee, wie wir in diesem Advent hatten, müßte sich die Weihnachtsstimmung eigentlich von selbst einstellen. Aber was ist, wenn uns die Sorgen um einen kranken Freund nicht loslassen? Können wir da am Heiligen Abend einfach so beschließen: Jetzt aber fröhliche Weihnachten, bitte sehr?

Eigentlich müsste es anders sein
Die Lesung aus dem Buch Jesja drückt aus, was wir in der dunklen Jahreszeit vielleicht besonders spüren. Sie spricht von einem Volk, das im Dunkeln lebt. In vielen Situationen unseres Lebens kommen wir uns vielleicht so vor, als säßen wir im Dunkeln. In einer Situation, in der wir orientierungslos sind, uns nicht zurechtfinden, mehr tastend voranschreiten. Und wir haben die Überzeugung, eigentlich müsste es anders sein.
Diese Frage stellt sich in diesem Jahr besonders dringlich. In vielerlei Hinsicht ist es ein Jahr, das viele Wunden aufgerissen hat. Sind nicht viele, sehr viele Menschen gerade in diesem  vergangenen Jahr zutiefst in ihrem Glauben verunsichert worden durch all das Schlimme, das an die Oberfläche getreten ist, manchmal nach Jahrzehnten des Schweigens? Haben nicht viele der Glaubensgemeinschaft den Rücken gekehrt?
Wie können wir uns dem Geheimnis der Weihnacht denn nähern? Dem Licht, das in die Herzen der Menschen hineinscheint?

Seit einigen Tagen läuft auch in Deutschland ein Film über die Trappistenmönche von Tibherine in Algerien, die 1996 auf furchtbare Weise hingemetzelt wurden. Einer meiner Kollegen hat mich als Weihnachtsgeschenk in diesen Film eingeladen. Für mich war da eine Antwort auf die Frage nach dem Geheimnis von Weihnachten. 
An einem Heiligen Abend kommen die Terroristen zum ersten Mal ins Kloster und der Prior überwindet seine Angst und sagt: „Weihnachten ist unser wichtigstes Fest.“ ob die Terroristen das nicht wüssten? In diesem mutigen Moment begreift der Terroristenführer, daß er gegen all das, wofür er vorgibt zu kämpfen, auf brutale Art verstoßen hat. Und entschuldigt sich bei dem einfachen Mönch. Und mir war, als strahlte in diesem Moment ein wenig von dem auf, was Weihnachten bedeutet: Gott erobert Menschen, ohne sie zu überwinden.

Weihnachten im Kampf der Kulturen
Nicht nur für diesen Mönch ist die Botschaft von Weihnachten so etwas wie der Kern des Christentums aus.
Es gibt in unserer Zeit zwei gegenläufige Tendenzen: Die eine tilgt das Weihnachtsfest aus dem öffentlichen Bewußtsein und nennt das „politisch korrekt“. Andere feiern gerade deswegen umso mehr, sie tragen das Christentum vor sich her, als ginge es darum, eine überlegene Moral und eine überlegene Zivilisation zu demonstrieren. Und wir haben gerade in den vergangenen Wochen und Monaten erlebt, wie darum immer stärker gestritten wird, darum ob Deutschland ein christliches Land sein sollte, ob der Islam dazugehört oder ob die Religion in der Öffentlichkeit gar nicht vorkommen sollte. Es ist ein dichtes und schwer entwirrbares Knäuel von Problemen angesprochen, die in dem Stichwort Kulturkampf oder clash of cultures angesprochen sind. Zum Leidwesen der Konservativen besitzt aber die westliche Welt keine gemeinsame Ideologie, mit der sie in diesen vermeintlichen Kampf ziehen könnte. Es bietet sich lediglich ein gewisser liberaler Notbehelf an: die Idee, überhaupt äußerlich sichtbare Religion verbieten zu wollen. Ob es dabei um Minarette, Kopftücher, Kruzifixe geht, ist dabei egal.
Ja es ist überall eine Tendenz zu verspüren, die gleichsam vorbildhaft auch die letzten Reste der christlichen Kultur ausschalten will. Aber wie feiert man Weihnachten so, daß es niemanden stört, der es nicht feiern will? Privat?
Die Mönche von Tibherine wurden von der muslimischen Bevölkerung geliebt und verehrt, nicht weil sie das Christentum vor sich her trugen, sondern weil sie überzeugt waren, daß Christus genau für diese Menschen zur Welt gekommen ist, und sie das irgendwie spüren ließen.
Es geht dabei eigentlich nicht sehr viel um „Toleranz“ der den interreligiösen Dialog – denn das hieße ja, die Mönche würden die einfachen Menschen und ihre Lebensweise nur „dulden, ertragen“. Die Mönche aber haben begriffen, daß sie einem Christus nachfolgen, der nicht auf die Welt gekommen ist, um uns Menschen zu tolerieren.
Sie kannten den Koran, sie wußten, daß auch der Koran von der Geburt Jesu spricht, in einer Weise, die an die apokryphen Evangelien der Spätantike erinnert:
Maria wird nach der Geburt Jesu mit Vorwürfen überhäuft, die sie schweigend hinnimmt und nur auf ihren Neugeborenen zeigt. Die Leute sagten: „Wie können wir mit dem reden, der noch ein Kind in der Wiege ist?“ Und da beginnt das Kind auf wunderbare Weise zu sprechen: „Ich bin der Diener Gottes. Er ließ mir das Buch zukommen und machte mich zu einem Propheten. Und er hat mich gesegnet wo immer ich bin. Und Er trug mir auf, Gebet und Abgaben zu erfüllen, so lange ich lebe und gütig zu sein gegen meine Mutter. Und Er hat mich weder gewalttätig gemacht noch unglücklich. Und Friede sei über mir am Tag, da ich geboren wurde, und am Tag da ich sterbe und am Tag da ich wieder zum Leben auferweckt werde.“ (Vgl. 19, 30-33)
Und gleich wird angefügt, daß es sich bei Jesus nicht um den Sohn Gottes handelt, sondern um einen Propheten, denn es stünde Allah nicht an, ein Kind zu haben.
Das ist natürlich ein beeindruckender Text. Das neugeborene Kind verteidigt die Unschuld seiner Mutter.
Wenn wir diesen Text mit dem Weihnachtsevangelium vergleichen, können wir sehen, daß es Ähnlichkeiten gibt, aber auch große Unterschiede, die man nicht einfach tolerieren kann.
Auch das Christentum kennt die Symbole und die Sprache der Macht. Aber sie haben einen anderen Stellenwert.

Demut
Lukas zeigt die Geburt Christi in großer Schlichtheit. Die Protagonisten schweigen. Es gibt keine Dialoge über den Auftrag des Neugeborenen, sein Schicksal – das Kind schweigt und schläft, wie andere Kinder auch. Allein die Hirten sind durch die Engel zu Botschaftern der Freude geworden. Lukas legt Wert darauf die welthistorische Bedeutung anzudeuten – deswegen Betlehem, deswegen der Zensus des Kaisers. Der da geboren wird, ist ein kleiner Königssohn.
Wir Christen phantasieren in das schlafende Kind nicht irgendetwas hinein, sondern glauben, daß all das, was die Propheten – allen voran Jesaja – über dieses Kind gesagt haben, eingetroffen ist. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. Seine Herrschaft ist groß, und der Friede hat kein Ende.
Verstehen kann man da nicht viel. Aber glauben. Deshalb knien wir zu den Worten der Menschwerdung Christi beim Glaubensbekenntnis nieder: nicht zuallererst als Unterwerfungsgeste, sondern als Nachahmungsgestus: So wie Gott klein wurde, so machen auch wir uns klein, wenn wir Weihnachten feiern. Wir Christen feiern diese Geburt als den Sieg der Barmherzigkeit über die Angst, als einen Sieg der Liebe über den Hass. Gott kommt in der Gestalt eines kleinen Kindes und gibt sich in unsere Arme. Es ist ein großer Vertrauensbeweis, wenn man einmal ein Baby halten darf. Natürlich ist die Mutter dann immer aufgeregt und nimmt es gleich wieder zurück.
Gott läßt uns seinen einzigen Sohn halten, und ganz sicher ist er genauso aufgeregt, wie jede menschliche Mutter und jeder menschliche Vater. Und dabei ist es sogar so, daß er es nicht einmal gleich wieder zurückhaben möchte, wie der Titusbrief es sagt: er hat sich für uns hingegeben. Er möchte nicht über uns herrschen, sondern uns gewinnen, uns an sich ziehen, uns in sein Leben hineinziehen. Das ist es, was die Mönche von Weihnachten verstanden haben. Es ist ganz offenbar so, daß Gott uns ein Geschenk gemacht hat, dem wir niemals gerecht werden können. Wir können nur versuchen, ihn ein wenig nachzuahmen. Und so schreibt der Prior der Trappisten, P. Christian, in seinem Testament: „Wenn es mir eines Tages geschehen sollte – und das könnte heute schon sein – ein Opfer des Terrorismus zu werden, der sich nun auch gegen alle Fremden in Algerien zu richten scheint, so möchte ich, daß meine Gemeinschaft, meine Kirche, meine Familie sich daran erinnern, daß mein Leben Gott und diesem Land geschenkt war.“

Die Überwindung der Angst
Oft denke ich daran, wie viele Menschen heute ähnlich wie die Mönche in Algerien Angst haben, Angst vor der heute üblichen Karikatur des Islam, die immer furchtbarere Folgen für die Menschen hat, vor allem in den traditionell islamischen Ländern, zunehmend auch hier bei uns.
Aber immer deutlicher wird mir: Mit einer Religion, die ein wehrloses und unschuldiges Kind auf ihre Fahnen geschrieben hat, kann man nicht in den Kampf ziehen, auch nicht in den Kampf der Kulturen. Der Friede wird sein, wenn immer mehr Menschen das Geheimnis von Weihnachten leben, wie es die Trappisten von Thiberine gelebt haben.
Das Geheimnis Christi ist es, zu erobern, ohne zu besiegen, ja ohne zu gewinnen. Es ist ganz sicher ein sehr anspruchsvoller Weg, aber einer, der einzig und allein wirklichen Frieden verspricht. Es ist der, über den gesagt worden ist: Wunderrat, Friedensfürst.
Heute an Weihnachten sagt uns der Glaube: es kann anders sein auf dieser Welt. Denn Gott ist anders, als wir denken. Gott überrumpelt niemanden – sein Weg ist die Liebe in Freiheit. Er erobert, ohne den anderen, ohne uns Menschen zum Verlierer zu machen. Das ist bei Liebenden allerdings immer so. Amen.

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