Predigten Ostern 2010

Predigt am Ostermontag
04. April 2010, 12:00 Uhr

Lk 24,13-35

Resurrexi, et adhuc tecum sum, alleluja!

Das Evangelium von den beiden Jüngern, die nach Emmaus gehen, wird von vielen Menschen als eines der schönsten Osterevangelien empfunden. Viele Worte daraus kennen wir - manche sind zu Liedern geworden: „Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden“.
Mir selbst ging das lange Zeit nicht so. Die warmen Farben mit denen Lukas malt, waren mir lange irgendwie suspekt. Was mich irritiert hat, kann ich nicht genau sagen, aber es ist schon etwas Geheimnisvolles an diesem dritten Mann, der da zufällig sich hinzugesellt. Dieser Auferstandene, den man nicht erkennen kann, warum hat er keine Wundmale? Warum sagt er nicht einfach: Ich bin es, faßt mich doch an! - Warum läßt er die beiden Jünger den ganzen Weg nach Emmaus gehen von Jerusalem? Er wußte doch, daß das die falsche Richtung ist! Hätte er nicht, rechtzeitig, als sie noch nahe bei der Stadt waren, sagen können: Geht zu den Elf Jüngern und sagt ihnen, daß ich lebe?

Vielleicht weiß Lukas einfach besser, wie viel Zeit es braucht, bis sich die Augen an das Osterlicht gewöhnen und wie lange es dauert, bis die ganze Last, die ganze Enttäuschung von der Seele fällt. Dem Auferstandenen, von dem uns die anderen berichten werden, der durch die verschlossenen Türen hineingeht, werden keine Lebensgeschichten erzählt, vor ihm fallen die Jünger schlicht auf die Knie.
Aber vielleicht will Jesus das nicht unbedingt? Ich halte die Überlieferung, daß Lukas zunächst Arzt war, für einen hilfreichen hermeneutischen Schlüssel, um die besonderen Texte, die nur er bietet, zu verstehen. Er ist ein Arzt, und er hat etwas verstanden, von der Art, wie Gott heilen will. Gottes Methode besteht in einer behutsamen Arbeit, er nimmt sich als guter Arzt viel Zeit, er möchte sowenig wie möglich invasiv arbeiten, das ist zwar aufwendiger, aber im Endeffekt erfolgversprechender. Er betrachtet die beiden Jünger - einer der beiden soll Lukas selbst sein - als in der Wurzel ihres Daseins Erschütterte, Verletzte. Wenn nun die Länge der 'Behandlung', die der geheimnisvolle Wanderer den Traurigen angedeihen läßt, auf eine Wertschätzung des Kranken hindeutet, dann zeigt sich auch für uns ein wunderbar tröstender Gedanke.

Gott tauscht nicht schnell ein paar Organe aus. Gott ist kein Ersatzteil-Klempner, wenn es um den Menschen geht, sondern er möchte den Menschen - möglichst so wie er ist - gewinnen, neu ausrichten, heilen. Schnelles Austauschen ist für Gott keine Lösung.
Er legt Wert auf jeden einzelnen, mit seiner Geschichte, mit seinen Macken, mit seinen Wunden.

Und deshalb eignet sich dieses Evangelium wunderbar auch als Taufevangelium für den kleinen Hannes.
Sie haben sich den Psalm 139 als Wunsch für Hannes ausgesucht: Von allen Seiten umgibst du mich.
Gott kennt unsere Innenseite und behütet unsere Außenseite. Möge auch Hannes eines Tages erfahren, daß in guten wie in schweren Zeiten immer ein geheimnisvoller Wanderer an seiner Seite mitgegangen ist, sogar auf Wegen, die sich im Nachhinein als Umwege herausstellen. Und wenn er gute Ohren hat, kann er auch die leise Frage hören: Was sind das für Dinge, die dich bedrücken und dich belasten? Du kannst es mir sagen, denn Ich bin auferstanden bin nun immer bei Dir. (Ps 138/139, 18 - Introitus der Ostermesse am Tage) Amen.


Predigt am Ostersonntag
04. April 2010, 12:00 Uhr
Hochamt

Dic nobis Maria, quod vidisti in via?
Von Maria Magdalena lernen, das Schweigen zu durchbrechen.

So voller Zeichen und Symbole wie die Osternacht ist die Messe am Tage nicht. Aber auch sie hält wunderbare Schätze bereit, die uns österlich stimmen können. Ich meine die Ostersequenz vor dem Evangelium. Sie wird eigentlich eine Woche lang gesungen. In unseren Breiten sind wir jedoch so an die Normalform der Messe gewöhnt, daß wir nicht wissen, was wir mit einer Sequenz anstellen sollen.
Sie bereitet auf das Evangelium vor, sie begleitet die Evangelienprozession. Sie ist ein poetischer Wechselgesang, ein Gespräch, in das das Wort des Evangeliums eintritt. So wie in das traurige Gespräch der Emmausjünger ein Dritter hineintritt. Die Sequenz will die Ohren bereiten, für das was man nicht hören kann.
Das Evangelium des Johannes ist, was die Osterberichte betrifft, ja recht karg und eigentlich nicht besonders erbaulich. Es geht um sehr wenige Menschen: zwei schweigende und eine Person die das Schweigen nicht mehr aushält.

Es ist höchst interessant, daß die Jünger die ganze Zeit überhaupt nicht sprechen. Im ganzen 20. Kapitel des Johannesevangeliums - dem Osterkapitel - sprechen nur der Auferstandene und Maria Magdalena - und dann der ungläubige Thomas. (Wenn es nicht noch das angefügte, wunderbare 21. Kapitel gäbe, in dem Petrus rehabilitiert wird, hätte es das Johannesevangelium schwer gehabt in den Rang eines kanonischen Evangeliums zu rücken - so schön die Brotrede ist, das Abschiedsgebet des Herrn etc. - aber so kann man kein Evangelium enden lassen - mit Schweigen.) Alle anderen Apostel sind sprachlos, verstummt. Johannes möchte wohl ausdrücken: hier ist jemand seines Lebens nicht mehr froh. Die Jünger sind nach der Kreuzigung ihres Herrn voller Furcht. - Was werden die Leute sagen. Wir können uns nirgendwo mehr blicken lassen und schließlich sind sie auch von tiefer Trauer erfüllt: das, woran sie ihr Leben gehängt haben, ist zusammengebrochen - auf eine furchtbare Art und Weise.
Der Schock dauert an.

Vielleicht sind auch einige unter uns, die ähnliche Gedanken haben, weil sie einen lieben Menschen verloren haben, weil sie sich für die Kleriker der Kirche schämen, weil sie von der allgemeinen krisenhaften Situation unserer Gesellschaft bedrückt sind, sei es eine Finanz-, Klima, Demographie- oder sonst eine der vielen Krisen.

Wir ähneln sicher manchmal den beiden stummen Jüngern, die zwar auf den Alarm der Maria Magdalena hin, loslaufen, aber deren Wege sich doch trennen.
Unsere Schriftkenntnis ähnelt auch der des Johannes und Petrus - sie hatten damals noch keine Ahnung, daß genau das - was sie gerade erleben - dem Profil eines richtigen Messias entspricht.
Und doch glaubte der Jünger allein durch die Sachlage.
Johannes möchte die Situation möglichst natürlich und präzise schildern, er, der sonst so sorgfältig konstruiert, möchte die Glaubwürdigkeit der Schilderung durch eine Menge an Details erhöhen.
Das Fest, das wir miteinander feiern, ist das zentrale des Christentums, es ist für uns vielleicht etwas abstrakt und schwer vorzustellen - Weihnachten: das Hoffnungszeichen eines neugeborenen Kindes und auch Karfreitag - die Mühsal unseres Lebens, die Jesus auskosten muß bis zum Ende - das sind Bilder, die zu Herzen gehen. Aber auferstehen? Wir winken ab, wie einst die Athener auf dem Areopag.

Dabei ist das Ostergeheimnis für unsere Welt gerade in dieser Zeit lebensnotwendig - überlebensnotwendig. Denn das Vertrauen in die Kraft des Lebens ist in unserer Gesellschaft beschädigt wie selten. Wir wagen aus Angst vor der eigenen Vergänglichkeit ja kaum mehr uns zu verlieben. Zu spät, zu früh, man weiß es nicht. Das was Europa wirklich lähmt, was uns dazu bringt immer mehr auf die Verjüngungstechniken der Pharma-, Kosmetik- oder Wellness-Industrie zu setzen, ist genau diese Angst vor dem Verfall, das geheime Wissen, daß die wenigen schönen Minuten unseres Daseins, alle abgezählt sind. Diese Angst kann man nicht einfach wegtherapieren, denn sie ist die Würze unserer Existenz, sie ist unser Dasein, wie Martin Heidegger es ausgedrückt hat: die Sorge. Aber wir können diese Sorge Gott anvertrauen, wir können uns wie die Apostel in das Grab hineinbeugen um zu sehen: wenigstens der Unschuldige ist davongekommen. Der, den sie ans Kreuz geliefert haben, hat die Bedrückung von uns genommen.
Folgen wir diesem Weg, den unser Herz uns führt, folgen wir Maria Magdalena - sie hat die Mauer des Schweigens der Apostel durchbrochen.
Lassen wir uns nicht durch die Wucht der Diesseitigkeit lähmen - lassen wir nicht nur Maria Magdalena Zeugnis geben, sondern treten wir ein in den Dialog, den die frühmittelalterlichen Christen erdacht haben, um aus ihrer Lähmung herauszufinden: Maria - sag uns - was hast Du gesehen? Amen.


Predigt in der Osternacht

03. April 2010, 22:00 Uhr
Akademiekirche

Unser Pascha - Der Übergang hinaus in die Freiheit

Die Liturgie der Osternacht ist ein Versuch. Sie ist ein Mysterienspiel, das versucht, die Erfahrung der ersten Christen in unsere Zeit zu tragen. Da ist mehr Schauen, mehr Empfinden, mehr Einfühlung als Räsonnieren, Reflektieren. Für die Reflexion, für das intellektuelle Einholen dieser christlichen Urerfahrung haben wir eine ganze Osterzeit - also 50 Tage Zeit.
Worin besteht nun diese Erfahrung, aus der die Christen gelebt haben? Sie besteht in einem fast körperlichen Erleben dessen, was das aramäische Wort 'Pascha' bedeutet. Der hebräische Stamm psh, aus dem sich die Festbezeichnung herleitet, heißt soviel wie übergehen, auslassen, vorübergehen. Um sich an die befreiende Kraft des Handelns Gottes zu erinnern, sollen die Juden den Tag der Errettung aus der Sklaverei in Ägypten so feiern, als wäre es gerade geschehen, als wären sie eben erst befreit worden.
Die frühen Christen haben dieses Festgeheimnis weitergefeiert, aber für sie bekam es einen Beigeschmack. Das, was an dem kleinen auserwählten Volk Gottes einst geschehen ist, das war nur ein Prototyp, ein Vorbild, damit wir das Handeln Gottes später besser erkennen können. Der Vorübergang des Herrn und der Durchzug durch das Rote Meer sind irreversible, historische Übergänge, die man in der Schrift häufiger antrifft, auch der Zug durch den Jordan wird ähnlich geschildert. Sie bereiten einen großen Vorübergang vor, an den die Osternacht der Christen erinnert.
Auf diesen weisen die Engel hin, die die ratlosen Frauen mit einer Frage verwirren: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier.“ - Es ist schon alles geschehen.
Die römische Liturgie kennt in den Gesängen des Karsamstags die schöne Antiphon „Recessit pastor noster“ - „Von uns gegangen ist unser Hirte, die Quelle lebendigen Wassers. Bei seinem Übergang verfinsterte sich die Sonne. Aber nun ist auch der gefesselt, der den ersten Menschen gefangen hielt. heute hat unser Erlöser die Pforten des Todes zerbrochen.“
Dieser Gedanke, daß der entscheidende Umschlag, der nicht nur ein einziges Volk in die Freiheit führt, sondern allen Menschen diese Freiheit ermöglicht, unbemerkt geschehen ist, gleichsam unter der Hand, wird in den Kirchen des Orients sehr viel deutlicher herausgestellt, und da das Osterfest nach östlicher und westlicher Berechnung in diesem Jahr auf ein und denselben Termin fällt, möchte ich Ihnen gern etwas zu dem Bild sagen, das die Vorderseite der Texthefte ziert.


In der Kirche des ehemaligen Chora-Klosters kann man diese Osterdarstellung in der Apsis des Parekklesions sehr schön sehen. Die mit dem Wort Anastasis gekennzeichnete Darstellung zeigt keinen schwebenden Christus mit einer Fahne in der Hand oder einem Triumphkreuz, wie er im Abendland im Anschluß an das Matthäusevangelium üblich ist. Sondern einen leichtfüßig dahineilenden Christus im Licht, das Gewand weht im Wind. Er balanciert auf den Pforten der Unterwelt, so wie das Osterlamm auf unserer Osterkerze über die Jahreszahlen hinwegtänzelt. Die Symbole der Zeitlichkeit werden umfaßt von der lichtvollen Ewigkeit des Auferstandenen. Wie kommt Jesus in diese Unterwelt hinein? Hinein in diese Welt gelangt Christus fast unbemerkt - genauso, wie er in die Welt der Menschen gelangt ist - wie in Betlehem. Er scheint ein normaler Mensch. Die Wächter des Todes wissen nicht, wen sie einlassen in ihr Reich. Der Christus, der die Menschen zeit seines Lebens geliebt hat, wird als Gekreuzigter begraben. Doch die Liebe bleibt. Es ist die Kraft, die die Welt in ihrem Dasein erhält. Diese Liebe des Vaters ist stärker als der Tod. Sie öffnet dem Begrabenen die Augen. Und sie drängt ihn, alle die er fassen kann, mit ans Licht zu zerren. Er packt Adam und Eva an ihren Handgelenken. Sie haben keine Kraft zuzufassen, sondern werden - ihr Einverständnis voraussetzend - einfach mitgerissen. Das ist der neue Vorübergang des Herrn. Die Ketten, die diesmal abfallen, sind nicht die der Ägypter, sondern die der Vergänglichkeit.
Das Korsett der Diesseitigkeit ist aufgebrochen worden, unbemerkt.

Daß wir den Verfall unserer menschlichen Natur immer nur für eine kurze Zeit aufhalten können, ist ein ehernes Gesetz. Ein Gesetz dessen Unerbittlichkeit gerade Menschen grausam zu fühlen bekommen, denen ein Freund oder Verwandter durch gewaltsamen Tod entrissen ist. Und gerade dann sehnen wir uns danach, etwas länger, ja für immer mit den Menschen zusammen sein zu können, die wir lieben. Den Verfall aufzuhalten, den Tod nicht ertragen zu müssen. Wir haben vieles in unserer Gesellschaft so eingerichtet, möglichst nicht an unsere Vergänglichkeit erinnert zu werden: der Jugendlichkeitskult vieler Menschen, das ständige Epilieren, das einen jungen Körper vortäuschen soll, das Solarium und das Unsichtbarmachen des Sterbens in den Krankenhäusern und schließlich sogar der Gräber durch anonyme Bestattung.

Die Osternacht der Kirche ist eine Kampfansage an diejenigen, die aus der vermeintlichen Absolutheit des Faktischen Profit schlagen wollen. Sie ist Licht für die Bedrängten, für jene, die sich dem Diktat des Diesseitigen nicht unterordnen wollen. Sie ist Aufrichtung der Gebeugten. Anastasis, Befreiung der Gefesselten. Sie ist eine völlige Wende. Deshalb spendet sie gerade in der Nacht der Nächte die Sakramente des Lebens, um unsere Augen zu gewöhnen an das neue Licht. Im Epheserbrief finden wir ein Zitat aus einem Tauflied, das offensichtlich als bekannt vorausgesetzt wurde:
»Alles Erleuchtete aber ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein.« (Epheser 5,14) Zitat aus der Taufliturgie der Urkirche

Bitten wir Gott, daß wir uns heute nacht anstecken lassen - von diesem Übergang, dem Neuen Pascha. Daß wir unseren Glauben an Christus erneuern und neue Kraft schöpfen, um den Alltag unserer Vergänglichkeit mit einer großen Hoffnung zu bestehen. Amen.



Predigt am Karfreitag
02. April 2010, 15:00 Uhr

Harte Realität. Das Unsichtbare wird sichtbar - das Unhörbare ausgesprochen

Heute vormittag, liebe Brüder und Schwestern, sind wir - wie jedes Jahr - mit einem Kreuz durch die Stadt gegangen. - nach Plötzensee. Das fällt nicht leicht, diesen Weg zu gehen - hinter einem Kreuz her. Und doch gehen von Jahr zu Jahr mehr Menschen mit nach Plötzensee. Ob die Menschen, die diesen Zug gesehen haben, etwas gesehen haben vom Kreuz? Man kann tausendmal die Matthäuspassion hören - und es bleibt ein Konzert. Man kann tausendmal am Kreuz von Plötzensee vorbeifahren, es bleibt eine Art Mahnmal an der Straße. Es gibt nur wenige Momente, da wird das Kreuz sichtbar - mitten unter uns Menschen.
Es ist schwer, den Kreuzweg zu gehen. Das Kreuz kann nicht viel Verständnis erwarten. Das Kreuz als ein Zeichen äußerster Brutalität und höchst intelligenter Foltertechnik ist schwer zu verstehen. Als Zeichen des Trostes und als Triumphsymbol der Überwindung von Leid und Tod scheint es gänzlich unverständlich geworden. Gewöhnlich ist das Kreuz nicht nur unverständlich - sondern sogar unsichtbar. Es gibt die Geschichten, von Kindern aus dem Osten, die fragen „Wer hängt denn da?“ - Aber das sind Unterrichtssituationen, die Ausnahme. Wir haben uns an die Kreuze gewöhnt - die Kreuze, die wir sehen, die Kreuze, die in unseren Wohnungen hängen.
Wir haben uns vielleicht auch an die Kreuze unseres Lebens gewöhnt. Wir sprechen nicht darüber. Und wir gehen dem aus dem Weg.

Deswegen sind wir verwundert und verärgert, wenn es Urteile gibt, die auf eine wirkliche Unsichtbarmachung drängen. Hier soll ein Machtanspruch getilgt werden, der aus einem neutralen Raum durch das Aufhängen des Kreuzes einen christlichen Raum macht.
Wenn das so einfach wäre. Im Gerichtssaal relativiert das Kreuz den Machtanspruch des Rechtsprechenden. Es ist das letzte Fanal eines Unrechtsurteils. Und es zeugt für die Größe unserer Zivilisation, daß wir uns genau in dem Moment, wo wir gezwungen sind, Urteile zu fällen, über uns den Unschuldigen wissen.

Weil das Christentum darum weiß, daß man sich der harten Realität des Leidens in dieser Welt lieber entzieht, daß man ganz unwillkürlich wegsieht, zumal wenn man sich hilflos fühlt, deswegen werden die Kreuze in der Passionszeit verhüllt und am Karfreitag feierlich enthüllt.
In den vergangenen Wochen haben katholische Christen erlebt, wie das Kreuz von der unsichtbaren zur fühlbaren Realität geworden ist. Unrat wurde sichtbar, der Jahrzehnte verborgen blieb. Leiden wurden angesprochen, die zwar irgendwie bekannt waren, aber kein Gesicht hatten.
Wenn wir nun das Kreuz enthüllen und verehren - als Zeichen der Dankbarkeit für das Leben und das Sterben Jesu, werden im Antlitz Jesu auch viele Gesichter neu lebendig. Die Gesichter aller Leidenden, es sind auch viele Kindergesichter darunter, Gesichter von Menschen, die eine Hoffnung hatten und betrogen wurden um diese Hoffnung.
Vielleicht haben wir uns an das Elend dieser Welt gewöhnt, vielleicht haben wir nur keine Worte, um es zu benennen. Um es angemessen auszusprechen. Keinen Mut zur Anklage.
Der Karfreitag möchte diese stumme Klage in Worte fassen und er möchte sie vor Gott bringen, also die Klagen und die Bitten vermischen, ja die Klagen in Bitten verwandeln.
Wenn wir dann die Fürbitten sprechen - in diesem Jahr ist es eine Bitte mehr -  versuchen wir all die Menschen mit vor Gott zu bringen, die reden möchten, aber es nicht können.
Amen.


Predigt am Gründonnerstag
01. April 2010, 19:00 Uhr, St. Adalbert

Glaubwürdig
Als 1955 die Gottesdienstfeiern der Karwoche neugeordnet wurden, gab es von Anfang an die Möglichkeit den Ritus der Fußwaschung innerhalb der Abendmesse vorzunehmen. Die Fußwaschung gab es im Gottesdienst nicht. Sie war zwar nicht direkt ausgestorben, aber sie war ein Teil des gesellschaftlichen Lebens, der Kaiser in Wien wusch am Nachmittag des Gründonnerstags 12 alten Männern die Füße, die Kaiserin zwölf alten Frauen, denen dann jeweils ein Beutelchen mit Silbermünzen umgehängt wurde. Auch in Bayern gab es eine Hoffußwaschung für die zwölf ältesten Männer des Landes, die zwölf Mädchen bekamen zwar keine Füße gewaschen, dafür aber ein Geldgeschenk. Das einzige Land, in dem es noch heute eine weltliche Gründonnerstagszeremonie gibt, ist Großbritannien. Hier überreicht am heutigen Nachmittag die Königin ausgewählten Männern und Frauen sogenannte „Maundy coins“ - einen Beutel mit Silbermünzen - und zwar entsprechend der Anzahl ihrer Lebensjahre.
Die liturgische Fußwaschung ist in vielen Ländern nicht mehr praktiziert worden - in England hat sie erst Erzbischof Rowan Williams vor 7 Jahren wieder eingeführt - und auch der Patriarch von Moskau hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit dem Mittelalter wieder eine Fußwaschung nach dem Gottesdienst vorgenommen.
Nur in Rom hat sich die päpstliche Fußwaschung fortlaufend gehalten: durch die Jahrhunderte hindurch wusch auch der Papst in der Sixtinischen Kapelle 13 Kanonikern und dann noch am Abend 13 Bettlern die Füße. Diese lebendige Tradition - verbunden mit der klösterlichen Praxis der Fußwaschung, die nie abgebrochen ist - war wahrscheinlich der Anstoß, diesen Ritus wiederzubeleben.
Es gab damals viele kritische Stimmen: Es wäre besser, man beließe die Fußwaschung in den Klöstern als Teil des Agapemahls - da hat es seinen Platz.
In der Kirche - und dann noch vom Priester - wirkt das denn nicht wie Theater? Es gab einen akademischen Widerwillen gegen die Fußwaschung im Gottesdienst. Ist solch ein Ritus tatsächlich glaubwürdig?

Wir haben in den vergangenen Wochen sehr häufig den Vorwurf gehört, die katholische Kirche hätte ein Glaubwürdigkeitsproblem. Die moralische Integrität der Kleriker ist durch das Versagen einzelner aus ihren Reihen zutiefst erschüttert.
Im Johannesevangelium hat mich besonders dieser Widerwille gegen die Fußwaschung nachdenklich gemacht. Der Sklavendienst, den Christus an Petrus versieht, geht dem Apostel zu weit. Er möchte überhaupt nicht mit einem schwachen Messias, sondern mit einem strahlenden und erfolgreichen Messias gesehen werden. „Das möge Gott verhüten!“ sagt er im Markusevangelium, als Jesus andeutet, er werde wohl scheitern bei den Ältesten und den Hohenpriestern in Jerusalem.
Ein Glaubwürdigkeitsproblem zu haben ist für die Kirche nichts Neues. Auch Paulus und auch Jesus selbst hatten eines - immer wieder wurde ihm die Frage gestellt: „Welches Zeichen tust du, um zu beweisen, daß deine Rede wahr ist? Wer kann das bezeugen, was du sagst?“
Wie wird man glaubwürdig? Wenn das Reden und Handeln eines Menschen übereinstimmen oder wenn das, was er sagt, auch von anderen bestätigt wird, also sich später als wahr erweist.
Es hängt weniger davon ab, ob das was die Kirche sagt gesamtgesellschaftlicher Konsens ist. In der Frühzeit war das Christentum eine ziemlich spezielle Angelegenheit, doch die Nichtchristen empfanden die Kirche als glaubwürdig, weil sie zum einen für ihren Glauben bereit waren, Nachteile in kauf zu nehmen bis hin zu Gefängnis und Tod und zum anderen, weil sie einander halfen, ohne Ansehen der Person, die Entschiedenheit und die Nächstenliebe machten die Christen glaubwürdig. Was für die frühen Christen gilt, läßt sich mit Abstrichen auch auf die Kirche im Kommunismus übertragen. Auch die Parteisekretäre gaben hinter vorgehaltener Hand zu, daß es um den Sozialismus besser bestellt wäre, wenn die Sozialisten nur halb so tapfer für ihre Idee einstehen würden, wie so manche einfache Katholiken.
Wenn wir aus dem Geheimnis des Gründonnerstags leben, dürfen wir dann angesichts der Ungeheuerlichkeiten wütend und enttäuscht sein und uns beklagen? Wofür haben denn so viele Christen eingestanden? Wofür sind so viele Christen verspottet worden? Dafür daß einige ihr Amt und ihr Ansehen benutzen und sich an den Kleinen zu schaffen machen? - So zu fragen, das ist verständlich. Aber es ist nicht der Geist Christi, der so spricht.
Es scheint sehr viel verlangt, vielleicht ist das eine Überforderung, aber ich hoffe und bete, daß dieser Prozeß, den wir durchmachen für die Kirche gut sein kann.
Oder ist uns eine Kirche peinlich, die nicht strahlend und erfolgreich ist? Möchten wir nur and das glauben, an das alle glauben? Wie sähe die Kirche aus, wenn wir so leben würden, daß die Fußwaschung nicht ein einmaliges Ritual ist, das ein wenig merkwürdig und fremd scheint, sondern gleichsam erwartbar ist. Wenn wir nicht sagen würden: so müßte es sein. Sondern wenn wir sagen würden: Fußwaschung ist unser Prinzip.
Wir werden es vielleicht nicht schaffen, die Atmosphäre in unserer Gesellschaft schnell zu verändern, aber wir können uns ansprechen lassen von dieser einmaligen Fußwaschung am Gründonnerstag. Sie ist ein Zeichen der Demut und der Hingabe Jesu an seine Freunde, und durch sie an die ganze Menschheit. Sie steht an dem Moment, an dem Menschen, wenn sie wissen, daß sie sterben müssen, in einer Weise wahrhaftig sind, wie es nur angesichts des Todes möglich ist. Manchmal kann man in Testamenten Worte der Vergebung und der Liebe lesen: „Ich wollte euch vor allem eines sagen...“ heißt das dann - und jeder weiß, daß das nicht nur einfach so dahingesagt ist.
Den Jüngern hat sich dieser letzten Abend ins Gedächtnis eingebrannt - das, was er immer gesagt hat, hat er am Ende auch getan. Die Fußwaschung ist kein bloßes Ritual, sondern ein Lebenshaltung, eine Haltung, die uns immer und immer wieder überfordert, an der wir dennoch Maß nehmen müssen. Und deshalb wollen wir bevor wir das Osterfest miteinander feiern, einander von Herzen vergeben. Und deshalb wenigstens einmal im Jahr wollen wir diese Gebot des Herrn wörtlich nehmen: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr einander die Füße wascht.“ Amen.

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