Predigten Oktober 2010

Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis
31. Oktober 2010
Lk 19,1-10

Der Suchende wird gefunden - auf einem Ficus sycomorus, einem »törichten Feigenbaum«

Das Evangelium des vergangenen Sonntags hat uns gut vorbereitet, eines der zentralen Texte des Lukasevangeliums zu hören.
Auch hier haben wir es mit einem Zöllner zu tun, sogar mit einem Oberzöllner.
Wir hören in einer knappen Skizze, den Namen Zachäus, die Umstände und den Einfall, auf einen Baum zu klettern. Und weil die Schilderung so knapp ist, liegt es sehr nahe, sich psychologisierend zu betätigen. Meist haben wir dabei allerdings katechetische Lieder im Ohr, die das leicht Schräge dieser lukanischen Meistererzählung einebnen. Ich meine, diese Erzählung handelt von der Bekehrung im Spannungsfeld zwischen Konvention und Spontaneität und als solche bietet sie sehr viel für uns und unser Christenleben.

Hinauf auf den Baum!
Versuchen wir also zwischen den Zeilen zu lesen. Wir fragen uns, warum Zachäus nicht die naheliegende Variante ausprobiert, die in einem zivilisierten Land mit etwas Mühe vielleicht, aber doch mit einigem Durchsetzungsvermögen, das der Oberzöllner sicherlich Erfolg gehabt haben dürfte, nämlich: die einfache nachdrücklich vorgetragene Bitte: »Könnte Sie mich bitte einmal hier durchlassen? Sie sehen doch, daß ich so klein bin - wenn ich in der ersten Reihe stehe, können Sie alle gut über meinen Kopf hinweg die Szene beobachten.«
Das wäre das Normale, das Konventionelle - aber soziale Kontakte hat ein Oberzöllner nicht nötig und will sie auch gar nicht. Er findet immer eine Lösung und zwar an den Menschen vorbei.
Ich bin weit davon entfernt, den Zöllner, nur weil er Jesus sehen will, gleich seligzusprechen. Über die Motive wird ja nichts gesagt. Es könnte doch auch reine Sensationslust sein - so wie das immer ist, wenn ein Menschenauflauf entsteht. Mit Sicherheit werden auch noch andere neben Zachäus in den Bäumen gesessen haben und auf den Dächern der Häuser.
Der interessante und aufwühlende Aspekt dieses Evangeliums bleibt uns aber dann verborgen, ich meine den fast metaphysischen Moment, an dem sich die Blicke kreuzen. Zachäus schaut vom Baum herunter und der Herr schaut hinauf - das ist alles. Meisterhaft hat Caravaggio diesen Moment bei einem anderen Zöllner, nämlich bei der Berufung des Matthäus, dargestellt.
Jesus kommt also an der Stelle vorbei und erwartbar wäre die Reaktion z. B. eines seiner Jünger: „Da sitzt ja das Ekel im Baum. Der findet immer eine Lösung! Wenn er sich wirklich für die Botschaft Jesu interessiert, dann soll er doch wenigstens ein Zeichen setzen und wie der Täufer es gesagt hat, nicht mehr verlangen, als wirklich festgesetzt ist (Lk 3,13).“
Wir meinen, wenn jemand wirklich der Wahrheit begegnen will, wissen will, wer Er ist, dieser Jesus, wenn jemand also eine Sehnsucht in seinem Herzen trägt, dann müsste man das doch sehen. Dann müsste derjenige doch wenigstens zeichenhaft andeuten, daß er mehr will, Größeres will, daß er sich dem Absoluten stellen will. Er soll beweisen, daß er nicht nur neugierig ist, sondern ehrlich Christus begegnen will.
Aber können wir so einfach ausbrechen aus unserem Leben? Können wir wirklich überhaupt dazu kommen, daß wir unser Leben halbwegs objektiv - mit den Augen der anderen - anschauen können? Wir tun so, als könnten wir es jederzeit, uns fehlt nur der passende Augenblick, die passende Gelegenheit. Auch bei Zachäus könnte es so sein, auch er möchte nicht nur für sein Geld geliebt werden, sondern so wie er ist. Die Momente, in denen wir uns im Spiegel betrachten, sind manchmal Momente der Verlorenheit. Auf genau diese Momente aber kommt es an.

Wie es ist, vom Blitz getroffen zu werden
Auch hier im Evangelium (die Zeichen der Bekehrung sind zweitrangig) hier verfällt Zachäus wieder in seine großtuerische Art. Aber - und darauf kommt es an - er hat die Seiten gewechselt.
Das ist das Interessante. In einem einzigen Augenblick verwandelt sich die ganze Welt. Das ist dem Evangelisten Lukas ausgesprochen wichtig, zu beschreiben, wie es ist, vom Blitz getroffen zu werden. Es gibt da bei Zachäus sicher Neugierde, es gibt da sicher auch ein Unbehagen, eine Unzufriedenheit mit der Lebenssituation - aber Zachäus hat nicht einfach nur eine midlife-crisis. Er kommt alleine gut zurecht, viel Feind - viel Ehr, aber irgendwann sind die Reserven aufgebraucht, wohl dem, der das noch mitbekommt. Diese Vielschichtigkeit in der Motivation, Jesus sehen zu wollen, lässt der Evangelist völlig offen. Sie sind nicht einfach zu klären. Und sie sind auch nicht einfach bei uns. Warum bete ich? Warum gehe ich sonntags in den Gottesdienst?  Und lassen wir uns dann auch anschauen, ansprechen? Wie reagieren wir, wenn sich Jesus bei uns einlädt?

Der »törichte Feigenbaum«
Zachäus ist in der Alten Kirche der Prototyp des Bekehrten, der Konvertit schlechthin. Er ist das Symbol der radikalen Lebenswende, die durch die Gnade bewirkt wird. Die Vielschichtigkeit seiner Biographie wird nicht geklärt, nicht therapiert - und auch die weitere Entwicklung ist nicht klar. Wir wissen nicht, was aus Zachäus geworden ist. Aber das ist auch nicht der Kern und die Botschaft des Evangeliums.
Hier geht es um den Moment, an dem sich die Blicke der beiden kreuzen. Und die merkwürdige Art, wie der eine den Blick des anderen erobert hat.
Der große »Fehler«, den Zachäus begangen hat, ist einfach der, daß er sich dieser Sehnsucht, Jesus zu sehen, überhaupt hingegeben hat. Er hat sich hinreißen lassen, auf den Baum zu krabbeln, gleichsam einen Offenbarungseid zu leisten. Gregor der Große sieht im Maulbeerfeigenbaum ein Symbol evangelischer Torheit: weil Sykomorus »törichter Feigenbaum« heißt, ist der kleine Zachäus auf ihn gestiegen und hat den Herrn gesehen; denn die, die die Torheit der Welt demütig erwählen, schauen selbst die Weisheit Gottes in feiner Weise.
Adolf Deißmann, der berühmte liberale Theologe und Septuaginta-Forscher im Berlin der 30er Jahre, berichtet von einem palästinensischen Sprichwort, das ihm auf seinen archäologischen Expeditionen im Hl. Land begegnet ist und sich aus alter Zeit noch bis um die vorletzte Jahrhundertwende gehalten hat: »Wer unter einem Maulbeerfeigenbaum schläft, wird sinnesverwirrt.«
Zachäus auf dem Maulbeerfeigenbaum steht für die exzentrische Dimension der Glaubenssehnsucht. Der Maulbeerfeigenbaum ist ein Baum der Verwirrung, einer der die Wohlanständigkeit kurzzeitig aushebelt. Und hier im Evangelium zu einer echten Umkehr des Herzens führt.

Spontaneität und Konvention
Das könnte vielleicht auch die deutsche Kirche, die wie Zachäus sehr reich ist und die das gleiche Gefühl hat, daß nämlich die Sicht auf Jesus einfach von den anderen versperrt wird, von Zachäus lernen, und ich denke, sie sollte es auch, wenn die Gespräche zwischen den Bischöfen und den ZdK-Vertretern, die für die nächste Woche in Bonn anberaumt sind, erfolgreich werden sollten. Manchmal muß man eben unkonventionelle Wege beschreiten - und sei es, auf einen Baum zu steigen.
Es hängt nicht nur von uns ab, ob wir Lösungen für unsere Probleme finden. Zachäus ist ein Symbol dafür, daß es schon viel ist, zu seinen Sehnsüchten zu stehen.
Wenn wir uns in allem nur nach den sozialen Konventionen richten, empfinden wir das Zusammenleben bald als ein unerträgliches Korsett - wenn wir ausschließlich unseren inneren Sehnsüchten folgen würden, wäre ein Zusammenleben kaum möglich. Konvention steht gegen Spontaneität, und doch ergänzen sich beide auf einzigartige Weise. Ich denke, für uns in Deutschland ist wäre wichtig, das spontane, exzentrische Moment des christlichen Glaubens wieder neu zu entdecken, das man vielleicht auch das charismatische Element nennen kann, gerade in Zeiten der Ermüdung und der Ratlosigkeit.
Zachäus ist mehr als eine alte Leier, er ist eine Verheißung für heute: Jeder, der Jesus wirklich sehen will, wird wirklich von ihm gefunden. Und dann kommt es darauf an, seinem Blick standhalten zu können. Amen.

Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis
24. Oktober 2010, 12.00
Lk 18,9-14

Das Gebet des Zöllners

Jahr für Jahr lernen wir erneut, wie furchtbar es ist, ein Pharisäer zu sein. Jemand, der sich zu viel vornimmt, mehr als die anderen und dann daran scheitert, weil er seine moralischen Höchstleistungen auch noch genießt. Weil er mit ihnen vor Gott angibt und damit sich selbst desavouiert.

Und immer wieder ziehen wir die logische Konsequenz, daß wir alle Zöllner werden müßten - weil es in der Bibel angeraten wird. Wir schütten das Kind mit dem Bade aus. Es gibt eine unheilvolle Dialektik in der Gegenüberstellung dieser beiden Extreme.
Wir lesen die Beispielgeschichte nicht als Rat an den Pharisäer zur Vorsicht vor der Selbstgerechtigkeit, sondern als Entspannungsübung für einen überspannten Gesetzestreuen.
So entstand das typische Katholiken-Vorurteil der Falschheit. Ein jeder haut den anderen übers Ohr und geht dann in die Kirche, weint ein wenig in der letzten Reihe und macht weiter wie bisher.
Und das soll man auch noch predigen?
In Wahrheit ist es doch oft so, daß wir nichts anderes sind, als besonders schlaue Pharisäer, die als Zöllner getarnt sind, alles kleine Sünderlein, natürlich im Rahmen, - aber auf die eigenen Schwächen darf niemand zeigen.
Aber geht das überhaupt? Kann man sich als Zöllner tarnen? Wir sind meilenweit entfernt von dem, was der Herr über den Zöllner sagt.

Wir haben in diesem Jahr an der Gestalt des Rektors des Canisius-Kollegs gesehen, was tatsächlich geschieht, wenn man zugibt, es gibt Zöllner unter uns. Unter uns sind Menschen, die Furchtbares angerichtet haben. Da ist man sehr schnell ganz alleine.
Gerade die Intellektuellen unter den Ordensleuten - gerade die Jesuiten, die früher immer die schärfsten Kasuisten waren, dann immer die größten Sozialreformer der 70er Jahre - gerade sie waren also tatsächlich als Zöllner in der Situation, sich an die Brust schlagen zu müssen. Und wir anderen standen dabei und dachten: Gott ich danke dir, daß ich kein Jesuit bin.

Tatsächlich ist das Leben des Zöllners kein Leben, sondern eigentlich ein Tod auf Raten.
Die Haltung des Zöllners einzunehmen ist nicht leicht.
Der Evangelist Lukas fügt diese Geschichte nahtlos an das Evangelium vom letzten Sonntag an: Auch hier geht es nämlich um das Gebet. Im Gleichnis von der lästigen Witwe um die Hartnäckigkeit - hier um die Aufrichtigkeit des Gebets.
Der vor vier Jahren gelaufene Film „Ostrov - die Insel“ des russischen Regisseurs Pavel Lungin macht das auf eindrucksvolle Weise deutlich. Er beginnt mit dem Gebet des Zöllners - das zum immerwährenden Jesusgebet der russischen Mönche geworden ist.
Die Eingangssequenz beginnt mit einem langsamen Schwenk über die Weite der russischen Tundra - man sieht nur ein paar Moose und Gräser und tiefhängende Wolken und hört die Worte: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner, eines Sünders. Nach endlos erscheinenden Sekunden sieht man einen Mönch im Gras liegen. Es ist der kauzige etwas skurrile Wunderheiler Anatolij, der über die eigene Vergangenheit nicht hinwegkommt und der ein Leben der Buße führt.
Der Film ist in Rußland relativ bekannt geworden, nicht nur weil Pavel Lungin ein Starregisseur ist, sondern auch weil der Hauptdarsteller in der Rolle des Vater Anatolij, Pjotr Mamonov, ein berühmter Moskauer Rockmusiker war, der aber später Einsiedler wurde. Später hieß es dann, Mamonov hat sich einfach selbst gespielt.
Die Härte der Selbstanklage schreckt uns ab - und doch ist das genau das Thema des Films und auch das Thema unseres Evangeliums. Die russische Mystik hat die Gebetslehre des Lukas aufgenommen und aus ihr das Immerwährende Gebet gemacht. Hier ist die Dialektik von Zöllner und Pharisäer positiv aufgelöst.
Es geht nicht darum, wie ich am besten durchkomme, sondern wie man mit der Erkenntnis der eigenen Schwäche, der eigenen Bosheit, des eigenen Versagens leben kann.

Wir lernen heute weder ein authentischer Zöllner zu sein - sich an die Brust zu schlagen, noch lernen wir ein guter Pharisäer zu sein.
wir kommen mit unseren Unzulänglichkeiten nicht klar, aber wir sind auch nicht in der Lage unsere Stärken neidlos anzuerkennen.
Wir als Zöllner verkleideten Pharisäer neiden den echten Zöllnern sogar noch ihre Tränen. Doch tauschen können und wollen wir nicht mit ihnen.
Der Weg zum Heil führt über die Selbsterkenntnis, seine Schwächen schonungslos einzugestehen ist der Anfang, um seine Stärken ohne Überheblichkeit als Geschenk annehmen zu können.
Wir sollten uns über den Pharisäer im Evangelium nicht zu schnell lustig machen, sondern klein anfangen. Benedikt schätzt das Gebet des Zöllners als die höchste Stufe, die Zwölfte Stufe der Demut ein. Es liegt nicht am Beginn, sondern am Ende eines geistlichen Lebens. Und doch lohnt es sich, diesen Weg zu gehen. Denn es geht um angewandte Befreiungstheologie - vor Gott hat es Sinn, ehrlich zu sein. Die Umkehr des Herzens, eine aufrichtige Beichte ist der Schlüssel zum Leben, zu einem Leben in Fülle. Amen.


Predigt beim Dankgottesdienst 20 Jahre Gründung der Katholischen Akademie
Sonnabend, 23. Oktober 2010, 10:00 Uhr

Eph 4,7-16; Lk 13,1-9

Die Wurzeln einer Akademie

Die Texte, die an diesem Dankgottesdienst vorgetragen wurden, sind nicht extra ausgewählt, aber doch durchaus passend für ein Akademie-Jubiläum - der Epheserbrief, der die Mündigkeit der einzelnen Glieder am Leib Christi und die verschiedenen Dienste erwähnt, ist einschlägig dazu.
Vielleicht ist es aber auch interessant, einmal auf das merkwürdige und erschreckende Evangelium vom unfruchtbaren Feigenbaum zu schauen.
Im Besitzer des Weinbergs begegnen wir einem Effizienzdenken, das uns sehr vertraut ist. Er ist unzufrieden, weil er keine Früchte ernten kann. So etwas kann passieren. Immer nur Blätter, keine süßen Feigen! Das hängt davon ab, was man für Erwartungen hat. Sind fast eine viertel Million Besucher in den vergangenen Jahren vorzeigbare Früchte?
Über die Früchte wird vielleicht der Direktor etwas mehr sagen können, ich möchte mich in der Rolle des Gärtners versuchen. Er bittet um Geduld und verweist auf das Erdreich und kümmert sich um die Wurzeln, um den Anfang des Baumes. Ein Jubiläumstag ist sicher ein geeigneter Zeitpunkt, um die Ursprünge dieser Akademie zu thematisieren.

Wurzeln
Die Wurzeln unserer Akademie sind wie die anderer Katholischer Akademien auch Laieninitiativen. Es waren Akademikerverbände, die die ersten katholischen Akademien nach dem II. Weltkrieg ins Leben gerufen haben. Sie wollten die katholische Weltanschauung anschlußfähig machen und öffnen - dienstbar machen für einen geistigen Neuanfang nach dem Krieg. Die Akademien, die im Zuge des II Vatikanums gegründet wurden, stammen aus der Idee einer Verschränkung der gesellschaftlichen Diskurse mit dem Ringen um Kirchesein in der modernen Welt. Immer waren es Christen, die um die Gestalt ihres Glaubens in dieser Gesellschaft gerungen haben. Die kirchliche Bildungsarbeit hatte als ihre direkte Stütze den Verbandskatholizismus. Das, was da an Initiativen, Zeitschriften, Kongressen entstand, wurde bald auch institutionell gefördert.
Die Zwischenwelt zwischen der Universität und dem intellektuellen Lesezirkel bevölkert also die Katholische Akademie. Beide - die kirchliche Bildungsarbeit, die vielen inzwischen geschlossenen Bildungshäuser - aber auch die immer stärker zur Verschulung neigenden Universitäten stecken heute in Schwierigkeiten. Diese Wurzel - die einst großen Akademikerverbände erleiden das Schicksal vieler Vereine und Verbände - sie kämpfen ums Überleben, sind nur noch ein Schatten ihrer Vergangenheit.
Im Zeitraffer gilt das auch für unsere Berliner Akademie:
Insbesondere die Gesprächsatmosphäre der Runden Tische in der Wendezeit ist eine sehr starke Wurzel unserer Akademie.
Das war vor zwanzig Jahren plausibel. Es war deutlich, daß der christliche Glaube für den Umwälzungsprozeß damals entscheidende Impulse gegeben hat. Man konnte in großer Offenheit miteinander ins Gespräch kommen, ohne das Gefühl haben zu müssen, übervorteilt zu werden. Der Runde Tisch als ein Tisch über den man nicht gezogen werden kann, ihm kommt das Verdienst zu, die historisch einzigartige Revolution ohne Blutvergießen begleitet und vorangetrieben zu haben.
Nun gibt es auch heute Runde Tische - aber diese haben nur wenig mit denen von einst zu tun, es handelt sich um Expertengremien, sie bedienen meist eine Problemsituation, sind professionalisiert. Als diese Akademie ganz jung war, gab es noch Bildungshäuser in Berlin und es gab die Aussicht auf eine gut ausgestattete katholisch-theologische Fakultät. Die Wurzeln der Akademie sind ein wenig dünner geworden - sie müssen tiefer graben, um an Wasser zu kommen.

Erdreich
Aber nicht nur der Blick auf die Wurzeln ist ein nachdenklicher - auch das Erdreich hat sich verändert in den letzten 20 Jahren. Das Erdreich ist härter geworden.
Die Debattenkultur nimmt immer mehr hysterische Züge an. Es gibt da einige, die den innerökumenischen Diskurs zu Grabe tragen wollen, den interreligiösen sowieso.
Wir haben z. B. im vergangenen Jahr erlebt, daß ein Großteil der Berliner der Meinung war, daß Eltern nicht das Recht haben sollten für ihre Kinder Religionsunterricht einzufordern. Das was in den anderen Bundesländern gesetzlich garantiert ist, stellt in Wahrheit eine Art „Wahlzwang“ dar. Zwar konnte niemand erklären, was das eigentlich ist, ein „Wahlzwang“, aber die Sache war vom Tisch.

Sollte man das Projekt einer Dialogakademie also aufgeben? Sollte man in dieser Situation, in der hochemotionalisiert dem vermeintlichen Gegner alles mögliche vorgeworfen und zugetraut wird, die Sache umhauen?
Vielleicht hören wir auf den Ratschlag des Gärtners. Vielleicht müßte einfach etwas mehr Luft an die Wurzeln. Vielleicht müsste der Boden tatsächlich gelockert werden, damit unsere Gespräche zu einem guten Ende führen.
Wir haben mit dem Christentum eine Perspektive einzubringen, die den verhärteten Boden lockern kann.
Die normalen Verteilungskämpfe werden lächerlich, wenn die Letzten sowieso die Ersten sein könnten und umgekehrt und die Ängste, die üblen Diskursvergifter sind, werden gelindert durch den vorsichtigen und nachsichtigen Gärtner, der lieber Tag und Nacht buddelt und wässert, als vorschnell den Feigenbaum aufzugeben.
Nehmen wir uns die Freiheit, sorgsam mit unseren Wurzeln umzugehen, dann werden wir auch die Früchte ernten, auf die wir so versessen sind.
Wir werden also dem, der die Früchte des Feigenbaums sehen und ernten will, sagen: der Feigenbaum dient nicht als zusätzliche Beköstigung vorbeikommender Besitzer, sondern er stabilisiert mit seinen starken Wurzeln den gesamten Weinberg und mit seinen großen Blättern spendet er Schatten, damit der Boden nicht zu sehr austrocknet und die Weinstöcke nicht verdorren.
Gleichzeitig aber müssen wir tatsächlich um die Wurzeln besorgt sein, denn von ihnen hängt der Baum ab.
Werden die Hauptwurzeln schwach, so müssen die Haarwurzeln dennoch arbeiten. Jeder einzelne, der hier sich anregen lässt, der hier in den Austausch von Ideen eintritt, gleicht so einer Haarwurzel aus der der Baum der Akademie lebt. Die Akademie braucht Menschen, die Ansprüche stellen an ihre Arbeit - sie braucht aber auch Menschen, die ihre Arbeit mittragen durch ihr Leben und auch durch ihr Gebet. Dafür danke ich Ihnen. Amen.

Predigt am 29. Sonntag im Jahreskreis
17. Oktober 2010
Lk 18,1-8

Glaubende Hartnäckigkeit

Zwei Beobachtungen erleichtern den Zugang zu dem befremdlichen Gleichnis von der lästigen Witwe, das ja nach der Intention des Evangelisten etwas darüber aussagen soll. wie Christus sich das das Gebet seiner Jünger vorstellt.
1. Der Richter der Ungerechtigkeit (ὁ κριτὴς τῆς ἀδικίας) ist nicht harmlos. Wir könnten vielleicht annehmen, ein Mensch, der Gott nicht fürchtet und auch kein Interesse für die Menschen zeigt, ist so außergewöhnlich nicht; wenn er nur zwischen den Interessen der einzelnen Parteien einigermaßen ausgleichend vermittelt, dann kann man mit der mangelnden persönlichen Frömmigkeit irgendwie leben. Wir trennen heute gewöhnlich zwischen Religion und Recht. Im Kontext der biblischen Welt jedoch ist ein solcher Richter eine Katastrophe. Denn hier kommt es auf nichts anderes an, als darauf, vor Gott recht zu sprechen. Ein Richter, der nur sich selbst kennt, zerstört die bibische Rechtsauffassung.
2. Die Witwe ist ein sprechendes Symbol für Menschen in eine ausweglosen Situation. Sie hat keinen Rechtsbeistand, keine Witwenkasse, sie steht mit leeren Händen da - es geht bei ihr nicht um Starrköpfigkeit, sondern um ihre bloße Existenz. Sie hat nicht nur ihren Mann verloren, was schon tragisch genug ist, sondern in ihr sind all jene mitgenannt, auf die man damals und heute meint problemlos verzichten zu können. Die nichts gelten in der Gesellschaft.
D.h. alle Versuche, einen Vergleich, einen Kompromiß, herbeizuführen, sind nutzlos. Hier geht es nicht um ein Abspeisen einer lästigen Person.
Der Richter also steht für jene, denen es gut geht, die Gott nicht brauchen, die Etablierten - die Witwe steht für jene, die bei Lukas seliggepriesen werden: die arm sind vor Gott, denn ihnen gehört das Himmelreich.
Das Problem ist nur, diejenigen, denen das Reich verheißen ist, die merken gar nichts davon. Sie haben das Gefühl, Gott steht nur denen bei, die es eigentlich gar nicht nötig haben. Er schweigt und verbirgt sein Gesicht.
In dieser Situation geht es um den Glauben, geht es darum, nicht nachzulassen im Rufen, im Schreien. So wird die Witwe zu einem Vorbild für die Beharrlichkeit im Gebet.
Schauen wir nun auf unsere Situation. Nicht viele werden sofort etwas anfangen können mit der Bedrohtheit der eigenen Existenz, die die Witwe kennt. Wir sind heute nach vielen Seiten versichert und abgesichert und so sind unsere Gebete vielleicht auch etwas leiser geworden. Aber es gibt doch immer wieder Situationen der Not, der persönlichen Angst. Krisen, die wir erleben angesichts von plötzlicher Krankheit oder weil wir erfahren, daß ein Freund oder Verwandter ums Leben gekommen ist. Dann fangen wir an zu beten oder wir hadern mit Gott. „Wo warst du, als das und das geschah?“ lautet dann die Frage.
Das ist aber nur selten der Fall, die vielfältigen Nachrichten von den Ausweglosigkeiten unserer Welt bringen uns normalerweise nicht zum Beten (Naher Osten, Afrika, Terrorismus). Die Nachrichten von den kleinen Wundern unserer Welt (Chile) bewegen uns vielleicht, aber bringen sie uns zum Danken?

Wenn wir beschreiben sollten, was Beten eigentlich ist, was wir uns darunter vorstellen, so werden wir meist sagen: Wir vertrauen uns und unser Leben Gott an, wie man mit einem guten Freund spricht.
Hier aber geht es um Schreien und der Richter im Gleichnis ist nicht einer, den man zum Freund haben will.
Es geht um die Abgründigkeit unserer eigenen Existenz. Genau dann, wenn wir, die wir uns Gott entfremdet haben, nämlich anfangen zu beten, geht es uns nicht um ein vertrautes Gespräch, sondern um Anklage - um Not. Wir sind heute geneigt, fatale Situationen sowohl in unserer Gesellschaft als auch in unserer Biographie zu überspielen. Die fast unerträgliche Spannung zwischen unserem lieben Gott und der gefühlten Gleichgültigkeit versuchen wir zu glätten oder technisch aufzulösen. Jemand, der nur noch die Anklage hat, gilt als nicht diskursfähig. Aber gegenüber Gott müssen wir nicht auf Korrektheit bedacht sein, sondern ehrlich. Ein Ringen mit Ihm ist keine Gotteslästerung, sondern die Haltung des Ijob angesichts der persönlichen Katastrophe, die Haltung des Psalmisten, der enttäuscht ist, daß es nur den Frevlern gut geht und eben die Haltung der Witwe, die nichts anderes hat, als ihre Stimme. Diese Klage ist wirkliches Gebet.
Nur hören wir meist gleich wieder auf, wenn wir uns gefangen haben. Gebet ist nicht immer nur gesundheitsfördernd und angenehm, sondern auch anstrengend. Es kostet etwas: nicht nur Nerven und Zeit, sondern viel Kraft.
Genau diese Dimension des Betens wird in den Texten des heutigen Sonntags im Buch Exodus und in unserem Gleichnis sichtbar.
Für die Ordenschristen, die den christlichen Glauben einst in unsere Gegend gebracht haben, war das selbstverständlich. Gebet braucht Beharrlichkeit. Wo sie sich niedergelassen haben, bauten sie zunächst eine Kirche - und zwar als Oratorium. Damit die Gebete in erbaulicher, ja in erträglicher Form stattfinden konnten.
Heute ist das Gebet zumeist eine Privatangelegenheit und wir meinen, man könne sich auch dabei gar nicht gegenseitig helfen, geschweige denn stellvertretend für andere vor Gott stehen.
Natürlich gibt es so etwas wie ein Chorgestühl auch heute noch, weil es für bestimmte Kirchen wie Kathedralen oder Klosterkirchen eine Vorschrift gab, daß z.B. ein Domkapitel ein Chorgestühl haben muß. Nur wird heutzutage darin nicht mehr gebetet, sondern man wohnt allenfalls feierlichen Gottesdiensten bei. Das Beten tut jeder für sich alleine - in der Küche oder am Schreibtisch oder im Sessel. So ist das heute.
Was eine gemeinsame Klage, ausdauerndes Klagen erreichen kann, haben wir vor 20 Jahren gesehen - das Undenkbare wird Wirklichkeit. Damals standen auch Menschen mit dem Rücken an der Wand - in auswegloser Situation. Und sie ließen sich nicht abbringen.
Und wir? Warum geben wir immer sofort auf? Warum suchen wir uns nicht Verbündete, mit denen wir unsere Anliegen vor Gott durchsetzen? Die Beharrlichkeit ist in ausweglosen Situationen überlebenswichtig, aber auch ein Zeichen für christliches Selbstbewußtsein. Diese Beharrlichkeit und dieses gesunde Selbstbewußtsein christlichen Betens möchte der Menschensohn finden, wenn er kommt. Amen.


Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis
10. Oktober 2010, Akademiekirche
Lk 17,11-19

Die Macht des Senfkorns

Über die Lebenswirklichkeit des Glaubens in der Eucharistie - der Danksagung

Ein sehr schwer auszulegendes Evangelium, weil hier mehr Auslegungssackgassen drohen, als an anderen Stellen. Nicht weil Jesus hier so offensichtlich enttäuscht wirkt und dabei gleichzeitig irgendwie weltfremd, sondern weil es hier um einen Kern unserer Existenz geht und zugleich so viele Fragen offen bleiben müssen.
Die Heilung der zehn Aussätzigen ist eine klassische und sehr oft kommentierte Stelle des dritten Evangeliums. Sie hat ihre Auslegungsgeschichte - leider keine sehr rühmliche, denn die ganz große Masse der Ausleger stützt sich auf den Samariter, die Stelle wird ja auch der „dankbare Samariter“ genannt - und sieht hier eine Verwerfung des Unglaubens der Juden und eine Universalisierung der Heilsbotschaft gegeben. Dabei könnten doch durchaus alle zehn Aussätzigen Samariter sein und gar kein gläubiger Jude dabei, das gibt die Perikope doch gar nicht her! In den alten Leseordnungen steht sie am 13. Sonntag nach Pfingsten und auch heute wird sie in den lutherischen Gottesdiensten Jahr für Jahr am 14. Sonntag nach Trinitatis vorgetragen und zwar nicht, weil die Kirche so viel Freude an gelungenen Heilungsgeschichten hätte, sondern weil es in dieser Geschichte um den Glauben geht. Ob all das, was Luther, der sehr viel zu diesem Text geschrieben hat, plausibel ist - daß nämlich die Priester die neun davon abgehalten hätten, zu Jesus umzukehren, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Aber um den Glauben geht es, den Glauben, der auch am vergangenen Sonntag im Zentrum der Verkündigung stand, der Glaube, der auch so klein sein kann wie ein Senfkorn und dennoch unabsehbare Folgen hat.

Um die Folgen des Glaubens geht es. Nun könnte man denken, klar: wer fest genug glaubt, der kommt schon wieder auf die Beine. In dieser Art lesen wir heute autobiographische Erzählungen der Art „Wie ich meinen Krebs besiegt habe“ oder ähnliches. Die zehn Leprosen könnten solche Bücher schreiben. Sie können nicht sagen, wie es gekommen ist, daß sie geheilt worden sind, aber sie können von ihrem Weg berichten, den sie voll Vertrauen gegangen sind, ermutigt durch die Worte Jesu. Sie könnten auch den Priestern von ihrer schönen und einmaligen Geschichte erzählt haben. Aber ich meine, es geht nur sehr mittelbar um die Heilung selbst.
Denn die Geschichte geht ja weiter.
Einer fängt an, lauthals - sehr laut - Gott zu loben und er kehrt zu Jesus zurück.
Man könnte meinen, es handelt sich hier um einen Unterricht in guten Manieren, den uns Lukas erteilen will, vielleicht mit einem leicht säuerlichen pädagogischen Unterton: Vergiß nicht, danke zu sagen!

Worum geht es denn bei der Dankbarkeit? - Ist das eine Entschädigungsleistung, eine Art unverhältnismäßige Bezahlung für eine Gunst, einen Gefallen?
Der Samariter, der umgekehrt ist, erkennt die wahre Wendung seines Lebens. Auf diese Wendung kommt es an. Das ist es, was m.E. Lukas in diesen merkwürdigen Gleichnissen vom Senfkorn, vom unnützen Knecht und vom dankbaren Samariter sagen möchte. Und das ist sehr schwer zu erfassen, eben ein Gefühl der Verbundenheit, der Verbindlichkeit, die man schlicht nur konstatieren kann: Ich bin diesem oder jenem Menschen zu großem Dank verpflichtet.
Und selbst wenn man diesen Dank auszudrücken versucht hat, durch Geschenke oder durch eine Ehrung des anderen, bleibt dennoch das Gefühl der Dankbarkeit bestehen.

Wir sollten nicht den Fehler begehen, das Geflecht der Dankbarkeitsbeziehungen als eine Art Einschränkung unserer persönlichen Freiheit zu betrachten, als etwas, das die sogenannte Autonomie des Subjekts einschränkt, beschneidet. So wie man manchmal hört, daß einer nichts geschenkt haben will, eben wegen der Verpflichtungen, die sich daraus ergeben.
Danken zu können, ist Teil eines christlichen Realismus. Und die Dankbarkeit gegenüber dem Geber aller Gaben ist Vollzug christlichen Selbstverständnisses - ist religio, was nach der Etymologie des Lanktanz soviel heißt wie Rückbindung an den Ursprung.
Hier steckt also die Erweiterung des Glaubensbegriffs, eine Konkretisierung und Vertiefung, daß es eben nicht nur um ein bewußtseinsmäßiges Fürwahrhalten von etwas geht, sondern um eine Begegnung mit dem Geheimnis Gottes, die das Leben prägt und verändert, weil es ahnt woher alles Leben, alles Sein stammt.

Auch die neun anderen Kranken haben den Worten Jesu geglaubt. Auch sie haben die heilende Kraft ihres Glaubens erfahren, aber sie werden irgendwann wieder krank werden. Und dann ist diese Heilung nur eine Episode in ihrem Leben gewesen. Nur einer, der Ausländer realisiert die Begegnung mit dem tiefsten Geheimnis des Lebens selbst. Und nur einer ist in der Lage, das auszudrücken.
Das braucht Übung, Einübung. Es ist eine Lebenserfahrung, die weitergegeben werden muß, auf die man nicht immer selbst zurückgreifen kann, sondern die bezeugt werden muß.
Die Heilung der zehn Aussätzigen wird damit zu einer symbolischen Kurzfassung einer christlichen Glaubensbiographie und zu einer Kurzfassung des christlichen Gottesdienstes. Auch er beginnt mit dem "Herr, erbarme dich unser“, geht den Weg der Zusage (Lesegottesdienst), er gipfelt in der Danksagung (Eucharistisches Hochgebet) und endet mit dem wunderbaren Zuruf: ἀναστὰς πορεύου· ἡ πίστις σου σέσωκέν σε - Als Auferstandener geh! Dein Glaube hat dich gerettet!
Liturgische Formung und Durchdringung unserer Glaubensexistenz, das ist die  große Danksagung, die Eucharistie. Und darin liegt auch ihr tiefer Lebensbezug.


Predigt am 27. Sonntag im Jahreskreis
03. Okt. 2010
Lk 17,5-10

Schätze des Glaubens in der Krise des Glaubens

Am Donnerstag ist im Bodemuseum eine einzigartige Ausstellung von liturgischen Geräten und Reliquien eröffnet worden, die durch die Domsanierung in Hildesheim angestoßen worden ist. „Schätze des Glaubens“ heißt sie recht zweideutig. Denn das Wort Glaubensschatz hat eine einschlägige theologische Bedeutung, aber Dogmen kann man nicht im Museum ausstellen; wahrscheinlich wollte man schlicht das Wort „Schätze der Kirche“ vermeiden, denn dann würde zu deutlich an die traurige Odyssee des Welfenschatzes und anderer Reliquien erinnert.
Vielleicht hat sich der Kulturstaatsminister für den Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung an der Leseordnung orientiert, denn der Glaube ist das zentrale Thema des heutigen Evangeliums.
Der Predigttext ist allerdings gleich in mehrfacher Weise mißverständlich und wird leider allzuoft auch einseitig ausgelegt; und zwar als eine Art Mutmach-Evangelium, um die hohen moralischen Anforderungen des Christentums meistern zu können.
Natürlich hören wir, wenn wir die Bitte der Apostel „Stärke unseren Glauben!“ lesen, sofort all die Zweifel, all die Probleme, die ganze Not des Glaubens unserer heutigen Zeit mit und erwarten dann eine Tröstung, eine Stabilisierung angesichts unserer Kontingenzbesoffenheit.
Und weil wir diese Tröstung erwarten, sind wir bitter enttäuscht von dem Gleichnis vom „unnützen Knecht“, in dem einfach nur die Welt beschrieben wird, wie sie ist. Der Butler soll froh sein, daß er überhaupt einen Job hat!
Wir suchen die Kritik an der Sklaverei, wir lesen den Text noch einmal und noch mal - kein Anzeichen einer Glaubensstärkung, sondern eine Verwirrung. Wieso? Sondern man hat fast den Eindruck, hier wolle sich jemand lustig machen über uns.

Die Lösung der Problematik dieses Textes liegt in einer genaueren Analyse der Apostelbitte „Stärke unseren Glauben!“ (Πρόσθες ἡμῖν πίστιν).
Wenn wir das προστίθημι so übersetzen wie Luther und ihm folgend auch die Einheitsübersetzung, dann geraten wir in diese Schwierigkeiten. Wir verstehen dann das Wort πίστις als eine Art inneren, intellektuellen Akt des Vertrauens auf Gott, der in eine Krise geraten ist und stabilisiert werden soll.
Nun ist προστίθημι nicht mit ‚stärken’, sondern ‚vermehren’ zu übersetzen. Wenn wir bei der wörtlichen Übersetzung bleiben - wie übrigens auch die reformierten und pietistischen Übersetzungen und auch die Vulgata des hl. Hieronymus - haben wir die ganzen Probleme nicht.
Mehre unseren Glauben! - und da wird deutlich, daß es nicht um die Intensität einer Überzeugung eines einzelnen gehen kann, denn mehrere Überzeugungen verstärken sich nicht automatisch gegenseitig, sondern aus eigener Erfahrung wissen wir, daß sie einander durchaus in die Quere kommen können.
Was soll das nun sein, das da vermehrt werden soll? Es scheint hier um eine Art Glaubenswirksamkeit, um eine Art Wundermacht zu gehen, ein Charisma, eine geheimnisvolle Kraft, von der man viel oder auch wenig haben kann. Genau wie ja auch durch das Senfkorngleichnis angedeutet wird. Glaube ist in den synoptischen Evangelien nicht nur ein inneres Zustimmen zu einer Wahrheit, eine Sache des Herzens, sondern auch die Manifestation dieser Heilswahrheit in der Welt.
Es gibt nicht nur die Privatangelegenheit des Glaubenden - „Ich glaube, daß du der Sohn Gottes bist!“ - sondern es gibt auch eine heilende Wirkung aus dem Glauben heraus: „Dein Glaube hat dir geholfen!“
Wir heute würden eigentlich nie auf die Idee kommen, um diese Art Glaube zu bitten - uns würde es schon reichen, angesichts der Armseligkeit unserer Glaubensgenossen, gerade auch der Amtsträger halbwegs zu überleben. Wenn wir an den Glauben denken, dann denken wir an uns und unsere Überzeugungen. Und darin liegt schon das Problem. „Glaube nur für mich“ ist eine Chimäre, eine Erfindung der Neuzeit. Das ist hier nicht gemeint, sondern die Apostel bitten um eine Wirkkraft, die sie bei Jesus gesehen haben - vgl. „denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ (Lk 6,19).
Die Apostel wollen ihrem Meister nacheifern, wollen genauso wirken wie er. Im Johannesevangelium heißt zur Wirksamkeit des Glaubens die Verheißung sogar „der wird noch größere (Werke) vollbringen“ (Joh 14,12). Die Apostel geraten in eine Art Leistungsdruck, man soll merken, daß sie Jünger eines großen Meisters sind - aber, darauf kommt es überhaupt nicht an.

Das besagt das angefügte Gleichnis vom unnützen Sklaven. Es geht gar nicht um die Herausforderung, bestimmte Paraphänomene zu bewirken, sondern nur zu tun, was aufgetragen ist.
Hier besagt das Gleichnis vom unnützen Knecht: Ja, mit dem Knecht sind zunächst die Apostel gemeint - wenn sie pflügen, dann bereiten sie das Erdreich für das Wort Gottes, wenn sie Hirtendienste leisten, dann führen sie die ihnen anvertraute Herde in das Reich Gottes. Alles dies aber tun sie nicht auf „eigene Rechnung“, sondern, so gut und so schlecht sie es eben vermögen, auf Befehl.
In gewisser Weise sind die Knechte und der Herr eine korporative Einheit, so wie die Apostel teilhaben am Erfolg und auch am Leiden Christi.
Es geht also in diesem Gleichnis nicht um ein irgendwie dialektisches Herr-Knecht-Verhältnis, sondern um eine einseitige Zuordnung des Knechtes zum Herrn, eine Art selbstverständliche korporative Identität - und insofern meint das Gleichnis alle Christen, nicht nur besonders berufene Apostel.
Beispiele eines solchen Glaubens sind Paulus, der obwohl er eine ganz andere Form des Glaubens favorisiert hat (Römerbrief), sich dennoch immer auch als Gesandter an Christi statt, als Knecht Christi verstanden hat. Und der heilige Franziskus, dessen Fest wir morgen feiern. Für ihn war es keine Demütigung, sich selbst als ein Werkzeug des Heils, als ein Teil Christi zu sehen, und noch weniger ein Grund, sich zu rühmen. Es war das Größte für ihn, Christus ähnlich zu sein in seiner Lebensweise und dadurch diesen für seine Zeit zu repräsentieren. Es gibt neben der Innerlichkeit auch eine Wirklichkeit des Glaubens, die für meinen Nächsten erfahrbar ist, sichtbare Konsequenzen hat. Die nicht bloße Äußerlichkeit ist, sondern ihn stärkt, ihn heilt, ihn aufbaut. Genau dann ist der Christ (übrigens ganz unabhängig von seiner Aufgabe in der Kirche) als Glaubender ein „unnützer Knecht“ und zugleich für andere ein „Schatz des Glaubens“. Daß auch uns dies möglich sein kann, darum bitten wir den Herrn. Amen.

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Predigten Oktober 2010




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