September 2010

Predigt am 26. Sonntag im Jahreskreis
26. Sept. 2010
Lk 16, 19-31

Sind wir alle Lazarus?

Vor einigen Jahren gab es in der anspruchsvollen und wunderbar gemachten Zeitschrift „ferment“ die sich dem Themenschwerpunkt „Menschen am Rande“ widmete, einen Beitrag natürlich zum armen Lazarus und dem reichen Prasser (ferment 3/2000, W. Bruners) Dort hieß es: „Buchstabengetreu ausgelegt bietet uns das Gleichnis von dem reichen Prasser und dem armen Lazarus einen Mechanismus an, dem wir nichts abgewinnen können, weil er weder mit unserem Menschenbild noch mit unserem Gottesbild vereinbar ist.“

1. Strategie: Dialektische Spiritualisierung
Vorgeschlagen wird dann eine dialektische Interpretation des Ganzen - wo der Reiche innerlich arm ist und der Arme doch eigentlich der Reiche.
So klipp und klar würde das vielleicht nicht jeder sagen, aber es gibt doch ein Unbehagen bei dieser Schwarz-Weiß-Malerei, die uns hier im Lukasevangelium begegnet. Haben wir nicht alle schon vor Nietzsche kapituliert, der genau dieses Christentum des Lazarus-Gleichnisses als bloße Sklavenmoral der zu kurz gekommenen, als eine lächerliche Vertröstung auf das Jenseits angreift?
Sind wir im modernen Christentum nicht darüber hinaus? Gibt es nicht doch gewaltige Unterschiede zwischen einer Jenseitsvorstellung wie sie etwa von islamistischen Vereinen wie „Einladung zum Paradies“ formuliert wird und dem was wir Christen meinen? Ist es wirklich immer so klar, wer die Guten sind und wer die Bösen?

In paradisum – Lazarus wird unsichtbar
Ja, das Unbehagen an dieser Parabel ist tatsächlich so groß, daß wir über den Lazarus ganz schweigen – wir sind für Nietzsche unangreifbar. Einst war er ikonographisch sehr präsent - in vielen Freskenzyklen über die letzten Dinge ist er geradezu unverzichtbar. Keine mittelalterliche Kirche kommt ohne ihn aus. Das Wort „Lazarett“ erinnert an ihn und in der englischen Liedtradition gibt es „Dives and Lazarus“ als Volkslied, das jeder kennt.
In der abendländischen Musiktradition begegnet er uns sogar an sehr prominenter Stelle - er ist Teil des Hymnus „In paradisum“. Sicher kennen viele von ihnen die bekannte Vertonung von Fauré, wenn nicht vom Friedhof, doch dann sicher als Kinomusik oder als ätherische Untermalung effektvoller Fernsehwerbung.
Der Hymnus ist Teil der Exsequien und wird heutzutage immer an dem Augenblick gesungen, wenn die Kapellentüren sich öffnen und die Sargträger hereinkommen um den Sarg in Empfang zu nehmen. Normalerweise singt der Kantor oder der Priester die deutsche Version dieses Hymnus. Er klingt wie eine Paraphrase unseres Evangeliums:
Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem, die Chöre der Engel mögen die umfangen und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.
Wo ist denn hier der Lazarus? - Wie gesagt, es gibt offensichtlich ein Unbehagen an dieser armen Gestalt. Der stand in der letzten Zeile und ist bei der Übersetzung des Hymnus ins Deutsche abhanden gekommen. Der lateinische Text dieses schönen und tröstlichen Hymnus aus dem frühen Mittelalter lautet - et cum Lazaro, quondam paupere - und mit Lazarus, dem einst so armen, soll ewige Ruhe dich erfreuen.
Das Mittelalter war offensichtlich mutiger als wir heute: es weicht der Theodizeefrage nicht aus, sondern setzt an die entscheidende Stelle die Gestalt des Lazarus. Es ist klar, die wenigsten Menschen sind wie Lazarus. Aber mit ihm sollen sie getröstet und gerettet werden, weil sie an Christus geglaubt haben.

Lazarus? - das sind wir doch alle!
Das erscheint uns doch recht mythisch. Und weil wir heute die Dialektik der Dialektik schon durchschaut haben, und es mit dem totschweigen des Lazarus, zumindest wenn man darüber predigen soll, nicht ganz so einfach ist, greifen wir zu einem noch viel besseren Mittel, um unser Unbehagen an dieser Geschichte zu kurieren.

2. Strategie: Spirituelle Solidarisierung
Wir solidarisieren uns mit dem armen Lazarus in Betroffenheit. Heute sind wir alle irgendwie Lazarus. Gerade wenn es um die entscheidenden Dinge geht, werden wir fahrig und flüchten uns in ein Wunschdenken. Wir würden wir die Geschichte vom reichen Prasser heute so erzählen: Lazarus kommt in den Himmel und begegnet dem reichen Prasser - Ach, du auch hier? - Ja sagt der, ich bin hier, weil alles, was an mir überflüssig war, mein Purpurmantel und mein Bauch in einem einzigen Augenblick „weggeliebt“ worden ist. Und nun bin ich gereinigt und kann dir meinen Namen verraten, den der Evangelist den Menschen vorenthalten hat: auch ich heiße nämlich Lazarus - und ich kann dir sagen: „Du kannst nie tiefer fallen, als in Gottes Hand!“
Wir sind alle ein wenig „Lazarus“, so wie heute alle irgendwie „links“ sind. Die Reichen sind immer die anderen, die da oben, von denen man eine sogenannte „Reichensteuer“ eintreiben sollte. Das ist allerdings gegenüber den wirklich zu kurz gekommenen eine ziemlich perfide Strategie - sie nimmt dem Opfer, das einzige was er hat - die Aussicht auf eine höhere Gerechtigkeit. Irgendwann. Und sie spricht Gott die Parteilichkeit für die Armen ab.

Nicht wegschauen!
Wesentliche theologische Einsichten sind uns in den vergangenen Jahren abhanden gekommen und sie sind es wert, wiederentdeckt zu werden.
In dem Maße, in dem die kommutative Gerechtigkeit das Diesseits überstrahlt, indem Maße entwickelt die Transzendenz eine moralische Kraft für die Bewältigung des diesseitigen Lebens.
Wir haben die erschütternde Gestalt des Lazarus aus den Augen verloren! Damit haben wir uns der Möglichkeit beraubt, über unschuldiges Leid zu sprechen. Wir sind ohne Bild und ohne eine Sprache für die unschuldigen Opfer. Deutlich ist mir das geworden in den vergangenen Monaten der Missbrauchsdebatte. Es ist nicht leicht, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, zu sehr zerfließen die Grenzen, zu unscharf werden die Übergänge. Aber es muß doch zwischen der Therapie eines Opfers und der Therapie eines Täters einen Unterschied geben! Das Opfer ist immer gerechtfertigt - in Abrahams Schoß - der Täter jedoch muß erst heimfinden - das Heimfinden hat mit Buße zu tun.
Ich habe das dumme Gefühl, daß nicht nur die Entschädigungszahlen, die nun genannt werden vom Jesuitenorden, sondern vor allem die Art und Weise, wie sie publik gemacht worden sind, genau diesen Eindruck erwecken könnten, daß wir ja nun alle „Lazarus“ sind. Und das wäre furchtbar! Es wäre eine zweite Demütigung der Opfer!

Und deshalb hat die Geschichte aus Lukas 16 ihren wichtigen und aktuellen Wert! Die Täter von damals, die heute alte Männer sind, sollen nicht sagen können, ich bin doch nur ein Inkognito-Lazarus. Denn dann haben sie keine Möglichkeit mehr, umzukehren und heimzufinden.
Das ist der Grund, warum wir die Gleichnisgeschichte mit ihren starken Bildern für menschliches Leid nicht in die Mottenkiste verbannen sollten.
Jede der modernen Eschatologien, die auf das „zu spät“ verzichten, sind deshalb unvollständig.
Und ich werde, wenn ich mal wieder zu einer Beerdigung gerufen werde, wo niemand kommt, wo man ganz allein mit der Urne zu einer dieser Rasenflächen geht, die als Errungenschaften unserer heutigen Zeit gelten - mir die Freiheit nehmen und an Lazarus denken, und an unsere Armseligkeit. Wir sind ein reiches Land - und doch so arm. Amen.

Predigt am 25. Sonntag im Jahreskreis
19. September 2010, 12:00 Uhr
Lk 16,1-13

Umrubeln - totes Geld in lebendige Beziehungen

Heutzutage darf man über alles sprechen, ohne daß es irgendwie peinlich ist. Die Themen werden immer verrückter, mit denen die Medien Aufmerksamkeit erregen wollen. Nur über ein einziges Thema muß man nicht sprechen, das gehört zur Innenseite der Seele, zur absoluten Intimsphäre: wieviel Geld man so verdient, was man auf dem Konto hat. Das ist das letzte Tabu einer Gesellschaft, die sonst keine Grenzen kennt.

Der Evangelist Lukas, der hat diese Scheu nicht - er berichtet ganz ausführlich in der Apostelgeschichte, wieviel die Leute spenden, und im Zentrum seines Evangeliums stehen häufig Aussagen, Gleichnisse, Geschichten, die im hauswirtschaftlichen Umfeld angesiedelt sind.
Wir kennen diese lukanischen Texte alle: vor drei Wochen wurden wir im 14. Kapitel aufgefordert, wenn wir Jünger Jesu werden wollten, auf unseren gesamten Besitz zu verzichten, in der vergangenen Woche haben wir im 15. Kapitel eine Geschichte gehört von einem Sohn, der sein Erbvermögen verschleudert und heute hören wir im 16. Kapitel eine Gleichnisgeschichte, bei der nicht das eigene, sondern fremdes Geld verschleudert wird.
Das sind allesamt provokante Aussagen - wobei sich die Provokation in Grenzen hält, wenn man die Sachen in der Kirche hört, wo alles abgefedert und abgemildert ist.

Eine Skandalgeschichte
Heute dürften aber doch Fragen auftauchen: es handelt sich bei dem Gleichnis um eine Skandalgeschichte, einen Krimi, der nicht moralisch verurteilt und abgelehnt wird, sondern auch noch wegen seines tollen Plots gelobt wird?
Was ist bloß mit Jesus los? Kann man so etwas ernstnehmen?
Ich glaube, man sollte dieses Evangelium tatsächlich sehr ernstnehmen. Es entspricht ganz dem Duktus der lukanischen Theologie von der Freiheit des Geistes des Evangeliums.
Denn es enthält einige theologische Gedanken, die uns in einer von hauptsächlich materiellen Werten faszinierten Umwelt leicht verloren gehen können. Das Geistige ist ja eine ziemlich komplizierte Sache - denn materielle und ideele Welt lassen sich nicht einfach von einander trennen, wie Eiweiß und Eigelb. Sie sind für einander durchlässig.

Zum Skandal: Jesus sympathisiert hier nicht mit Urkundenfälschung und Untreue-Straftaten - nicht der untreue Verwalter wird gelobt, sondern die Klugheit des Verwalters. Was ist denn so klug? Daß er, wo er schon offensichtlich gewaltige Summen veruntreut hat, nun das Maß vollmacht? Aber ich benötige eine Versicherung für später, daß er die Möglichkeiten, die er hat ausnutzt.
Darauf ist auch die Deutung gerichtet, die aus der Gleichniserzählung gewonnen wird: nein, ihr - als Kinder des Lichts - sollt mit den zeitlichen Dingen so umgehen, daß ihr einen überzeitlichen Gewinn daraus erzielt.
Besitz hat seinen eigenen Reiz, Geld hat seine eigene Logik. Es geht eben nicht darum, wie wir es vielleicht häufig gehört haben, daß wir uns innerlich frei machen von einer Abhängigkeit vom Habenwollen. Was sollen Sätze heißen wie: „Ich habe viel, aber es engt mich nicht ein. Ich bin nicht abhängig davon!“ ? Es geht nicht um die Psychologisierung von einer materiellen Realität. Das ist genauso in die Tasche gelogen, wie zu sagen: „Ich faste symbolisch.“
Es geht um eine tatsächliche Freiheit vom Haben müssen, die nur durch Umwandlung der toten Reserven in wirkliche Beziehungen gelingen kann. Wir müssen uns das, was uns wichtig ist, auch etwas kosten lassen.

Wovon - wofür leben wir?
Wovon leben wir? Ist es die Sicherheit, die ein guter Job, ein geregeltes Einkommen, eine gute Rente mit sich bringt? Ist es die Hoffnung, die Liebe die wir empfangen, die Zuversicht und das gute Gefühl, gebraucht zu sein? Der Mensch lebt von beiden Welten - er kann ohne sie nicht sein. Und doch kippt das Gleichgewicht leicht, wenn wir meinen, geistige Dinge seien Luxusgüter. Der lukanische Kontext, der in materieller Hinsicht eine Lebensart „von der Hand in den Mund“ für die Jünger Jesu favorisiert, ist schwer annehmbar. gleichwohl eine Zumutung.
Wenn wir die Frage jedoch umstellen und fragen: Wofür leben wir? Dann wird die Antwort viel leichter: Wir leben nicht, um zu essen und zu trinken. Sondern es  sind die personalen Beziehungen, unsere Kinder, die Liebe, unsere Freunde etc. ohne die wir uns ein Leben nicht vorstellen könnten. Beides richtig aufeinander zu beziehen, ist die Kunst, um die es in unserem Evangelium geht.
Ich habe nämlich manchmal den Eindruck, daß wir es genau umgekehrt machen. Wir zehren von dem Kostbarsten, was wir haben -unseren personalen Reserven, unseren Beziehungen, um diese in materielle Sicherheit umzumünzen. Genau das ist von Grund auf verkehrt. Wir tun es, obwohl wir es eigentlich besser wissen müßten.  Arbeiten wir der Geistfeindschaft, die in uns wohnt entgegen, versuchen wir immer wieder die Notwendigkeiten umzurubeln in Unvergängliches.


Predigt am 24. Sonntag im Jahreskreis
12. September 2010, 12:00 Uhr
Lk 15,1-32

Was sich „lohnt“ - Gott ist nicht zu verstehen

Die drei Geschichten von den verlorenen Dingen, dem Schaf, der Drachme, dem Sohn, sind so bekannt, daß sie zu einem Markenzeichen des Christentums geworden sind. In jedem konfessionellen Kindergarten gibt es (hoffentlich?) Comics mit verlorenen Schafen, die auf den Schultern nach Hause getragen werden.
Das Ziel, das die Erzählung dieser Gleichnisse verfolgt, ist Verständnis zu erwecken. Jesus möchte den Pharisäern und Schriftgelehrten zu Herzen reden: Und dabei geht er rhetorisch eindrucksvoll vor - allein, logisch ist das, was er hier erzählt, überhaupt nicht, sondern es ist eigentlich völlig absurd.

Die beiden ersten Gleichnisse machen das ganz gut deutlich. Es handelt sich im Grunde beide Male um eine Suggestivfrage, auf die man nur mit Ja antworten kann. Aber wer verantwortungsvoll mit seinem Besitz umgeht, wenn er 100 Schafe hätte oder 10 Drachmen, der wird niemals und unter keinen Umständen 99 Schafe in der Wüste lassen oder sich wegen eines verlorenen Tageslohnes eben soviel Mühe machen, daß der Tageslohn dabei investiert wird oder sogar die Suche noch teurer wird als die Drachme, nämlich weil nach dem Fund ja noch ein Freudenfestchen mit Nachbarinnen und Freundinnen gefeiert werden soll.
Nein, die richtige Antwort müßte lauten: Nein! Das ist unlogisch, so zu handeln - bei aller Liebe, aber das kann ich mir nicht leisten. Rein rechnerisch lohnt sich die Suche nicht. Ich muß das nächste Mal besser aufpassen, aber weg ist weg.
Jesus vertritt einen Gott, der unlogisch ist, einen Gott, der seinen Verstand verloren hat.

Ausverkauf der 99 Gerechten
Ist das nun ein willkürlicher Gott, der die Macht hat zu tun und zu lassen, was ihm gefällt? Ein Gott der absoluten Allmacht?
Wie kann man das zusammenbringen, den Gott der Liebe und den Gott der Gerechtigkeit? Ist das nicht entmutigend für die Schriftgelehrten und die Pharisäer, die sich um ein rechtschaffenes Leben mühen? Ist dieses Gottesbild nicht der Ausverkauf der 99 Gerechten, der tapferen Gemeinden, die sich Sonntag für Sonntag versammeln?
Diese drei Gleichnisse offenbaren Gott, wie ihn Jesus erfahren hat und uns mitteilen möchte. Und zugleich beschreiben sie, wie Kirche ist, bzw. wie sie sein soll. Sie haben eine Doppelgestalt, die auf eine genaue und geradezu meisterhafte Komposition des Evangelisten hinweisen.

Invidia fraternae gratiae
Es gibt in der katholischen Tradition die Lehre von der Sünde wider den Heiligen Geist, die sich im Neid auf die Gnadengabe eines anderen, in der invidia fraternae gratiae, ausdrückt. Lukas, als „Evangelist des Geistes“, thematisiert in kunstvoller Weise die Schwierigkeit der Gerechten, sich an der Umkehr der Verlorenen freuen zu können.
Wir kennen diese Kälte sicher auch bei uns. Es ist die Unfähigkeit, sich an der Freude eines anderen mitfreuen zu können. Es ist nicht nur die typisch katholische Neigung, sich über Konvertiten lustig zu machen, vielmehr: eine mangelnde Großzügigkeit, die doch hierzulande recht verbreitet zu sein scheint.

Alle Wege sind gleich? Relativismus der Freudlosigkeit
Dreimal erscheint die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen. Wer die Kategorie des Verlorengehens jedoch aus seinem Vokabular gestrichen hat, der wird sich über ein Wiederfinden nicht freuen können. Wenn alle Irrwege dieser Welt als „Vielfalt“ gefeiert werden, gibt es kein „Zurück“. Die Eigenwege des Schafes respektieren, das spezifische biographische Profil des verlorenen Sohnes als „Mehrwert“ verstehen, erschwert die Freude ungemein.

Die verkehrte Welt
Gott hat ein Recht, so zu handeln - das scheinbar Wertlose wir von ihm aufgewertet - er hängt an dem einen Schaf, er ärgert sich über die eine verlorene Drachme, er wartet auf den verlorenen Sohn.
Was wirklich wie eine Kleinigkeit wirkt, hat für Gott einen erheblichen Wert. Er ist nicht ein unpersönlicher Weltgeist, ein Atman, sondern er hat personale Züge, ist etwas, das sich freuen und lieben kann.
Wenn wir die merkwürdige Dimension der Liebe mit hineinnehmen in die Gleichnisse, dann können wir die Suggestivfrage auch mit Ja beantworten. Dann ist es völlig logisch, 99 Schafe zurückzulassen, endlos nach der Drachme zu suchen, Tag für Tag Ausschau zu halten nach einem Sohn, der vielleicht kommt, vielleicht auch nicht.
Bevor wir uns vom Christentum mit seinem merkwürdigen Gott abwenden, bedenken wir doch, daß auch wir Menschen eine große Menge völlig absurder Dinge tun, wir machen Lichterketten für Bahnhöfe, stellen ohne ersichtlichen Nutzen unsere Uhren vor und zurück, von den befremdlichen Aufregungen der letzten Woche ganz zu schweigen. Auch wir Menschen sind sehr viel weniger logisch kohärent, als uns das lieb ist.
Auch die Gerechten, auch die Pharisäer, haben allen Grund dankbar zu sein - eine scharfe Grenze zwischen Sündern und Frommen zu ziehen, das ist ein Kunststück, was nur sehr Selbstgerechte beherrschen.
Wir alle bedürfen der Erfahrung, von Gott gesucht zu werden -  es gibt offensichtlich Leute, die sich leichter von ihm finden lassen und welche, die mehr Aufwand erfordern. Es spricht nichts dagegen, dass die früher und die später Gefundenen gemeinsam feiern.


Predigt am 23. Sonntag im Jahreskreis
05. September 2010
18:00 Uhr St. Ansgar, 9:00 Uhr, 12:00 Uhr Akademiekirche

Lk 14,25-33

Jesuanisches Bildungskonzept: Invest-Ruinen verhindern!

Es gibt harte Worte in der Schrift und meist treffen sie die anderen: die Pharisäer, die Schriftgelehrten, die Priesterkaste in Jerusalem, die „Selbstgerechten“.
Heute ist es umgekehrt: heute treffen die harten Forderungen uns, die wir der Meinung sind, Christus nachzufolgen.
Wir können natürlich über das anstößige Wort „μισεω = hassen, gering achten“ nachdenken, wir können es versuchen besser zu verstehen, aber sehr weit werden wir damit nicht kommen. Selbst wenn wir die Sache als „sich frei machen von Bindungen“ sinngemäß übertragen, bleibt noch der Verzicht auf den gesamten Besitz, der als Bedingung der Nachfolge unser Evangelium abschließt, der Eindruck einer manifesten Überforderung bleibt bestehen.

Was heißt das eigentlich - Jünger sein?
Die beiden Beispiele vom Turmbau und vom Kriegsherrn, die Lukas in die Nachfolge-Logien mit einbaut, scheinen dagegen einfach und klar zu sein - aber wie passen sie in den Zusammenhang? Sie sprechen von taktischer Klugheit oder praktischem Urteilsvermögen und machen ein komplexes Bildungskonzept anschaulich, das zwar in eine vergangene Welt gehört, uns aber auch heute etwas zu sagen hat. Der Augenmerk richtet sich hier also eher auf die Frage, was eigentlich ein „μαθητης“ ist, das Wort, das in der Schrift immer mit einem deutschen Spezialbegriff - nämlich „Jünger“ übersetzt wird. In den meisten anderen europäischen Sprachen gibt es dafür aber keinen Spezialbegriff - die übersetzen schlicht aus dem Lateinischen in „disciple (eng/franz.), discepolo (it.), discípulo (span.) - Lehrling, Schüler. Der Wanderlehrer ist Christus - die Menschen sind seine Schüler. Ich meine, es handelt sich bei unserem Evangelium im Kern um die Kennzeichnung eines ganz eigenen Lehrer-Schüler-Verhältnisses, um den Versuch der Stärkung des Schülers - nicht um bloße Kompetenzweitergabe, Wissensvermittlung.

Der Mensch als Invest-Ruine?
Wenden wir uns nun den beiden Gleichnissen zu.
Ich habe mich immer gewundert, wie langwierig der Neubau des Flughafens in Schönefeld oder andere Großprojekte sind: Nicht nur, die Planungen dauern ewig, sondern auch die Baudurchführung. Wenn man durch Italien fährt, vor allem durch Süditalien, sieht man mit ziemlicher Häufigkeit Betonskelette, die ein abgebrochenes Bauvorhaben kennzeichnen.
Die Gründe mögen vielfältig sein, doch ohne soliden Finanzierungsplan wird kaum jemand angefangen haben - und doch kam etwas dazwischen und der Ivestitionswille erlahmte. So ähnlich ist es auch beim Berliner Stadtschloß - die Sache wird öfters beschlossen und abgesegnet, aber es gibt keinen richtigen belastbaren Konsens, keine echte Sicherheit, keine tiefe Überzeugung von der Richtigkeit des Vorhabens. Und so ähnlich scheint es auch bei vielen Kriegshandlungen zu sein, die wir kennen - im Irak, in Afghanistan, auf dem Balkan. Der Grund des Eingreifens ist immer eine Art Befreiungsmotiv - es soll jedenfalls gar nichts erobert werden, sondern es geht um die Garantierung der Freiheit der Bevölkerung. Aber der politische Wille erlahmt hier sehr rasch, es gibt Bedenken - am Ende weiß niemand, ob die Gründe für eine militärische Präsenz dort überhaupt ausreichen. Letztlich eine Frage der Willensschwäche.

Und genau darum geht es in unserem heutigen Evangelium - ein vertrauter Schüler Jesu zu werden, ist solange attraktiv, solange Jesus berühmt und erfolgreich ist. Aber darum geht es nicht, sondern das Lehrer-Schüler-Verhältnis des rabbinischen Wanderlehrers bedeutet eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft. Die ist für viele möglich, aber nicht für alle ratsam.
Es ist ein Zeichen der Sorgfalt Jesu, hier schon frühzeitig alle Illusionen zu zerstreuen: mein Projekt ist „nicht von dieser Welt“. Er wirbt nicht für seinen Jüngerkreis, sondern beruft, wen er für geeignet hält.

Dieses Evangelium ist eine Art Entscheidungstraining - die Qualitäten des Lehrers sind kein reproduzierbares Wissen, sondern ist eine Art zu lieben, die Welt anzuschauen, die letztlich tödlich ist. Diese Ernsthaftigkeit erscheint mir verantwortungsvoller als alle möglichen Versprechungen. Denn nur wenn Du das wirklich willst, dann komm und folge mir nach.
Brauchen wir solche Unterscheidungs- oder Entscheidungshilfen heute, wo wir doch in der Lage sind, die Konsequenzen unserer Unternehmungen rechnerisch zu prognostizieren?
Wir brauchen dieses Entscheidungstraining heute genau so wie damals.

Bildung ist ein zuweilen schmerzhafter Entwicklungsprozeß
Heute nennt man das vielleicht einen Prozeß der Stärkung des eigenen Selbst, entwicklungspädagogisch „Abnabelung“ vom Elternhaus.
Die Bindungen an die Familie sind nicht mehr rein patriarchalischer Natur, solche Großfamilien gibt es in Berlin wohl nur noch vereinzelt unter Zuwanderern - die Familienbande sind heute sehr viel stärker stark emotional besetzt: die Trennung von der Mutter wird manchmal zu einer Katastrophe für beide Seiten, mit vielen Tränen. Und doch ist sie notwendig, wenn die Tochter oder der Sohn auf eigenen Beinen durchs Leben gehen muß.
Diese Freiheit zu erreichen, sich nicht durch eigene Lebensentwürfe oder die anderer lähmen zu lassen, ist eine unangenehme Sache und wird leicht vor sich her geschoben. Sehr oft habe ich diese Unentschiedenheit von Jugendlichen, die nicht angenehm ist, erleben müssen. Die Qual der Wahl ist eine echte Strapaze. Hier ist es notwendig, sich nicht noch durch Bindungen zu verzetteln, sonst erlahmt der Investitionswille und man steht vor einem Scherbenhaufen.
Wir wollen für die jungen Menschen beten, die das Leben noch vor sich haben, aber nicht wissen, was sie vorhaben. Und wir wollen für die Lehrer beten, die wissen, daß sie etwas zu geben haben, das mehr ist, als nur gemeinsame Fragen, daß sie den Mut aufbringen, die Antworten, von denen sie selbst überzeugt sind, an ihre Schüler weitergeben. Amen.

Referenten

Christoph Jan Karlson

Geistlicher Rektor 2007-2011

Veranstaltungskontakt

Katholische Akademie in Berlin e.V.
Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin

Tel. (030) 28 30 95-0
Fax (030) 28 30 95-147

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