Predigten im November


Predigt am Christkönigssonntag
21. Nov. 2010, 12:00 Uhr
Lk 23,35-43

Die offenen Arme

Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. 
Das zweite der Sieben Letzten Worte Jesu am Kreuz, das den Höhepunkt unseres Evangeliums bezeichnet, ist für viele Theologen rätselhaft. Wer hat ihn gehört? Wer hat ihn uns aufgeschrieben? Wie kann man sich unterhalten, während man gekreuzigt wird? Dieser Satz beschließt gleichsam das Kirchenjahr, das Lesejahr, in dem Abschnitte aus dem Lukasevangelium gelesen wurden. Es ist so etwas wie eine Essenz dessen, was uns der Arzt und Evangelist von Christus aufschreiben wollte.
Und es ist ein Satz, der für den Christkönigstag emblematisch ist.
Vor allem das „noch heute“, mit dem dieser tröstliche Satz beginnt. Die ewige Gegenwart des Erlösers, die aus dem damaligen „heute“ ein „heute“ für uns werden läßt, ist uns fremd geworden. Besonders an diesem Festtag, der dem Christkönig geweiht ist. 
Das Christkönigsfest, ist eines der jüngeren Feste und scheint besonders antiquiert zu sein. Aber je öfter ich darüber nachdenke, umso ergreifender ist der Gedanke, der in ihm schwingt und lebt: Christus ist das Zentrum der Welt - und zwar als Gekreuzigter.
Und Sankt Dismas, der gute Schächer symbolisiert wie kein anderer prototypisch den Christen, der wie Paulus sagt, mit Christus mitgekreuzigt wird. 
Diese gewissermaßen mystische Sicht des Passionsgeschehens ist die lebendige Quelle, aus der das Christkönigsfest lebt. Es ist eben keine „Erfindung“ des 20. Jahrhunderts, wie wir es häufig in betretenem und schüchtern erklärendem Ton lesen können: eine bloße ephemere Dekoration des Hl. Jahres 1925, und es ist eben keine traditionalistische Antwort auf die Orientierungslosigkeit der europäischen Gesellschaft nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs. 
Das Christkönigsfest zeichnet das Kreuz in den Mittelpunkt von Raum und Zeit ein und ermutigt den vom ewigen Einerlei ermüdeten Christen mit einer eschatologischen Perspektive, die in der technisch verplanten Welt verloren gegangen ist. Erst die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts, die einen menschlich - bürgerlichen Jesus suchte, der vielleicht vorbildhaft wie Gandhi war, aber eben mehr auch nicht, machte das Fest notwendig: Dem Christentum ging es nie um einen netten Freund, sondern um die Mitte des Kosmos, den Pantokrator, der in den Apsiden der alten Kirchen Zielpunkt und Mittelpunkt des Kosmos, der pilgernden Kirche war.

Wie kann das Christkönigsfest heute jemanden ermutigen? Ein Fest, das den Blick richtet auf einen Kreuzeskönig, der von den Juden, den römischen Soldaten, ja von einem der beiden Schächer verlacht wird?
Mich berührt immer wieder die Geschichte von einem Eintrag im Gästebuch, das auf dem Corcovado in Rio de Janeiro ausliegt, in zittriger Schrift verfasst: "Ich kam hierher mit dem Gedanken, meinem Leben ein Ende zu setzen. Oben angelangt, war ich so ergriffen, dass ich mein Vorhaben wieder aufgab". Die ausgebreiteten Arme sind von sich aus verstehbar, sie trösten ohne Vorkenntnissse.
Heute wird in Schwiebus, 70 km hinter Frankfurt, auch eine monumentale Christusfigur eingeweiht. In den Medien wird sie ganz automatisch mit ihrem brasilianischen Vorbild verglichen, ob sie eine ähnlich tröstende Wirkung entfaltet? Wer weiß?
Die Erlöserfigur auf dem Corcovado ist weltbekannt, und wird von den Brasilianern sehr geliebt - ihre Entstehungsgeschichte wird jedoch nur selten erzählt: Ursprünglich wollte man zum 100. Unabhängigkeitsjubiläum Brasiliens ein Denkmal errichten, eine Art Freiheitsstatue des freien Lateinamerika, das aber eben nicht die Symbolik der französischen Freimaurer nachahmt, sondern aus dem Bildreichtum des Christentums schöpft. Es war an einen Christus mit einem Kreuzstab, einer Erdkugel etc. gedacht worden. Aber erst das neueingeführte Christkönigsfest gab dem Unternehmen die theologische Ausrichtung. Es entstand eine Herz-Jesu-Statue mit weit ausgebreiteten Armen, wie als würde die Kreuzigung fortdauern, als wollte der Erlöser seine einmal ausgestrecktem Arme nie wieder schließen. 
Natürlich sind diese Arme ein sprechendes Symbol: niemand ist ausgeschlossen. Niemand, nicht einmal der rechtskräftig Verurteilte, soll sagen können, man hat mich nicht gewollt. 
Kann man diese Botschaft vom Einklang von absoluter Souveränität und universaler Barmherzigkeit nicht anders ausdrücken, moderner? Muß man da einen König bemühen?
Wäre es nicht angemessener, hier dem Anliegen vielleicht einen Internationalen Gedenktag der Deklaration des Liebesgebotes zu widmen, z.B. als Fest der Bergpredigt oder Kampf- und Feiertag für die Rechtfertigung aller Menschen auf Erden? 
Leider greift diese Inflation der Gedenktage tatsächlich um sich. Aber der Gedanke allein ist schon merkwürdig - Strukturen, Gesetze, Normen sind nicht barmherzig und gütig, sondern sie sollen annähernd gerecht sein und insofern entweder gültig oder inexistent. Nur ein Mensch kann die Ordnung der Liebe mit der Gültigkeit des Gesetzes in Einklang bringen ohne es zu zerstören. Nur ein Mensch mit einem Leib kann die Arme öffnen. 
Das Christkönigsfest ist das so aktuell wie kein anderes. Jedes Kind versteht es, wenn der Hauptdarsteller im Film vom Untergang der Titanic vor Freude über seinen Amerika-Fahrschein vorne auf dem Bug die Arme ausbreitet und ruft, er sei der König der Welt! Was sollte er sonst rufen? Vielleicht „Ich bin der Generalsekretär der Vereinten Nationen? Oder Päsident des Universums? 
Das ist völlig undenkbar. Denn demokratisch legitimierte Präsidenten symbolisieren in ihrer Person das Gesetz, sie können es nicht aufheben. Präsidenten, die die Gültigkeit des Gesetzes nicht akzeptieren, nennt man Diktatoren, weil sie sich selbst legitimieren. Präsidenten sind jedoch eben nicht souverän, sondern sie repräsentieren das Volk, das als souverän gilt. Wenn sie meinen, sie würden es nicht ausreichend repräsentieren, dann treten sie eben zurück. 
Das kann ein König nicht so ohne weiteres, er kann entmachtet und vertrieben werden und bleibt dennoch König. Ex-Könige gibt es nicht. Vielleicht Könige ohne Land. Und eben Könige der Herzen. So ist es auch mit dem Christkönig: Man kann ihn sehen, anfassen, sich seiner Souveränität anvertrauen und man kann ihn sprechen hören: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein. Amen.

Predigt am 33. Sonntag im Jahreskreis
14. Nov. 2010, 12:00 Uhr
Lk 21,5-19

Das Durchhalten in der Krisis

Das Szenario, das Lukas im 21. Kapitel seines Evangeliums beschreibt, die Zeichen der Natur, die persönlichen und familiären Auseinandersetzungen, klingen bedrohlich und unangenehm - es ist ein Text der apokalyptischen Sorte.
Wir werden einen solchen in ähnlicher Weise in 14 Tagen am 1. Advent noch einmal hören, dann in der Matthäusfassung. Im Advent klingen diese prophetischen Texte völlig anders, weil sie von sich aus hingeordnet sind auf eine Lösung, nämlich einen Neuanfang der menschlichen Geschichte in der Ankunft des Erlösers. 
Wenn der Glaube an einen Erlöser mit kindlichem Antlitz aber schwächer wird, dann wird auch die apokalyptische Geschichtstheologie schwerer erträglich. Wir können damit nichts anfangen und halten uns die Ohren zu. 
Das ist der Moment, in dem wir beginnen, entweder die erfahrene Spannung, das erlebte Leid zu verdrängen oder ins Narrative zu schieben. Sie werden zu Szenarien des Untergangs, die sich allerdings nur noch auf der Kinoleinwand oder zwischen Buchdeckeln abspielen. Der Stoff, aus dem Apokalypsen gewoben werden, scheint nicht auszugehen - aber er ist zumindest eingezäunt.

Gottesverdunkelung
Auch die Politische Theologie des 20. Jahrhunderts setzt bei der Frage an, wie von Gott sprechen, wenn er nicht da zu sein scheint, wenn das Schreckliche die einzige Realität zu sein scheint. Sie beginnt mit der Erfahrung der Gottesverdunkelung und gelangt dennoch zu einer Formulierung einer Hoffnung im Hier und Jetzt. Moltmann hat diese Denkfigur exemplarisch von Bloch aufgenommen. Nicht das Jenseits gibt die Kraft zum Durchhalten, sondern das veränderte Antlitz der Erde - oder besser gesagt der Gesellschaft. 
Das ist es, worauf es ankommt. Ganz ähnlich Metz setzt die Compassio der Opfer hier auf Erden gegen die eine leidvergessene Metaphysik Athens, die ihm zufolge zu lange das theologische Denken des Abendlandes bestimmt hat. Die Theologie soll sich mit den Fragen des Hier und Jetzt, den Sorgen der Zukurzgekommenen befassen und nicht über Gottes Wesen spekulieren. So bekommen apokalyptische Texte eine gesellschaftskritische Relevanz, sie stellen das tragische Schicksal der Vielen ins Zentrum der Reflexion.
Aber greift die Gegeneinandersetzung von Jerusalem und Athen wirklich? Ist Athen wirklich vor allem Spekulation über das Ewige, sitzen wir nicht selbst einem Stockwerkdenken auf, wenn wir die Metaphysik aus dem Themenkreis der Theologie streichen? Ist Platons Politeia denkbar ohne ihre Verankerung im griechischen Mythos? Der Mythos ist doch nach Aristoteles der eigentliche Kern gerade der Tragödie. Warum tun wir uns trotz allem schwer mit den tragischen Texten der biblischen Botschaft? 

Die Tragödie 
Was unsere neuzeitliche, aufgeklärte Betrachtungsweise verlernt hat zu sehen, ist das ›δεῖ‹ der Tragödie - es mußte so geschehen. Dem griechischen Denken - auch gerade der Evangelist Lukas - benutzt diese Formulierung oft: Mußte das nicht alles geschehen.... Dem griechischen Denken also, einen bloß überzeitlichen Glanz der ewigen Wahrheiten zuzschreiben, heißt den tragischen Glutkern Athens nicht anzuerkennen.
Und diese tragische Zwangsläufigkeit - die ›αναγκη‹ - die im antiken Denken eine so wichtige Rolle spielt, wird auch im Christentum nicht einfach übertüncht mit einem ›naiven Auferstehungspositivismus‹, wie es Andrea de Santis vor kurzem hier in der Akademie der Theologie zum Vorwurf gemacht hat, auch wenn man manchmal durchaus den Eindruck haben könnte, davon geben unsere modernen Trauergottesdienste beredtes Zeugnis: keine Beerdigung ohne österliche Triumphlieder, Halleluja etc. - Tränen nicht erlaubt! Wie als wollen man dem Trauernden holzhammerartig Mut machen: Nun hab dich doch nicht so - Jesus ist doch auferstanden! Genau solch eine Haltung gibt es in der Schrift nicht. Sie nimmt das Tragische an der menschlichen Geschichte ernst - man wird sie schwerlich der biblischen Botschaft anlasten können.

Das Faustische
Ich meine, in diesem Zug, Schwierigkeiten rasch und endgültig meistern zu wollen und zu können, nicht das Wesen des Christentums, sondern vor allem das Faustische unserer Zeit wiederzuerkennen, ein auf technische Machbarkeitsstudien vertrauendes Denken, das darauf setzt, irgendwann alles in den Griff zu bekommen. Das Schlimme ist daran, daß wir damit womöglich meinen, auch Gott würde alles irgendwann ›in den Griff‹ bekommen. Aber stellt sich hier nicht unweigerlich die Frage, warum er eigentlich damit wartet? Wir spüren zuweilen, wie wenig es uns gelingt, der tragischen Dimension unserer theologischen Nachdenkens zu entrinnen.

Apokalypse als lebenskluger Realismus
Der Blick auf die unbequemen Realitäten unserer Welt, daß immer die Falschen getroffen werden, immer die Unschuldigen leiden müssen, macht nervös. Wenn wir in diesen Tagen nach Bagdad schauen, gerade wenn wir nach und nach über Einzelheiten des Mordens unterrichtet werden, sind wir bestürzt und fassungslos über die Gewalt an den Christen dort. 
Und es erscheint mir ganz und gar klar zu sein: die Apokalypse des Lukas ist keine Fiktion sondern tragischer Realismus. Und dieser Realismus läßt uns zweifeln, ob wir den gerechten Ausgleich, die Harmonie der Völker durch Kommunikationsstrategien oder technische Vernetzung erreichen können. Ist Facebook das Heil der Welt? 
Das heutige Evangelium ruft uns zur Klugheit auf. Beide Extremreaktionen sind falsch: Angst und Verdrängung. 
Auf der einen Seite rettet nicht technische Überlegenheit - auf der anderen Seite bliebe eine stoische Resignation, ein Rückzug in den Garten des Epikur. 

Gegen beide Reaktionen wendet sich der Herr im heutigen Evangelium: Nein! Aushalten, Durchhalten - ich bin das Gericht, die Scheidung zwischen wahr und falsch.
Die Technik erspart nicht die Wahrheit, die Kommunikation erspart nicht das Gericht, die Entscheidung - sondern beides ist in Christus auf die Welt gekommen und beides wird einst erscheinen. Solange heißt es besonnen sein und nicht den Falschmeldern nachlaufen, die meinen hier ist es! oder Da! Amen.

Predigt am 32. Sonntag im Jahreskreis
7. November 2010, 12:00 Uhr
Lk 20,27-38

Über lebensverwandelnde Maßnahmen

Das Streitgespräch mit den Sadduzäern, das uns in allen drei synoptischen Evangelien berichtet wird, ist in der Fassung des Lukas eines der letzten Gespräche vor der Passion. Es endet mit einem bewunderndem Ausruf eines Schriftgelehrten: Das war aber gut gesprochen! - Das Lob ist aus der Perikopenordnung rausgekürzt worden, schade. Denn wir heutigen Menschen verstehen vielleicht auf den ersten Blick gar nicht, was an der Antwort Jesu so toll sein soll.

Ja, es scheint sogar so zu sein - wir hören dieses Streitgespräch mit gemischten Gefühlen: wir trauen uns kaum mehr über das Jenseits zu sprechen, noch sind uns Diskussionen über theologische Fragen mit Menschen anderer Überzeugungen geläufig. 
Beides finden wir hier in einer klassischen Form. 
Was da aufeinanderprallt ist nicht eine Gruppe von Diesseitshungrigen gegen einen ätherischen Märchenerzähler, sondern eine konservative Gruppe der Tempelaristokratie gegen einen, der frischen Wind in die Glaubensvorstellungen seiner Zeit bringt. Es gibt da zunächst ein logisches Problem, das es zu erfassen gilt.
Worum geht es? 
Über die Partei der Sadduzäer wissen wir nicht sehr viel. Sie sind diejenigen, die das politische Überleben des Volkes Israel an seine kultische Identität knüpfen: Nur der Tempel garantiert den Fortbestand der Juden und nur die Tora ist zu befolgen. Die Ausweitung der Tempelgesetze auf das alltägliche Leben - wie es die Pharisäer praktizieren - und das prophetische Schrifttum mit seiner scharfen Tempelkritik wird abgelehnt. 
Diese versuchen nun Jesus in logische Widersprüche zu verwickeln und tischen einen konstruierten Fall auf, den man nur verstehen kann, wenn man das Institut der Leviratsehe versteht. Die Schwagerehe ist eine Form der Witwenversorgung und hilft bei Kinderlosigkeit und bewirkt, daß der Name des Bruders, der ohne Kinder sterben muß, nicht ausgelöscht wird in Israel „Denn sein Name soll in Israel nicht erlöschen.“ (Dt 25,5-6)
Das ist das Leben, das die Sadduzäer meinen, das irdische Leben, das in Geborenwerden, Kinderzeugen und im Sterben besteht. 
(Das ist kein unplausibles Bild, allerdings eine Vorstellung, die heute selber ausgestorben ist bei uns. Wenn wir modernen Menschen Sadduzäer wären, wenn für uns das Weiterleben heißen würde, daß wir in den Kindern weiterleben, dann gäbe es wahrscheinlich viel mehr Kinder bei uns.)

Die Argumentation Jesu geht auf dieses Vorverständnis ein: Leben heißt nicht bloß biologisch Existieren, sondern ist mehr. 
Es gibt ein wahres Leben als sinnerfülltes Leben. Es gibt in der Antike die Vorstellung vom Guten Leben, das hat etwas mit dem Geist zu tun und ist nicht auf die körperlichen Aktivitäten beschränkt.
Und so ist die Rede von der Engelgleichheit der Auferstandenen zu deuten. Die Überwindung des Todes in der Auferstehung bedeutet eine Aufhebung der Notwendigkeit der Weitergabe des Lebens. Zugleich nimmt sie die Angst, sein Leben „zu verpassen“. 
Auf die Frage nach einer Verankerung der Auferstehungshoffnung in den wichtigsten Schriften des Judentums antwortet Jesus gleichfalls: Schon die Tora kennt die Auferstehung - denn Gott ist der Gott der Erzväter, die in ihm leben. - Sonst hätte Gott im Dornbusch sagen müssen, ich war der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs - als sie noch lebten. - Ich bin noch da, sie aber sind tot. Nein, er nennt ihre Namen so, als wären sie lebendig.
Er stößt hier die Sadduzäer nicht vor den Kopf, sondern lädt sie gleichsam ein, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln sich einem offenem Konzept von „Leben“ anzuschließen, das die biologischen Kategorien übersteigt. 
Das Wichtige: das geistige Leben steht dem biologischen nicht als Gegensatz gegenüber, sondern umfaßt es, erweitert es. 

Wir jedoch leben in einer Welt, die nicht einmal die Hoffnung vom Weiterleben in den Kindern der Sadduzäer kennt. Unsere Welt tröstet sich mit Versatzstücken östlicher oder esotherischer Lehren, schwärmt vom kosmischen Einswerden, wie es in einem Kinofilm mit Bruno Ganz zu sehen ist. Verwandlung heißt hier: Auflösung der personalen Identität. Aber das ist nicht das, was Jesus mit „sie werden Söhne Gottes sein“ meint. Aber Auferstehung ist nicht nur etwas für Mystiker, sondern für alle. Es ist keine geistige Dimension, sondern betrifft beides: das materielle und das geistige Leben.
Gott holt seine Schöpfung heim in sein unzerstörbares Leben.
Und wir heute?
Wenn wir heute nachmittag die Gräber segnen, werden wir daran erinnert, daß die Friedhöfe Mahnmale des Ewigen Lebens sind. Mitten in einer Welt, die kein Gespür mehr für das Leben hat. Die kein Gespür mehr hat für eine sinnerfüllte Leiblichkeit, die ihr Altern nicht mehr erträgt (Oscar Wildes Parabel Bildnis des Dorian Gray). Die den Leib des Verstorbenen nicht salbt, sondern ausschlachtet oder gar plastiniert und wenn das nicht möglich ist, zumindest aus der Welt schafft. 
Das Evangelium Christi ist die Botschaft von Gott, dem alles lebt - eine Botschaft in eine Welt hinein, die sich vielfach schon selbst aufgegeben hat. Aber es geht nicht um lebenserhaltende Maßnahmen im Christentum, sondern um lebensverwandelnde! Ein Durchbruch zum wahren Leben. Amen.


Predigt an Allerheiligen
1. November 2010, 18:30 Uhr
Offb, 7,2-4.9-14; Mt 5,1-12 

Der eine Christus - die vielen Heiligen

Im Hinblick auf unseren heutigen Allerheiligenabend möchte ich versuchen, vom Thema unseres Abends, der Vielfalt in der Schrift und deren Einheit einen Blick auf die Lesungen des Allerheiligenfestes zu werfen. In der Offenbarung sehen wir in einer einzigen Vision die unzählbare Menge der Geretteten - in den kostbaren Worten der Seligpreisungen werden Menschen aller Zeiten angesprochen. 
Doch beginnen wir mit dem Festgedanken selbst, der ja einen österlichen Aspekt unserer Glaubensexistenz herausstellen möchte, zuweilen scheint es nicht sehr deutlich zu sein, daß das Allerheiligenfest, das in den Ostkirchen ja am Sonntag nach Pfingsten gefeiert wird, wie ein vielfarbiger Reflex auf das einzigartige Licht von Ostern sein möchte. Zu sehr sind wir in Gedanken bei den Verstorbenen, deren Gedenken das Allerheiligenfest im Westen allein durch die zeitliche Nähe des Allerseelentages stark prägt. 

In der Einleitung zum heutigen Fest in einer recht verbreiteten liturgischen Zeitschrift wird behauptet, das Fest Allerheiligen feiere die Gemeinschaft der Heiligen und zwar der kanonisierten und der nichtkanonisierten. So sehen das sicher viele Menschen, manchmal habe ich den Eindruck, es wäre so etwas, wie das Grab eines unbekannten Heiligen, das Fest der vergessenen Heiligen. Bei etwas längerem Nachdenken zeigt sich, daß diese Unterscheidung zutiefst unbefriedigend ist, ja eigentlich besagt sie nichts. Denn sie setzt einen ausgebildeten Begriff von Kanonisierung voraus. Aber wie lautete denn die Antwort auf die Frage nach dem Inhalt des Allerheiligenfestes in den vielen Jahrhunderten bevor die Unterscheidung zwischen kanonisiert und nichtkanonisiert eingeführt wurde? Was ist das denn überhaupt - ein nichtkanonisierter Heiliger? Einer, der es wohl verdient hätte, aber für den sich keiner die Mühe macht, einen kostspieligen Prozess anzustrengen? 
Im September konnten diejenigen, die sich dafür interessieren an einer bedeutenden Seligsprechung, nämlich der eines in England zumindest sehr angesehenen und berühmten Theologen und Schriftstellers wenigsten per Fernseher oder Life-stream teilhaben. Ich meine die Beatifikation von Kardinal Newman in der Nähe von Birmingham. Und sich die Frage stellen, was geschieht da eigentlich? Nimmt der Papst den Schlüssel des ordentlichen Lehramtes und dreht ihn einmal im Schloß herum, um Kardinal Newman in das Himmelreich zu befördern? Oder stellt er nur nachträglich fest, wovon ohnehin der sensus fidelium felsenfest überzeugt ist und proklamiert diesen nur noch einmal recht feierlich?
Was muß man eigentlich tun, damit man in den Kanon der Heiligen eingefügt wird? Jede Kanonisierung birgt ein Kanon-Problem in sich. Worin besteht aber dieser Kanon? 
Leider ist die Antwort nicht nachschlagbar. Für die Heiligen interessieren sich nur Historiker, vor allem Kunsthistoriker, zunehmend Kulturwissenschaftler - Dogmatiker machen einen großen Bogen um sie.
Eine Theologie der Heiligen - eine Hagiologie muß erst noch geschrieben werden. Bis dahin müssen wir uns mit einem Teil theologischer Anthropologie, einer Fußnote innerhalb der Ekklesiologie, mit Ansätzen in der Gnadenlehre und mit einem Kapitelchen Eschatologie zufriedengeben und alles miteinander versuchsweise in ein halbwegs ordentliches System bringen. Nur neigt die Wissenschaftsgeschichte eher zur Spezialisierung, zeigt immer stärker divergierende Tendenzen, interdisziplinäres Arbeiten hat es sehr schwer.
Die abendländische Theologie hat offenbar nicht nur keinen Sensus für den Heiligen Geist, sondern auch kein besonderes Interesse an den Heiligen. Zu sehr ähneln die Formen der Heiligenverehrung dem antiken Heroenkult, der Verehrung indischer Heiliger Männer, dem ganzen heidnischen Polytheismus. Zu viel Volksglaube schwingt da mit, vielleicht auch zuviel Weltlichkeit? 
Eine 2000jährige theologische Tradition, die kilometerlange Regale über die Erbsünde füllen kann, tut sich mit den vielen Heiligen schwer, so schwer, das sie konstruktivistischen Theorien zur Genese des Heiligenkults im Christentum kaum etwas entgegensetzen kann.

Nur bleibt doch nicht nur am Allerheiligenfest die Frage: Wenn man jemanden als heilig bezeichnen kann und darf oder sogar soll, dann muß es auch Kriterien dafür geben - welche? 
Oder ist diese Frage vielleicht falsch gestellt? 
Kann es da nur eine reichlich positivistische Antwort geben in der Art eines Marcel Reich-Ranitzky, bei aller Sorgfalt und Mühe - der Kanon ist, was ich beschlossen habe! 
Die Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts war, aufgeschreckt und angeregt durch kleine und auch spektakuläre Funde apokrypher Schriften aus der Frühzeit der Kirche, pausenlos auf der Suche nach Kriterien, nach einer Logik, nach der zu entscheiden ist, welche Schriften des Urchristentums nun heilig und welche unheilig wären, aber man kam auf keinen Grünen Zweig: weder Apostolizität, noch innere Kohärenz waren Merkmale, die auf alle selbstverständlich für kanonisch gehaltenen Bücher zutrafen. Käsemanns Suche nach dem Kanon im Kanon weist weit über die Schrift hinaus. Sie ist mit dem einfachen Prinzip der »sola scriptura« nicht zu beantworten, und genausowenig ist der Heilige mit »sola gratia« als solcher identifizierbar. - Sicher kennen Sie Pascals berühmtes Dictum: Um aus einem Menschen einen Heiligen zu machen, dazu bedarf es notwendig der Gnade. Und wer daran zweifelt, weiß nicht, was ein Heiliger und was ein Mensch ist.
Aber das ist zu skeptisch gedacht, zu augustinisch -  zur Heiligkeit gehören zwei: die Gnade und die Freiheit (G. Ravasi). Man könnte auch bildlich sagen: der Heiligenschein und das individuelle Antlitz. In den vielen Geschichten und Legenden der Heiligen tritt uns allzuoft eine fremde Zeit entgegen, eine fremde Welt, eine untergegangene Kultur, ein je eigenes von seiner Zeit geprägtes Antllitz. Und hier gibt es Kategorisierungsversuche, das Meßbuch kennt sie, auch das Brevier oder die Allerheiligenlitanei und wir haben in Spees Allerheiligenlied, das wir vorhin gesungen haben, einen solchen Kategorisierungsversuch vor uns. Diese Kategorisierungen sagen aber zumindest genausoviel über den Kategorisierer wie über den Kategorisierten aus. 
Da gibt es die typisch römische Vorliebe, eben die einer Untergrundkirche, für die Martyrer. Ein Heiliger? Das ist natürlich der standhafte Bekenner des Glaubens, der Blutzeuge. Heute wissen wir aber, daß im Osten zeitgleich aber auch ein anderes Konzept von Heiligkeit im Umlauf war: das des heiligen Lehrers - in dieses Konzept paßt bei den Orthodoxen auch Sokrates und andere Philosophen. Vor allem aber verbreitet war die Vorstellung des heiligen Propheten, die natürlich die Patriarchen und Heiligen des Alten Bundes zu integrieren vermochte, eine fruchtbare Vorstellung, die in den Wüstenvätern und bis in die Neuzeit hinein, ja bis heute bei den russischen Gottesnarren fortlebt. Und es gibt das Vorbild der starken Frau, der alles überwindenden und weisen Jungfrau, auf dem möglicherweise auch ein vergessener Typos, nämlich der des heiligen Soldaten, aufbaut. 
Hier ein einheitliches Prinzip zu finden, ist auf den ersten Blick unmöglich, Heiligkeit ist nicht von Konzepten ableitbar, sondern muß offensichtlich induktiv gefunden werden. Das Exemplarische der immer einzelnen Situation, in der die Gnade das Leben des Menschen formt, erschwert eine erschöpfende und logische abschließbare Formel. Wir sehen: wenn wir nur analytisch an das Kanon-Problem herangehen, werden wir wohl scheitern, denn es geht um die Form - nicht um eine Formel! Es geht beim Kanon um eine Gestalt, eine Ganzheit, nicht um Details, bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Der Kanon erschließt sich typologisch - also jemandem, der mit Ähnlichkeiten umgehen kann, nicht einem Erbsenzähler. 
Es ist eher ein opakes Bild, das sichtbar wird in der Zusammenschau der Vielen. Der Kanon der Heiligen will nicht mehr sein, als eine Aufzählung dessen, was geschehen ist, eine Deskription und darin ähnelt er dem Kanon der heiligen Schriften des Christentums.
Die vielen Heiligen relativieren einander genauso wenig, wie der Jakobusbrief den Galaterbrief neutralisert, sondern in der Zusammenschau der einzelnen Menschen ergibt sich die Imago Christi, die Vollgestalt des Leibes Christi, wie der Epheserbrief sagt.
Die Frage nach dem Kanon ist eine verständliche Frage, sie ist die Frage nach dem ultimativen Rezept, sie ist unsere neuzeitliche Frage - aber die Antwort gefällt uns vielleicht nicht, weil wir sie schon geahnt haben. Ich stelle sie mir auch herausgefordert durch die Ordnung und die merkwürdige Systematik der koranischen Suren. Man kann sich darüber lustig machen, aber immerhin gibt es da eine Ordnung. 
Und warum gibt es wohl vier Evangelien und nicht acht und nicht ein einziges Evangelium? Warum gehört der Clemensbrief nicht dazu? Dafür aber der Hebräerbrief?
Der Kanon ist eine Art Notlösung - eine Verteidigung gegen Vereinfacher, gegen Logiker wie Marcion im 2. Jahrhundert, gegen jene, die den Rotstift ansetzen, weil es Dinge gibt in der Freiheit der Kirche, auf die man sich keinen Reim machen kann. Es muß uns zu denken geben, daß die westliche Kirche 15 Jahrhunderte ohne definierten Schriftkanon auskam, erst die Reformation hat hier ja den entscheidenden Anstoß gegeben. Und dieser fehlte im Osten, wo es immer noch keinen wirklich verbindlichen Kanon gibt, wir wissen um altorientalische Kirchen, wie die Athiöpier, die selbstverständlich an ihrem Henochbuch festhalten. 
Der Kanon ist offensichtlich nicht exklusiv zu verstehen - sondern gewissermaßen minimalistisch: wenigstens diese Schriften sind unter dem Anhauch des Heiligen Geistes geworden. 
Und genau so sollten wir das Martyrologium, das Verzeichnis der Heiligen, lesen - bei dem und dem Menschen ist die Wirkung der Gnade Christi nicht zu verkennen. Weiter nichts.
Wir erwarten hingegen immer Eindeutigkeit, ja Regelmäßigkeit - Einheitlichkeit und meinen gerade die Universalität sei die große Stärke der katholischen Kirche.
Als ich Student war, begegnete ich bei Ausgrabungen einer großen Gruppe von Studenten der Legionäre Christi. Sie waren sehr diszipliniert und hatten alle den gleichen Anzug an und wie ich später merkte auch alle den gleichen Haarschnitt. Sie bildeten eine phantastische Kompanie, die mir damals allerdings recht unheimlich vorkam. Die Uniformität hat sicher enorme Stärken, aber sie bildet lediglich etwas Äußerliches ab - nämlich die Begeisterung für den Ordensoberen, für die gemeinsam Idee und ähnliches. Man wird einem Ideal nicht ähnlich, weil man sich so anzieht. Wir lösen das Ähnlichkeitsproblem heute technisch gerne durch den plastischen Chirurgen - und doch ahnen wir: jeder der mit Schönheits-OPs beginnt, kann nicht mehr aufhören, denn das angezielte Ideal erreicht man doch nie. 
Die Imitatio Christi ist etwas völlig anderes. Das geht nicht im Handumdrehen, sondern ist ein passiver Prozess, ein Erleiden, indem der Christ er selbst bleibt und doch Züge des Bewunderten annimmt. Vielleicht so, wie man sich die Gangart des Ehepartners annimmt und die Art und Weise, den Kaffee zu trinken. 

Ich bin froh, daß das Christentum das Licht der Offenbarung in einer gigantischen Fensterrosette, gebrochen in Tausenden von Farbtönen widerspiegeln darf und hoffe, daß die mangelnde Uniformität der Heiligen nicht als mangelnde Einheit, sondern als wunderbare Vielfalt von Ähnlichkeiten erfahren werden kann.
Der Druck, Verschiedenheiten, Widerständigkeiten gegen das Einerlei unserer Zeit aufzugeben, ist heute sicher groß, wir sollten ihm nicht vorschnell nachgeben. Derjenige der Christus nachfolgt muß unverwechselbar sein, und zugleich eine immer größere Ähnlichkeit mit Christus erkennen lassen.
Das Paradox des Allerheiligenfestes ist, daß die Gemeinschaft der vielen verschiedenen Heiligen genau auf diese eine Gegenwart Christi verweist, den Eidos, das Urbild, dem sie ähnlich geworden sind, und dennoch unverwechselbar, dem die Vielen nachfolgen, weil er sie zuerst geliebt hat. Amen.

Referenten

Christoph Jan Karlson

Geistlicher Rektor 2007-2011

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