Predigten in der Osterzeit 2010

Predigt am Pfingstmontag
24. Mai 2010 - Gebetstag für die Kirche in China

Joël 3,1-5

Liebe Schwestern und Brüder,
das Pfingstfest ist die Vollendung der österlich geprägten Zeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt. Die Verwandlung, die der Christ durchläuft beginnt mit dem Aufruf zur Aufrichtigkeit, die der Prophet Joël von Israel fordert. „Kehrt um zum Herrn von ganzem Herzen!“
Heute haben wir wiederum eine Lesung aus diesem sehr kurzen Buch gehört. Der Text schließt unmittelbar an die Lesung des Aschermittwoch an und will begreiflich machen, worum es in den Wochen seit Mitte Februar gegangen ist: eine wirkliche Erneuerung im Heiligen Geist, den wir durch die Taufe empfangen haben. Ein echtes Umdenken, das notwendig ist, nicht weil sich die Zeiten geändert haben, sondern weil wir uns geändert haben - unbemerkt, schleichend. Es ist ein Kampf gegen die allmähliche Ermüdung, die Erschöpfung der Seele.
Nicht nur der einzelne Christ hat dieses Umdenken nötig, auch jede Gesellschaft hat es nötig. Jedoch ersetzen hier gesellschaftliche Reformen nicht die grundlegende Erneuerung des Geistes des Individuums von innen her. Das ist ja der große und verhängnisvolle Irrtum des Sozialismus gewesen.

Die Kirche begeht heute - am 24. Mai - einen besonderen Gebetstag, der vor drei Jahren vom Papst eingeführt worden ist. Dieser Tag ist in der Provinz Shanghai der Wallfahrtstermin zur Muttergottes von Sheshan, einem Marienheiligtum auf einem Berg in einem Vorort der Millionenstadt.

Aus Anlaß der 400-Jahrfeier der katholischen Kirche in China hatte der Papst den chinesischen Katholiken einen Brief geschrieben, und sie zur Einheit und zum Zeugnis aufgerufen. Dieser Brief durfte damals nicht verbreitet werden - er galt als Einmischung in innere Angelegenheiten.
Seit der Olympiade und sicher in Verbindung mit der Weltausstellung in Shanghai ist auch das Reich der Mitte stärker in das Blickfeld der westlichen Welt geraten und es wird immer deutlicher, wie groß inzwischen das Interesse der Chinesen am Christentum ist.
Die Gräber der ersten Jesuiten Matteo Ricci und Schall von Bell kann man in Peking ansehen. Sie sind Zeugen des Glaubens in China - aber die Enttäuschung über den Kommunismus verbunden mit einem Emfpinden für die Banalität des westlichen Materialismus und die damit verbundene Orientierungslosigkeit in den Herzen der Chinesen kann man nicht sehen. Man kann nur hören, daß die Parteiführung inzwischen ganz offen von einem „religiösen Fieber“ spricht. Und daß sich die wichtigsten soziologischen Institute zunehmend mit dem Christentum befassen. Ein großes Interesse an christlicher Literatur ist einfach nicht zu leugnen.
Die Entwicklung dabei ist ähnlich wie in Korea. Obwohl die katholischen Gemeinden häufig eine lange Tradition haben, einen starken Glauben und sehr viele Märtyrer in ihren Reihen, wachsen sie doch nur wenig. Der Bischof von Shanghai Aloisius Jin Luxian sj, selbst schon 95 Jahre alt, der ca. 20 Jahre seines Lebens in furchtbaren Lagern verbracht hat, hat vor drei Jahren in seinem Hirtenbrief selbstkritische Töne gefunden:
Die meisten Katholiken von Shanghai legen vor allem Wert auf die Feier der Sakramente und vernachlässigen die Verkündigung der Frohbotschaft und den Dienst der Liebe. Daher ist die Zahl der Katholiken in der Diözese von 100.000 vor 1949 auf heute nur rund 150.000 gestiegen, was bei Berücksichtigung des allgemeinen Bevölkerungswachstums de facto ein Rückgang ist. Die protestantischen Schwesterkirchen in Shanghai, die Evangelisierung und Werke der Nächstenliebe betonten, sind im gleichen Zeitraum von nur 30.000 Mitgliedern auf über 200.000 angewachsen.
Er als Bischof spüre sein Versagen. Priester, Schwestern und Seminaristen könnten nach der heiligen Messe nicht einfach die Kirchentür abschließen und ihre Zeit vor dem Fernsehen oder Internet verbringen. Die Kirchentüren sollten den ganzen Tag geöffnet und Besucher immer willkommen sein. Spiritualität und Gebetsleben müssten gestärkt werden. Er forderte insbesondere die Priester und Schwestern auf, den Missionaren der Geschichte im Geist des Opfers und des Dienens nachzueifern und wie sie die katholischen Laien zum Einsatz zu bewegen.
Der wirklich heiligmäßige Bischof verschweigt natürlich, daß die protestantischen Hauskirchen viel Unterstützung aus den USA und aus Australien erhalten - eben auch materielle Hilfe, die an die Armen weitergegeben werden kann.
Und er verschweigt eine bestimmte Stimmung, die für den Diaspora-Katholizismus typisch ist, und sicher auch verständlich, weil sie resultiert aus einer beständigen Rechtsunsicherheit, einer Lähmung durch die lange Verfolgung. Ich meine den Mangel an Träumen und Visionen, die Favorisierung des Status quo.
Hier gleichen sich viele Christen auf der ganzen Welt. Warum wagen wir es nicht, unsere Träume auszusprechen: Es wird geschehen, daß ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben, und eure jungen Männer Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen.

Bitten wir um ein neues Pfingsten für unsere Gemeinden in Berlin und in ganz Europa und bitten wir die Mutter Maria, die Hilfe der Christen von Sheshan, die als kleines Mädchen ihr Ja gesagt hat, zu einem Traum, den sie nicht begreifen konnte. „Siehe ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe nach deinem Wort!“
Sprich dieses Wort noch einmal, damit wir sehen, wie schön es ist, sich für den Willen Gottes zu öffnen, damit wir die Kraft haben, jeden Tag immer neu dem Anruf des Geistes zu folgen. Amen.


Predigt am Pfingstsonntag
23. Mai 2010

Apg 2,1-11; Pfingstsequenz; Joh 14, 15-16.23-26

Wind des Absoluten in den Segeln des Begriffs
(W. Benjamin, GS V, 1,591)
Der Beistand aber, der Heilige Geist wird euch alles lehren und an alles erinnern

Pfingstpredigten sind ein Genre für sich. Sie leben von den Bildern, die mal besser, mal schlechter gelingen, denn vom Heiligen Geist gibt es zwar anschauliche, narrative Überlieferungen wie die aus der Apostelgeschichte, aber die sind historisch, bzw. meinen einen historischen Sachverhalt - wir aber leben heute und fühlen uns oft von „allen guten Geistern“ verlassen. Zu den Naturerscheinungen der damaligen Zeit haben wir einen sehr weiten Weg. Feuerzungen, Brausen von oben und das Sprachenwunder scheinen in einer Welt stattgefunden zu haben, die uns sehr fremd geworden ist. Jedenfalls habe ich ein wenig den Eindruck, bei dem trostlosen Bild, das die Kirche in den letzten Monaten, ja eigentlich seit über einem Jahr abgibt.

Der Paraklet
Und deshalb habe ich als Evangelium aus Joh 14 und nicht aus Joh 20 vorgelesen. Hier geht es nicht um den Geist der Sündenvergebung, sondern um den Beistand, den Parakleten, einen Anwalt oder wie Luther im Anschluß an Eusebius übersetzt, den Tröster. Einen solchen Parakleten jedenfalls scheint mir auf den ersten Blick genau das zu sein, was wir heute dringend benötigen. Das Johannesevangelium führt uns allerdings in eine nicht weniger schwierige schwierige Bilderwelt hinein als Lukas mit dem Pfingstwunder der Apostelgeschichte - nämlich in eine Welt zwischen Therapie (Trost, Heilung) und Tribunal (Verteidigung, Beweisführung). Der Heilige Geist als ein Ombudsmann, ein Mißbrauchsbeauftragter, der die Wahrheit ans Licht bringen soll, denen, die keine Stimme haben, eine Stimme verleihen soll, und dadurch seine tröstende Kraft entfalten kann?
Wer in einer Anklagesituation steht, tut gut daran, sich einen guten Anwalt zu suchen. Natürlich kann man seine Unschuld auch selbst darlegen, sofern man Nerven hat und rhetorisch begabt ist. Aber das Gewicht einer Selbstverteidigung ist immer geringer als das Wort eines Zweiten, womöglich eines Unverdächtigen, ja eines angesehenen Mannes.
Nun sind es immer verschiedene Richtungen, die da eingeschlagen werden: ein Tröster wendet sich dem Unglücklichen zu, ein Anwalt muß nicht besonders tröstlich sein, sondern die richtigen Worte finden, und zwar gegenüber den anderen. Aber wer gibt heute schon gerne zu, einen Anwalt nötig zu haben, trostbedürftig zu sein? Die Stimme in uns, die sich gegen den Anwalt wehrt, die es selber schaffen will, die nach Autonomie schreit, ist zugleich die Stimme, die sich dennoch nach Gemeinschaft sehnt. Die gerade die Autonomie des heutigen Menschen zu einem Vehikel werden läßt, das eben das Schenken, sich selbst schenken ermöglichen soll.

Nicht nur Kraft, sondern Sprache, die tröstet
Die Struktur der Rede über das Geheimnis wird immer versuchen, das Lebendige auszudrücken. Sollten wir es nicht bei unserem Reden über den Geist bei Andeutungen belassen? - Ich denke gerne an die Pfingstgottesdienste im Pantheon in Rom zurück, wo rote Rosenblätter durch die Scheitelöffnung in der Kuppel herabregnen, wenn der Pfingsthymnus erklingt. Eine eingprägsame und ergreifende Zeremonie, die man natürlich mit dem Photoapparat festhalten kann - aber man kann auch die Augen schließen und beten und hoffen, daß auch ein Rosenblatt mich Armen trifft, ein kleiner Lichtstrahl meine Seele erleuchtet.

Ist ein Rückzug ins Gefühl erlaubt? Heute? Erfassen wir das Bestimmende an Pfingsten, wenn wir ins Innerliche gehen? Die Versuchung ist zu groß, gerade die Personalität des Geistes in frage zustellen. Aber der Hl. Geist ist nicht bloß so etwas wie „positive Energie“, kein mystisches „Kraftfeld“, sondern Geist der Wahrheit, Geist der Erkenntnis, ein Fürsprecher!
Eine Grunderfahrung des heutigen Menschen ist doch die alles durchziehende Opazität, die Krise letztgültiger Antworten auf bedrängende Fragen der menschlichen Existenz. „Das Wesentliche ist unsagbar!“ war schon die Überzeugung eines Thomas von Aquin, und das scheint die Maxime der heutigen Vordenker zu sein. Jedoch nicht in einem erschütterten und nachdenklichen Ton, sondern mit einem zwinkernden Auge, das bedeuten will: deshalb laß es dir gut sein. Sorge dich nicht, lebe! - Das grenzt an Zynismus, denn es gewichtet die rhetorische Brillianz stärker, als die Frage des Nächsten.
Die geistige Ermüdung, die großen und schweren Fragen eben nicht mehr stellen zu wollen, sich mit Beliebigkeit abzugeben, gilt jedoch scheinbar nicht für den Bereich der technischen Möglichkeiten. Hier scheint sich alle Mühe noch zu lohnen. Gerade haben wir davon erfahren, daß Craig Venter künstliches Leben erschaffen hat, d.h. eine ausschließlich im Labor hergestellte Erbinformation in eine Bakterienkultur eingepflanzt hat und damit gewissermaßen eine neue Tierart hervorgebracht hat. Welchen Sinn das hat, kann man fragen und ob es sich tatsächlich um etwas Künstliches handelt. Jedoch ist die Gentechnik in eine neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten, alle Hoffnung scheint immer noch auf der Realisierung von immer neuen technischen Möglichkeiten zu liegen - eine technokratische Überhitzung unserer Welt? Auch angesichts der spielerischen Leichtigkeit, mit der wir medial miteinander in Kontakt treten können, müßte doch ein technisch realisiertes Sprachenwunder kurz vor der Tür stehen. Alle können alle jederzeit erreichen, sich mit ihnen per Online-Netzwerken austauschen. Google übersetzt in alle Sprachen dieser Welt.
Alois Haas hat in seinem neuesten Buch, das den Titel „Wind des Absoluten“ trägt diese Situation sehr schön in Worte gefaßt: „Die Welt und ihre dafür von Menschen geschaffenen Apparate dröhnen zwar vor Kommunikationswillen - aber sagen eigentlich nichts! Oder besser: sie besagen ein Paradox: sie reden, ohne etwas zu sagen! Unsere Medialität ist, obwohl sie solches vortäuscht, letztlich nicht auf Information hin orientiert; sie ist Schein und tönendes Nichts, ein Lärmkonstrukt der sinnlosesten Art.“

Die Pfingstsequenz
Wenn nun das Ganze der Welt so schwer aussagbar ist, wie dann von dem Beistand sprechen, den der Herr angekündigt hat?
Ein Blick auf die Poesie kann vielleicht helfen.
Die Sequenz, die wir miteinander gesungen haben, ist im Mittelalter entstanden. In einer Zeit, in der sich viele Hymnen und Lieder gebildet haben, um der strengen römischen Liturgie etwas germanisches Gefühl einzuhauchen. Auch die Pfingstsequenz wiederholt nicht einfach das Geoffenbarte, sondern reflektiert eine geistliche Erfahrung, umschreibt diese Erfahrung in paradoxer Ausdrucksweise. Vater der Armen, Geber der Gaben, Licht der Herzen, Tröster, Seelengast, Milde Erfrischung. In Streß bist du die Ruhe, in der Hitze Abkühlung, im Weinen Linderung. Der Geist ist ein starkes Licht, das waschen, reinigen kann, ein Feuer, das zugleich erfrischen und wärmen kann.
Ist das nun bloß mystisches Spielen mit Metaphern? Oder ist das paradoxe Reden der Mystik etwas, das auf einen Auftrag zum Reden verweist, der sich nicht von der Schwierigkeit zu Reden entmutigen läßt? Das Unsagbare überschreitet immer die Dimensionen der Alltagssprache, ja die Dimensionen der Logik. Und dennoch: selbst die kleinste Erfahrung von Trost, von Zuversicht, von Licht in unseren Herzen ist hier anschlußfähig. Wer nur irgendeine Sehnsucht kennt, wird die Bilder der Pfingstsequenz verstehen können. Die Sprache des Herzens ist die globale, die alle verstehen. Die Sprache des Geldes und der Technik ist nur den wenigen Besitzenden zugänglich.
Und deshalb wird echter Universalismus immer ein Universalismus sein, der geistige Wirklichkeiten transportieren kann, der nicht bloß monetäre Übersetzungen von Machtgefügen sein eigen nennt. Die große Erfahrung von Gemeinschaft macht man nicht vor der Life-Übertragung, sondern in den wenigen geheimen Momenten, in denen unsere Sehnsucht sich fast zu erfüllen scheint.

Bitten wir um den Geist Gottes für alle Menschen, die einen Anwalt bitter benötigen, für alle Menschen, die vereinsamt sind und alle Menschen, die in dem unzerstörbarem Band der Liebe und des Vertrauens und der Hoffnung Kraft schöpfen. Amen.


Predigt am Sonntag nach Himmelfahrt
16. Mai 2010

Joh 17,20-26

Einssein
Zusammenhalten? Nein - Umkehren!

Die Verse des hohepriesterlichen Gebets des Herrn sind schwer auszulegen. Wer in der Osterzeit die Wochentagsgottesdienste besucht, hört in den letzten Wochen häufig Worte aus den Abschiedsreden Jesu. Und immer, wenn man sich dann an die Worte des Evangeliums erinnern will, kann man gar nicht sagen, was man eigentlich gehört hat. Meist fällt einem bei den langen Monologen nur ein Stichwort ein.

Im heutigen Evangelium dürfte es sich um das Stichwort „Einssein“ handeln, das im Gedächtnis haften bleibt und doch so gut zum Ökumenischen Kirchentag, der gerade in München zuendegeht, zu passen scheint.
Nun ist das mit der Einheit eine problematische Sache. Jemand der im Schatten einer Einheitspartei leben mußte, hat nicht nur positive Assoziationen beim Wort „Einheit“. Es schwingt in der Moderne immer auch viel Totalitäres mit: Unter dem Vorwand der Einheit wird doch bloß die „Truppe zusammengehalten“, werden Querulanten ruhiggestellt, kritische Töne unterbunden. Das Ideal der modernen Einheit ist der Gleichschritt - und der hat genügend Elend und Not in die Welt gebracht.
Nein es heißt eben nicht, wir müssen zusammenhalten, damit wir glaubwürdig werden.

Warum nicht? Das Einssein der Jünger im Johannesevangelium ist keine Gleichmacherei und kein Burgfrieden. Es ist eine Einheit, die sich an der Einheit des Sohnes mit dem Vater orientiert.
Wenn wir genau wissen wollen, worin diese Einheit besteht, dann müssen wir verstehen, was mit der δοξα (der Herrlichkeit) gemeint ist, die der Sohn vom Vater hat und den Jünger weitergibt.
Darüber hat Hans Urs von Balthasar ganze sieben dicke Bände geschrieben. Es wäre vermessen, das in einige wenige Sätze zusammenziehen zu wollen.
Vielleicht aber so viel: die Einheit von Vater und Sohn ist zunächst keine Bewußtseinskategorie. Das Einssein von Vater und Sohn ist nicht ein gemeinsames Handeln, ein gemeinsames Projekt, im Sinne "gemeinsam sind wir stark", obwohl man das manchmal denken könnte: „Ich tue das, was der Vater sagt“ und „der Vater tut alles, worum ich ihn bitte“ u.s.w.
Es ist vielmehr eine Familienähnlichkeit - die „Herrlichkeit“ ist nämlich eine sichtbare Qualität, eine ästhetische Kategorie, etwas, das man schauen, anschauen kann.
Die Einheit von Vater und Sohn ist nicht nur eine gewollte, sondern auch eine sichtbare: „Wer mich sieht, sieht den Vater!“
So ist die Einheit der Jünger untereinander immer mehr Geschenk als Frucht ihrer Bemühungen und ihrer Anstrengung. Die Einheit ist Teil dessen, was ein Transformationsgeschehen des Christen ist: eine Umgestaltung in Christus hinein.
Der Christ ist durch die Taufe nicht ein besserer Mensch, sondern er wird ein völlig anderer. Er arbeitet nicht daran, nett und offen zu sein, sondern er wird von Gott umgestaltet!
Diese unerhörte Wahrheit ist vielleicht nicht besonders zeitgemäß, aber es ist das große Mißverständnis unserer Zeit, daß man meint, nur weil der Christ möglicherweise höhere Ansprüche an sich setzt als ein Nichtchrist, wäre er schon deswegen ein besserer Mensch. Es ist noch nicht einmal ausgemacht, daß die Ansprüche ethisch wertvoller sind - sie sind eben an Christus genommen. An seiner Person. Ihm will der Christ ähnlich werden, ihm will die Christin sich immer mehr angleichen. Das ist die Herrlichkeit - die forma Christi anzunehmen - und dann wird die Welt erkennen und glauben, daß der Vater seinen Sohn gesandt hat.
Das ist übrigens keine einfache Angelegenheit - das ist das größte Drama der Menschheitsgeschichte: der Botschaft der Liebe ist kein einfacher triumphaler Sieg beschieden, sondern ein immer wieder neues Unterliegen, ein Zurückbleiben hinter den Werten, die im Leben Jesu leuchten - also ein Unterlaufen der Lebensform Christi - der forma Christi.
Von vielen Heiligen wird berichtet, daß sie sich in Entscheidungssituationen immer gefragt hätten: „Was würde Jesus tun?“ (Heute als „W.W.J.D.“-Slogan unter amerikanischen Christen.) - Und wenn wir uns zurückbesinnen auf uns selbst - wie oft haben wir genau das Gegenteil getan? Aber selbst wenn die Einheit der Jünger mit Christus immer bruchstückhaft und anfanghaft ist, und deshalb die Einheit der Jünger untereinander immer bedroht ist, so ist sie doch der einzige Lichtblick in dieser Welt.
Der ökumenische Kirchentag hat sich die Hoffnung zum Thema gemacht - nicht die Hoffnung auf eine „reine Kirche“ ist damit gemeint, sondern die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi, der all unser Bemühen nicht belächelt sondern stärkt und unterstützt, der dem Ringen der Braut nicht abwartend zusieht, sondern sich mit ihr und an ihr freut - denn diese ist es, für die er sein Leben hingegeben hat, diese eine Kirche ist es, deren Haupt er ist und der er den Beistand sendet. Amen.

Predigt Christi Himmelfahrt

13. Mai 2010

Apg 1,1-11; Lk 24,46-53

Ganz unten - ganz oben

Wir hören im Lesejahr C meist Evangelienlesungen aus dem Lukasevangelium. Lukas gilt nicht nur als Autor des nach ihm benannten Evangeliums, sondern auch der Apostelgeschichte. Und in beiden Schriften wird die Himmelfahrt Christi beschrieben. Jedoch recht unterschiedlich. Einmal geschieht es am Abend des Ostertages und einmal nachdem er 40 Tage hindurch ihnen erschienen ist und vom Reich Gottes gesprochen hat. Das muß auffallen, weil Lukas entweder nicht sorgfältig war in der Zusammenstellung seiner Texte oder etwas Unterschiedliches sagen wollte.

Man kann sich die Sache einfach machen und sagen: ja genau, das ist doch alles bloß nachösterliche Deutung des Christusereignisses durch die frühen Christen. Das meint eben eine psychologische Wirklichkeit, eine Halluzination.
Nun ist es allerdings nur schwer mit dem katholischen Glauben zu vereinbaren, daß der Leib des Auferstandenen eine bloße Einbildung war - dann könnte man auch sagen: auch die Auferstehung war eine Einbildung.
Beide Himmelfahrtsberichte sind präzise - aber beide haben eine andere Funktion, einen anderen Schwerpunkt im lukanischen Doppelwerk. Geschildert wird jeweils das Ende der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen - im Evangelium geht es um das Aushalten, das Ausharren im Gebet um den Geist.
Hier wird der Auferstandene hinweggenommen, um den Aposteln deutlich zu machen: Es kommt einmal auf euch an. Ihr werden gesegnet! Die Trennung vom Auferstandenen hat hier eine stabilisierende Wirkung auf die Jünger.
Am Beginn der Apostelgeschichte wird die letzte der Erscheinungen des Auferstandenen geschildert - auch hier geht es wieder um die Herabsendung des Geistes, aber sehr viel deutlicher wird der Auftrag: Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa - bis an die Grenzen der Erde. Hier ist die Himmelfahrt des Auferstandenen eine Eröffnungsszene, eine Art Inauguration - sie eröffnet das Wirken der Apostel und verweist auf die Wiederkunft - auf das Ende der Zeiten. Hier hat die Trennung vom Herrn eine mobilisierende Wirkung.

Wenn das so ist, wenn nun v.a. gesagt werden soll, was die Wirkung der Abwesenheit des Auferstandenen sein soll, warum dann das mit dem Himmel? Hätte es nicht gereicht, wenn Lukas wie bei den Emmausjüngern den Auferstandenen einfach „verschwinden“ läßt? „Und dann sahen sie ihn nicht mehr.“ - Häufig wird gesagt, das waren halt die Zeitumstände - eben eine naive Vorstellung von Natur, wo es eine Unterwelt gibt und eine Schale aus Sternen überwölbt den Himmel - in die Richtung muß dann auch Gott gedacht werden.
Natürlich haben wir heute eine blasse Ahnung von Wirkungsquanten und davon wie Gravitation funktioniert. Da gibt es keinen Himmel mehr.
Aber so einfach ist das nicht: jeder von uns versteht sofort, was es heißt „ganz unten“ zu sein und was es mit den oberen Zehntausend auf sich hat. Wenn es uns vielleich inzwischen egal sein mag, ob ein guter Vater vom Himmel auf uns herab schaut, es ist uns überhaupt nicht egal, ob einer unserer Freunde oder Nachbarn auf uns herabschaut - nur weil wir wissen: physikalisch gibt es doch gar kein „Herabschauen“. Jeder Mensch weiß sofort, daß Himmel ein sehr starkes Bild für Freiheit ist, da muß man nicht Reinhard Mey kennen (Wind Nordost, Startbahn Null drei). Sonst wäre es einfach nicht zu erklären, warum sich das Bergsteigen auch heute noch großer Beliebtheit erfreut, warum Häuser egal wo niemals hoch genug sein können.
Nein, es ist überhaupt nicht einerlei, ob die Heimkehr des Auferstandenen zum Vater eine „Himmel“-Fahrt ist oder nicht und jeder, der sich darüber lustig macht - wie Prof. Beinert im Radio in einer Kritik am damals neuen Weltkatechismus, wo er die Himmelfahrt Jesu mit dem Start einer Ariane-Rakete vergleicht - macht sich über anthropologische Grundkategorien lustig. - Der Himmel ist eben das Andere. Das, wo man nicht hingelangt, obwohl er uns immer umgibt, immer da ist.
Wenn die Menschen irgendwann einmal alle einen Propeller am Rücken eingemorpht bekommen haben, und sich ständig schwebend bewegen können, dann ist diese Grundkategorie bedeutungslos geworden. Dann ist das Oben und das Unten fließend geworden.
Vorher aber können wir davon ausgehen, daß jeder recht gut versteht, was ein Hochgefühl ist und jeder die Drohung versteht, niedergemacht zu werden, runtergeputzt etc. Da ist nichts Naives dabei, sondern so sprechen und denken wir Menschen. Und dieser Sprache hat sich Gott bedient, um sich uns zu offenbaren.
Da ist einer, der für uns „ganz unten“ war - ganz nach oben gekommen. Das ist die Wahrheit des Himmelfahrtstages. Das ist die Hoffnung für alle, die an ihn glauben. Das ist die revolutionäre Kraft des Evangeliums: Gott ist es nicht egal, ob jemand klein ist - zur Unterschicht gehört. Nein er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid. (Eph 1,18)

Predigt am 6. Sonntag in der Osterzeit
09. Mai 2010, 12.00 Uhr
Joh 14,23-29

Gott auf Wohnungssuche

Die Grundfrage des heutigen Evangeliums ist die Frage des Judas Thaddäus, ein Vers vor unserem Abschnitt: „Warum willst du dich nur uns offenbaren?“
In der Antwort Jesu findet sich ein Verweis auf ein theologisches Schlüsselwort im Johannesevangelium - μονὴ - die Bleibe, die Wohnung.
Die Frage, was denn Offenbarung sei und warum sie nicht klarer einfacher und verständlicher ist, warum nur so wenige von ihr berührt werden, ist eine quaestio perennis: Warum erstrahlt die Botschaft nicht einfach und hell? - Antwort: Weil es nicht um bloße Manifestation der Allmacht Gottes geht, um eine Information, die man abrufen kann, die immer und überall verstehbar ist, sondern weil es beim christlichen Verständnis von Offenbarung um einen personalen Prozess geht, um einen wirklichen Austausch und damit auch um den Ort geht. Den Ort, wo Gott ‚wohnt’.
Das ist für uns nicht nur deshalb schwierig zu verstehen, weil wir keine klare Vorstellung von dem haben, was mit ‚Gott’ bezeichnet wird, sondern, weil wir eine große Schwierigkeit haben, überhaupt uns dem ‚Wohnen’ semantisch zu nähern. Weil wir allesamt Schwierigkeiten haben, auf die Frage „Wo ist dein Zuhause?“ eine befriedigende Antwort zu geben.

Das 20. Jahrhundert kann als das Jahrhundert bezeichnet werden, das angefangen hat, das Wohnen als eine Not zu sehen, an die Stelle des Wohnens im Haus der Sprache ist eine Unbehaustheit, eine Entwurzelung des modernen Menschen getreten, die als existentielle Not begriffen wird. Hier sind v.a. Adorno, Bloch und Heidegger zu nennen, die (auf ihre spezifische Weise) ganz klar behaupten: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr wohnen. (...) Das Haus ist vergangen.“ (Minima Moralia, 42) oder: „Gibt es noch jenes ruhige Wohnen des Menschen zwischen Himmel und Erde?“ (Heidegger in: Gelassenheit)
Gemeint ist wohl, daß es nicht mehr den Austausch gibt zwischen dem Ort und mir. Dem Ort, der mich und mein Innerstes prägt und formt, und mir, der ich meine Wohnung gestalte, mit dem was ich habe - so, daß mein Wohnzimmer etwas über mich sagt und ich in meiner Behausung eine Grenze habe, sich ein Wechselverhältnis zeigt.
Die Räume, die wir bewohnen, werden mit Austauschbarem ausgestattet. Hier gibt es eine interessante Parallele zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum. Die Einzigartigkeit, die unsere öffentlichen Räume zur Heimat werden läßt, verdankt sich gewachsenen und gealterten Bauten. Unsere modernen Fußgängerzonen ähneln in ihrer Standardisierung den höchst 'individuellen' IKEA-Möbeln, die wir überall vorfinden.
Was meint das Johannesevangelium damit, daß es sagt: Wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen? - Es ist das Bleiben gemeint. Gott gibt nicht irgendwelche Anweisungen, die einem auf der Suche nach Glück helfen sollen, sondern, Gott will in einen Austausch treten - er formt und prägt mich als seine Wohnung(!) und ist bereit, sich dauerhaft bei mir niederzulassen, „umzuziehen“, sich zu verändern! - Das ist für antike Ohren ein Unding und doch ist das, was wir mit Inkarnation bezeichnen, eine der tiefsten Wahrheiten des Christentums. Die Inkarnation gibt der Offenbarung eine Unübersteigbarkeit, Unüberbietbarkeit.
Das Wohnen Gottes in den Herzen der Menschen ist von da an das nie langweilig werdende Thema der christlichen Mystik. Es sollte gerade in unserer Zeit auch unser Thema sein.
Und dann, wenn wir bis in die Tiefe erfaßt haben, was es bedeuten kann, daß wir selbst Ort der Anbetung, Wohnung Gottes werden können, erschließen sich die anderen Verse unseres Evangeliums besser.
Dann verstehen wir die Trostworte, die Verheißung des Beistandes, das Wort vom Frieden.
„Euer Herz wanke nicht, und verzage nicht.“ In den synoptischen Evangelien gibt es die Szene (Mt 14,27-31) des untergehenden Petrus im See Genesareth - Petrus bekam Angst, weil er auf sich schaute und auf die Wellen. Doch der Herr streckt sofort seine Hand aus mit der Frage: „Warum hast du gezweifelt?“
Gerade in stürmischen Zeiten schauen wir oft auf uns und fragen uns, ob wir nicht doch vieles hätten anders machen können. Uns wird unbehaglich in unseren vier Wänden. Wir halten das Wohnen nicht aus. Wir fragen ständig nach der Stabilität der Fundamente.
Einer meiner geistlichen Lehrer hat mir immer eingeschärft: In Zeiten der Unruhe triff keine Lebensentscheidungen. Sondern erst, wenn du wieder klar siehst. Und so ist es auch mit unserem Haus, so ist es auch mit dem Wohnort Gottes.
Es ist sicher sinnvoll, immer mal am eigenen Haus zu bauen, es ist gut, die Fundamente zu prüfen. Aber baue dein Haus nicht um, wenn ein Sturm darüber geht!
Der Jünger Jesu, der der ihn liebt, ist Wohnung Gottes in dieser Welt. Das macht die Sache nicht einfacher, aber es bedeutet in aller Bedrängnis eine große Sicherheit. Denn er, der Meister geht, um dem Jünger, der ihm Wohnung gewährt, selbst eine Wohnung zu bereiten. Die Umgestaltung dieser Bleibe Gottes bedeutet: er wird aufgenommen in die Wohnungen des Vaters.

Die Aufgabe der Kirche in dieser Zeit wird oft lapidar umschrieben mit der Formulierung, sie solle angesichts der Unübersichtlichkeit, Schnelligkeit und Gesichtslosigkeit unserer Gesellschaft „heilige Räume“ anbieten, sakrale Strukturen in eine pluralistische Welt implementieren. Auf der einen Seite soll sie beheimaten, auf der anderen Seite sich immer neu strukturieren, öffnen, umbauen. Die Moderne reagiert auf jede Irritation mit Umbaumaßnahmen, Umstrukturierungen, Anpassungen, Kabinettumbildungen - und das fordert sie auch von der Kirche, weil sie gar nicht anders kann. Demgegenüber steht die oft verzweifelte Suche des modernen Menschen nach einer verlorenen Heimat, nach einer Bleibe, einer μονὴ. Viele Menschen befinden sich hier in "bester Gesellschaft" auf der Suche nach solchen Räumen. Gott selbst ist es, der seit jeher Menschen sucht, die bereit sind, Ihm Obdach zu gewähren. Gott ist auf Wohnungssuche - gerade heute. Amen.

Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit
02. Mai 2010

Apg 14,21b-27; Offb 21,1-5a; Joh 13,31-35

Siehe, ich mache alles neu!
Die Geburt der Kirche im Abendmahlssaal

Drei verschiedene Lesungen verweisen heute auf etwas, das wir nur schwer fassen können, nur mit Bildern umschreiben. Es geht um die Kirche - jeder der Nachrichten sieht, kennt das Wort „Kirche“, und hat eine Menge Assoziationen parat, aber die auf die Frage, was das denn eigentlich sei - die Kirche - bekommt man eine Menge sich widersprechender Antworten.

Die Apostelgeschichte berichtet die Heimkehr der Apostel Paulus und Barnabas von ihrer gemeinsamen Missionsreise durch Kleinasien. Unterwegs haben sie Zeugnis von Christus und seiner Auferstehung gegeben: Durch viele Drangsale müssen wir ins Reich Gottes gelangen.
Der Aufbau von Gemeindestrukturen ist mühsam - um die jungen Christen zu stärken berufen sie Älteste - Presbyter, legen ihnen die Hände auf, während sie fasten und beten.
All das gibt es heute auch noch und zwar in der Weiheliturgie: die Handauflegung, das Gebet - und bis in die jüngste Zeit war auch das Fasten noch eine Tradition, die selbstverständlich zur Vorbereitung der Weihe dazugehörte.
Kirche besteht aus der Bemühung des Einzelnen, dem Mühen um den Einzelnen - durch das Zeugnis öffnet Gott den Heiden die Tür zum Glauben.

Aber es gibt auch einen Aspekt, der über die Mühen hinausgeht. Dieser wird in der zweiten Lesung angedeutet. Hier breitet sich die Kirche nicht aus von Ort zu Ort, sondern kommt von oben herab: Das Zelt Gottes unter den Menschen, die Anwesenheit Gottes in ihrer Mitte ist nicht so sehr Frucht der Missionsbemühungen, sondern Geschenk in der Fülle der Zeiten.
Es ist etwas Wunderbares daran, daß die Kirche aus der Apokalypse nicht nur am Ende des Kirchenjahres liest, sondern gerade auch in der Osterzeit. (Allerdings ist da auch Vieles ausgelassen.)
Die Osterzeit ist die Zeit der Einübung in das Leben mit dem Auferstandenen, das Leben des Geistes, das Leben der Gnade. Es ist die Zeit der Praxis - gerade hier könnte es das Mißverständnis geben, alles hinge ab von uns und unseren Fähigkeiten. Die Tür des Glaubens müsse mit Mühe und viel Geschick aufgestoßen werden.
Nein, der Osterglaube ist nicht nur Mühe und Drangsal, sondern ist Befreiung von Angst und Kleinmut. Keine Klage, keine Mühsal - was früher war, ist vergangen - Siehe, ich mache alles neu.

Und ein drittes Mal haben wir das Neue gehört - ein neues Gebot: Liebt einander!
Wir können uns immer wieder fragen: Was ist neu an mir? Habe ich die Kraft, immer von Neuem die Liebe, die ich vom Herrn empfangen habe, weiterzugeben?
Das neue Gesetz Christi ist dabei vielleicht weniger positives Recht der neuen Stadt, des himmlischen Jerusalem, sondern es ist die Rechtsquelle, die Grundlage des Zusammenlebens der Christen. An ihm müssen alle unsere Vorstellungen die wir vom Miteinander haben, gemessen werden.

Neues Gebot, neue Stadt, der neue Weg der Apostelgeschichte - am Sonntag mit dem Namen Cantate haben wir den Gottesdienst sogar mit einem Aufruf zu einem neuen Lied begonnen - ist das Christentum nun eine Firma, die alles und jedes mit einem NEU-Etikett versieht? Was ist das Neue? Moralische Bestleistungen, Rekorde in Hinsicht auf Freundlichkeit - Menschenfreundlichkeit?
Nein. Das müßte doch beim näheren Hinsehen enttäuschend sein. Das Christentum hat aber etwas in die Welt gebracht, das wirklich neu ist. Die Nähe eines Gottes, der beispielgebend ist. Immer wieder haben Christen versucht, eine „schöne, neue Welt“ zu errichten. Und immer wieder werden sie es weiter versuchen. Aber Siedlungen für Fromme errichten auch die Sekten. Die Kirche ist ein bleibendes Zeichen der Hingabe - die Worte „Liebt einander“ werden im Abendmahlssaal gesprochen. Das Neue des Christentums ist das, was wir Sakrament nennen. Die bleibende Gegenwart Christi, der tröstet und befreit. Die Kraft in der Bedrängnis, im Leiden auszuhalten, weil sich die himmlische Stadt schon herabneigt auf die Erde. Sie ist noch nicht da - und alle, die glauben, man könne das alles beschleunigen - durch Strukturreformen, Revolutionen, Happenings, durch verbesserte Kommunikation - könnten sich vielleicht doch sehr täuschen. Das Neue des Christentums ist ein Geschenk der Hoffnung, das schlicht die Liebe erleichtert, denn nicht immer ist unser irdisches Lieben ein erfülltes, eine gegenseitiges Lieben. - Das Neue am Christentum ist, daß es Ernst macht mit dem, was wir Vergebung nennen, es macht Ernst mit der Hingabe - weil es trotz aller Mühsal eine Perspektive eröffnet in der Vision von der himmlischen Stadt. Diese Vision brauchen wir heute gerade in einer Welt die geprägt ist von Neid, Borniertheit und von schwerer Schuld. Amen.

Predigt 4. Sonntag der Osterzeit
25. April 2010

Joh 10, Offb 7,9.14-17

Ist der "Gute Hirte" eine johanneische Katachrese?

Vor einigen Wochen bin ich an der Zeitungsauslage unserer Akademie ungewollt erheitert worden, das ist bei den Schlagzeilen unserer Tage ein seltenes Vorkommnis - deshalb möchte ich Ihnen diese Heiterkeit nicht vorenthalten. Eine kirchliche Zeitung titelte mit den Worten: „Pflege-TÜV auf dem Prüfstand“.
Eine ungewollt komische Vermischung von Bildern stellt sich ein, man fragt sich wie ein Wort-Monstrum wie „Pflege-TÜV“ auf einem Prüfstand wohl aussehen solle.
In der Sprachwissenschaft nennt man solche verunglückten Bilder „Katachrese“, dabei kann es sich um Bilder handeln, die einem Millieu entstammen, das es gar nicht mehr gibt, dazu gehören viele Bilder aus dem bäuerlichen Lebensumfeld, oder die einer Weltsicht entstammen, die heute kaum jemandem mehr aus eigener Anschauung bekannt sind.
Es ist selbst schon bemerkenswert, daß zu allen Zeiten das bild-produktivste Millieu der technische Bereich ist, man denke nur an Habermas’ berühmten „Transmissionsriemen“.
Die Metapher vom Hirten ist diskreditiert, wie keine andere. Kaum jemand möchte öffentlich zugeben, daß er sich von jemandem geführt, bemuttert, gestreichelt wissen will. - Die Ausnahme ist die Beerdigung, wo sehr oft gewünscht wird, „... Aber diesen Psalm mit dem Hirten, den beten Sie doch!“

Wir haben in der Lesung aus der Apokalypse eine ganz interessante Katachrese gehört. Der Visionär zeichnet ein endzeitliches Bild. Versammelt sind die Helden des Christentums, aus allen Nationen. Sie haben sich nicht einschüchtern lassen, sondern ihre Gewänder makellos behalten, weiß gewaschen.
Nun sind sie versammelt um ihren Hirten und dieser Hirte ist ein... Lamm.

Wie kann ein Lamm eigentlich Hirte sein? Das überzieht doch das Bild ins Absurde hinein!
Sie sind selbst geworden wie das Lamm. Sie leben in der Türkei, im Irak, in Nigeria, in Indien - sie spielen nicht mit in der Orgie der Gewalt, sie verteidigen sich nicht. Sie sind ihrem Hirten ähnlich geworden - wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt.
Das, was die Apokalypse beschreibt, ist genau das, was Nietzsche immer ersehnt hat, und was er dem Christentum nicht mehr glauben wollte - die eigentliche Umwertung von oben und unten, von groß und klein.
Der Hirte kann nur Hirte sein, wenn er das Leben seiner Schafe und Lämmer teilt.
Die unauflösliche Lebensgemeinschaft ist ja der springende Punkt in der Bildrede vom Hirten. Und das ist auch der springende Punkt in unserem Leben. Wir wissen alle ganz genau, daß es für uns Menschen keinen tieferen und beglückenderen Augenblick gibt, als wenn wir spüren: ich habe einem anderen das Leben geschenkt, das was wir mit gelungener Hingabe bezeichnen.
Das ist für Eltern das Glück ihrer Kinder.
Und das ist im geistigen Bereich weitaus schwieriger - aber auch hier möglich.
Das Lamm wird ihr Hirte sein und sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt und niemand kann sie seiner Hand entreißen.
Gott wird alle Tränen abwischen von ihren Augen. - Das Lamm ist der Hirte, es hat die Macht über die Herzen. Das ist das österliche Leben, das von keiner Macht dieser Welt bedroht werden kann. Keine Angst um Reputation, keine materiellen Vor- oder Nachteile, keine Schönfärberei können dieses Streben des Menschen nach Glück irgendwie korrumpieren. Am Ende merkt man es doch. Wenn ich immer nur an mich gedacht habe, dann fehlt etwas. Es reicht nicht. Aber einen einzigen Menschen zu haben, dem man sich schenken darf, reicht aus für alle Zeit.
Die Metapher vom Hirten ist gerade in der Zeit der Bedrängnis stark. Gerade in Zeiten des allumfassenden Narzismus, der belanglosen Sucht nach dem nächstbesseren Kick.
Und deshalb spüren wir alle, daß es wenn überhaupt, nur für diesen merkwürdigen Hirten, der mehr einem Lamm als einem Despoten gleicht, sich lohnt, seine Gewänder einzusetzen. Deshalb ist dieser Sonntag vom Guten Hirten der Gebetstag um geistliche Berufe.
Gerade heute lohnt es sich diesem Lamm-Hirten nachzufolgen - ewiges Leben, Unsterblichkeit versprechen heute viele: die Pharma-Industrie, die Medizin, das Internet, der Extremsport....
Aber sie schenken nur ewiges Leiden das Einerlei, das wir alle kennen. Zu spüren: hier ist jemand, für den ich etwas tun kann, der mich braucht und der meinem Leben ein Ziel gibt - der mich nicht mehr hungern und dürsten läßt, sondern bei dem ich zuhause bin. Das gibt es nur bei Gott.
Amen.

Predigt am Weißen Sonntag
11. April 2010, 12:00 Uhr
Akademiekirche

Wie neugeborene Kinder verlangt nach der geistigen, echten Milch!

Ob der moderne Mensch tatsächlich dem zweifelnden Thomas so ähnelt, wie es die Kommentare des heutigen Evangeliums häufig nahelegen, darüber läßt sich streiten. Ich bin immer mehr der Ansicht nahe, daß es schön wäre, wenn es so wäre.
Ich habe eher den Eindruck, der moderne Mensch hält sich vielleicht für kritisch - aber er ist es nicht (vielleicht von Leuten abgesehen, die Bildungseinrichtungen wie Katholische Akademien besuchen). Der moderne Mensch ist ziemlich leicht zufriedenzustellen. Die Antworten müssen nur entsprechend aufgemotzt sein - es gibt kaum etwas, das man heute nicht mit einer halbwegs professionell organisierten Werbekampagne unter die Leute bringen könnte.
Deutlich wird das an den Streitereien um das Klima. Erst wird uns empfohlen, wir sollten möglichst keine Zwiebeln mehr essen, um den Treibhaus-Effekt nicht noch weiter anzuheizen, dann wittern die Kernkraftwerkbesitzer Morgenluft - und jetzt heißt es: Ehe wir wieder Atommeiler bauen, dann verzichten wir lieber auf den Klimawandel.
Dieses ständige Hin und Her und die mit ihm verbundenen Diskussionsrunden in größter Emotionalität lassen mich an der Mündigkeit und Selbstbestimmtheit des modernen Menschen zweifeln.
Man mag von den vielen Umfragen, die von Zeitschriften in Auftrag gegeben werden, damit sie endlich mal wieder Balken-Diagramme drucken können, halten was man will. Aber beeindrucken tun sie manchmal doch: Vor Ostern wurden in den Zeitschriften Umfrageergebnisse von Emnid veröffentlicht, nach der 80% der Deutschen im Osten und 70% im Westen wenn es sein müßte in einem sozialistischen Staat leben würden, wenn nur ausreichend Arbeitsplätze, Solidarität und die eigene Sicherheit und einigermaßen gewährleistet wäre. Das was gemeinhin unter Freiheit verstanden wird, ist für die meisten Menschen kein Thema, bzw. sie meinen, ohne Sicherheit bräuchte man keine Freiheit. -
Diese Einstellung erinnert mich an die Jünger mit ihren verschlossenen Türen.
Aber darum geht es ganz und gar an Ostern.
Das ist gemeint, wenn der Menschensohn zum Seher Johannes sagt: Ich war tot, doch nun lebe ich - ich habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.
Und das ist gemeint, wenn der Auferstandene in die Mitte seiner Jünger tritt und sagt: Empfangt den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden nachlaßt, dem sind sie nachgelassen. -
Ostern ist ein Fest der Neugeburt in Freiheit - der heute vielleicht etwas komisch wirkende Titel des heutigen Sonntags, an dem nur noch die tapferen Lutheraner festhalten: „Quasimodo“ zeigt das an: Quasimodo geniti infantes - Wie neugeborene Kinder verlangt nach der geistigen und echten Milch!
Ihr seid Neugeborene des Geistes! Lebt in der Freiheit der Kinder Gottes! -
Aber wie häufig wird die Freiheit des Geistes mit den armseligen Freiheiten einer Konsumgesellschaft verwechselt. Oder wie merkwürdig klingen die Worte von Menschen, die sagen: im Islam, da gibt es keine Unsicherheit, keinen Werterelativismus, da ist alles bis ins Kleinste geregelt. Da ist Geborgenheit und Sicherheit. -
Empfangt den Heiligen Geist! heißt nicht: Macht doch, was ihr wollt! Sondern: Ich lege meine Hand auf dich. Du wirst nicht sterben! Weil du in die Gemeinschaft mit Gott aufgenommen bist.
Nur da wo Freiheit ist, gibt es Entwicklung der Person, gibt es Sicherheit. Und nur wo Freiheit ist, gibt es wirkliche Werte. Denn nur der Freie wird sich dessen bewußt, daß es Dinge gibt in seinem Leben, die er niemals eintauschen wird, die niemals in die Kette des Warentauschs Eingang finden. Die er, wenn überhaupt, nur einmal im Leben zur Disposition stellen wird, genau dann, wenn der Augenblick gekommen ist - und zwar nicht als Prostituierung seiner selbst, sondern als Geschenk, als Gabe. Der Christ lernt nach und nach zu unterscheiden zwischen dem, was wir einsetzen können und müssen. Und dem, was niemand fordern darf. Was wir immer nur aus freien Stücken schenken. Nur der, der frei ist, kann sich selbst schenken, nur der Freie kann wirklich dienen.
Die Taufe, auf die wir getauft worden sind und die wir gleich wieder erleben dürfen, ist die österliche Zusage, dessen der tot war und jetzt lebt in Ewigkeit: Du bist frei. Du wirst nicht sterben! Amen.

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