August 2010

Predigt am 22. Sonntag im Jahreskreis
29. August 2010
Lk 14,1.7-14

Nicht das Profil zählt, sondern das Herz

Über die Demut

Das Evangelium, das mit der bekannten Formel von der Selbsterhöhung und der Selbsterniedrigung schließt, ist sehr leicht mißzuverstehen. Man könnte leicht denken, daß Jesus hier die Selbsterniedrigung als eine besonders subtile Form der Selbsterhöhung empfielt. Um ans Ziel zu kommen, wäre es demnach notwendig, immer duckmäuserisch und betont unprätentiös vorzugehen. Aber auch wenn wir nicht in Gefahr sind, dieses Evangelium als eine bloße Benimm-Schule, als antiken Knigge mißverstehen, selbst wenn wir eine tiefe Lebensweisheit darin vermuten, gibt es eine interpretatorische Schieflage.
Ist hier vielleicht doch der Kern einer Kultur des Bloß-nicht-Auffallens zu finden, einer Gleichmacherei, die im Grunde die spezifischen Gaben des Einzelnen in der Masse der Gleichgültigen begräbt? Sind wir nicht in einer gewissen Gefahr, dieses Evangelium zum Vorwand zu nehmen, uns dahinter zu verstecken, eben als Leute, die lieber wie das »Veilchen im Moose« aus dem Poesiealbum agieren und letztlich keiner Verantwortung übernehmen will?
Sollten wir nicht in einer Zeit, in der vor allem Courage gefordert ist, die Geltung dieses Evangeliums einklammern, lieber nach dem Rotarier-Motto »Tue Gutes und rede darüber!« verfahren?

Unser Evangelium stellt eine Lebenshaltung in den Mittelpunkt, die zu wichtig ist, sie dem Belieben zu überlassen. Denn tatsächlich geht es nicht nur um die Frage eines gelingenden Lebens, sondern um die Überwindung einer verbreiteten Haltung der Angst, zu kurz zu kommen, einer Haltung, aus der sich die Maxime speist: »Machen Sie sich unersetzlich!« Wodurch werde ich unersetzlich? Indem ich die Schwächen meines Nächsten ausnutze, die Schwächen meines Vorgesetzten? Indem ich jede nur denkbare Möglichkeit meine Fähigkeiten einzusetzen, ausnutze um mich zu profilieren? Das mag zeitgemäß klingen, aber macht das ein gelingendes Leben aus?
Ich glaube, gerade heute ist die zutiefst evangelische Haltung der Demut, um die es geht, gefordert - gerade weil sie so völlig unzeitgemäß ist. Bei allen geistlichen Meistern spielt sie eine tragende Rolle - Ignatius von Loyola läßt den Exerzitanten vor der wichtigen Wahl die sogenannten »drei Weisen der Demut« betrachten und die Benediktsregel kennt die 12 Stufen der Demut, die das Leben des Mönchs von innen her darstellen.

Worum geht es bei dieser merkwürdigen Lebenshaltung? Es geht eben nicht um das Prestige einer Sache, die mich fasziniert oder einer Aufgabe, die ich übernommen habe, sondern um einen wirklichen und existentiellen Sachbezug. Der heute so selbstverständlichen Haltung der Selbstverwirklichung stellt unser Evangelium eine Haltung der Selbstvergessenheit gegenüber, eine Haltung die man auch als geistige Unabhängigkeit bezeichnen kann.
Es geht um Geduld und Ausdauer und nicht darum, was die Leute darüber denken oder nicht. Bin ich der festen Überzeugung, daß das, was ich tue, sinnvoll ist? Oder tue ich es nur, weil es mir Ansehen, Geltung etc. einbringt?
Wenn ich mich ganz auf meine Lebensaufgabe konzentriere, mich gleichsam darüber vergesse, ganz darin aufgehe, dann ist mir der Status, der damit verbunden ist, egal. Dann kann ich auch bei Niederlagen trotzdem weiterarbeiten. Zwei ganz unterschiedliche Beispiele möchte ich nennen: einmal die Ordensgründerin Mutter Teresa, die vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre. Sie hätte mit ihrem Lebenswerk nie beginnen können, wenn es ihr um Einfluß und Erfolg und Prestige gegangen wäre. Dann wäre sie sicher in den ersten 20 Jahren ihres Experimentes in Kalkutta an sich selbst irre geworden. Nur weil sie die einzelnen Sterbenden und Kranken als Ziel nie aus den Augen verloren hat, konnte sie weitermachen und sogar weiterarbeiten, als der große Ruhm sich einstellte und internationale Anerkennung und Preise eintraten.
Und ein zweites Beispiel aus unserer Zeit ist der allseits unbeliebte Gesundheitsminister. Man kann zu seinem Konzept stehen wie man will, klar ist, daß sie politisch nicht durchsetzbar war. Der Kompromiß, der gefunden wurde, ist eigentlich ein totales Scheitern seiner Reformidee. Wenn es ihm um die Sache geht, darum daß möglichst viele Menschen gut behandelt werden können, dann gibt er nicht auf, sondern sucht nach politischen Lösungen, das verkorkste und völlig überbürokratisierte Gesundheitssystem so zu reorganisieren, daß es wieder funktioniert. Wenn es ihm um seine Person und sein Ansehen geht, muß er eigentlich die Flinte ins Korn schmeißen. Dafür, daß er es nicht tut, gebührt ihm Respekt. Um demütig zu sein, braucht man wirklich Mut, man muß lernen, sich selbst, seine Grenzen und seine Gaben realistisch zu sehen und sich seiner Lebensaufgabe mit Haut und Haar überschreiben.
Das ist nicht einfach, aber wenn wir genauer hinsehen, dann sind diese Menschen, die wenigen Zeitgenossen unter uns, die man als glücklich bezeichnen kann. Sie würden immer sagen: Ich habe doch bloß meinen Job gemacht - und würden trotzdem sich über jedes Lob freuen.

»Wir sollten uns nie für unersetzlich halten. Gott hat seine eigenen Wege...
Er kann zulassen, dass einer begabten und fähigen Schwester alles misslingt. Gott sieht nur die Liebe. Wir können uns in der Arbeit abmühen bis zum Umfallen; wenn unsere Arbeit nicht mit Liebe durchwoben ist, ist sie unnütz.
Gott braucht unsere Arbeit nicht.« (Mutter Teresa)

Wir leben in einer Zeit, in der viele glauben, man müsse sich vor allem ›profilieren‹, das Eigene betonen, sich erkennbar machen nach außen. Das mag durchaus sinnvoll sein, die beste Profilierung aber ist eine Stärkung des Herzens, des Lebenszentrums. Das gilt sowohl für die Kirche als auch für den einzelnen Menschen. Der Mensch, in den man sich verliebt hat, der ist unverwechselbar und einzigartig und genau dadurch unersetzlich. Es gehört eine große Demut dazu, sich einzugestehen, daß es nichts gibt, was mich liebenswert macht, außer die Liebe selbst. Und so ist es auch mit Gott. Wir können ihm nichts bieten, außer seine Liebe zu akzeptieren. Dazu feiern wir nun das Gedächtnis der Hingabe Christi. Amen.

Predigt am 21. Sonntag im Jahreskreis
Lk 13,22-30

Ran!

Die Formulierung «Frohbotschaft statt Drohbotschaft» ist nicht von kirchenkritischen Basisgruppen oder sonst irgendwelchen Leuten erfunden worden, sondern höchstwahrscheinlich von Predigern selbst, Menschen, die es satt haben, immer den moralischen Zeigefinger ausstrecken zu müssen. Eine Grundüberzeugung von Menschen und Medien in unserer Zeit besteht ja darin, daß die Kirche und ihre Vertreter vor allem den Leuten Angst machen, damit sie bei der Stange bleiben und das System weiterläuft wie bisher. Dazu scheint unser Evangelium hervorragend geeignet.
Die Ausgangsfrage nach der Anzahl der Geretteten ist uns aber wohl recht fremd geworden. Vielleicht erinnert diese Frage an eine damals aktuelle Diskussion, die man bei den Essenern führte: nicht das ganze Volk Israel, sonder nur die Mitglieder unserer Gemeinschaft werden als Gerechte vor Gott bestehen können.
Wenn wir also die Frage anders stellen: Wie weit ist der Kreis gezogen? Gibt es eine Heilselite? - dann wird die Sache schon interessanter für uns.
Denn tatsächlich ist die Aussage hier klar: Nicht die Kumpanei, nicht die Korruption öffnet im Nachhinein die Tür. Sondern alle möglichen von Osten und Westen, von überallher sind im Reich Gottes, jene, die fest damit gerechnet haben, bleiben jedoch draußen.

Es geht um die Frage »Was ist mir die Sache wert?« oder »Was sollte ich investieren?« und die Antwort Jesu ist ein »Αγωνίζείσθε!« (Ein Ausdruck mit dem die Sportler in den Arenen der Alten Welt agitiert worden sein dürften. Kämpft! ist die wörtliche Übertragung. »Ran!!!!« ist ,wie ich finde,eine sinngemäße.)
Tun wir das? Ist es überhaupt opportun, solch einen Aufruf heute weiterzugeben? Prallen nicht sämtliche Animierungsversuche seit langem an uns ab?
Wir erleben in Deutschland eine ganz große Ermüdungsphase, die alle gesellschaftlich prägenden Gruppierungen erfaßt hat. Es funktioniert eigentlich alles wunderbar, die Wirtschaft klappert, viele Menschen sind mit einem mittelgroßen Schrecken durch die Krise gekommen. Und in besonderer Weise die Kirche - die Einnahmen sind stabil, die Kirchenbesuchszahlen auch, die Austrittszahlen auch. Das einzige was seit Jahren diskutiert und verändert wird, sind die Personalstrukturen und dem entsprechend auch die Verwaltungsbereiche.
Wir sind eine Gesellschaft und eine Kirche der Planstellen und der Versicherten geworden. Wenn etwas nicht klappt oder schief läuft, dann greifen Umverteilungsmechanismen, dann gibt es Netze und Sicherungssysteme, die korrigierend eingreifen. Zahlst du die Kirchensteuer, so gehörst du dazu; wenn nicht, dann nicht.
Aber es steht nicht in diesem Evangelium: Macht euch keine Sorgen, denn ihr habt den richtigen Paß und das richtige Kennzeichen auf der Lohnsteuerkarte. Natürlich kennen wir das »μὴ φοβεῖσθε«, das »Fürchtet euch nicht!« - aber wir übersetzen es immer mit: »Regt euch nicht auf!«
Gerade heute heißt es im Evangelium: Macht euch Sorgen! Übt! Kämpft, habt Ausdauer! Kümmert euch! Jetzt aber ran!

Ich habe in letzter Zeit vereinzelt beruflich sehr erfolgreiche Menschen getroffen, die genau diese Frage mit sich herumtrugen: Was ist mir Gott eigentlich wert? Die Kirchensteuer, die ich sowieso wieder absetze? Das Anhören einer passablen oder das Erleiden einer miserablen Predigt am Sonntag in der Kirche? Das kann es doch nicht sein!
Bemüht euch mit allen Kräften! das heißt, laßt euch durch das Ziel unseres Glaubens -  die Gemeinschaft mit Gott durch und durch prägen!

Die Tür, von der Jesus spricht, ist er selbst - wie wir es aus dem Johannesevangelium kennen. Es ist kein Auswendiglernen von irgendwelchen Glaubenssprüchen, sondern ein Bemühen um Erneuerung, um Reinigung des Herzens, um eine echte Konversion - eine Hinwendung zu Christus selbst. Das Christentum lebt aus dieser einen Beziehung zum Auferstandenen Herrn. Und diese Beziehung muß immer wieder erneuert werden, dafür sind die sakramentalen Zeichen da, dafür ist das gemeinsame Gebet da und die Heilige Schrift. Die Tür ist eng, weil immer nur ein Mensch hindurchpaßt - jeder von uns hat seine eigene ganz persönliche Beziehung zum Gottessohn und er ist ganz persönlich für diese Beziehung verantwortlich.
Dabei klingt das sehr heilsindividualistisch, ist es aber nicht. Es kann ihm vielleicht von außen geholfen werden, aber nur mittelbar - die Gemeinschaft der Heiligen ist keine Rückversicherungsanstalt, sondern die lebendige Gestalt der Menschen, die sich gemeinsam mühen, die gemeinsam trainieren und die nicht möchten, daß sie alleine am Ziel ankommen. Niemand wird uns verbieten, einem Menschen, den wir lieben den Vortritt zu lassen. Aber mühen müssen wir uns schon - auch auf einem Tandem muß man schließlich strampeln.

Gefallen wir uns nicht in unserem Überdruß, sondern strecken wir uns aus nach dem, der sich nach uns ausstreckt! Ihm dem wir unser ganzes Leben verdanken. Amen.

Predigt an Mariä Himmelfahrt
15. August 2010, 12.00 Uhr

Die Heimkehr Mariens ist ein Fest der ganzen Kirche

Wir haben heute wegen des Sonntags das Glück, das wohl ehrwürdigste Marienfest, mit der längsten Tradition miteinander zu feiern. Wegen seines Alters ist dieses Fest auch eines, das die Konfessionen verbindet. Obwohl es das Fest der Kirche ist, das das jüngste Dogma der Kirche feiert. Erst im Jahr 1950 hat Pius XII. den Glauben der Kirche in Bezug auf den Tod und die Aufnahme Mariens in den Himmel dogmatisiert.

In vielen Ländern ist es ein staatlicher Feiertag. Viele Katholiken wissen vielleicht nicht einmal, daß heute ein so großes Marienfest ist.
Die Reformatoren haben dieses (wie viele andere auch) abgeschafft, weil davon nichts in der Bibel steht.
Das stimmt, aber sie sind dabei nicht konsequent genug vorgegangen, denn an die Todestage der Apostel wird ja - jedenfalls bei den liturgisch interessierten evangelischen Gemeinden durchaus erinnert. Und ich wüßte nicht einen Vers der Hl. Schrift, der über den Heimgang eines Apostels berichtet. Sind wir da nicht vielleicht einem antimarianischen Ressentiment auf der Spur? Der Todestag war in der frühen Kirche der wichtigste Tag im Leben - er wurde und wird im Meßbuch auch heute noch ›Dies natalicius‹ also Geburtstag genannt. Warum sollte man den Todestag der Mutter Jesu nicht bedenken? Daß sie gestorben ist, ist doch zumindest zweifelsfrei. Über Maria steht tatsächlich nur wenig in den Evangelien und noch weniger in den Briefen der Apostel, ja es ist sogar so, daß die Worte, die Maria spricht, meist so dichterisch sind, daß man annimmt, der Evangelist muß ihr diese sozusagen in den Mund gelegt haben. Wir haben gerade einen bekannten Abschnitt aus dem Lukasevangelium gehört: Maria und Elisabeth begegnen einander und der Evangelist läßt dann die Gottesmutter einen altehrwürdigen Gesang anstimmen, der später ganz mit der Person Mariens verschmilzt – weil in ihm in einzigartiger Weise anklingt, was das Geheimnis der Mutter Maria ausmacht.

Wenn man die Predigten der Kirchenväter jedoch liest, dann wundert man sich sehr darüber, wieviel diese jedoch über das Leben Mariens wissen. Dabei gibt es immer wiederkehrende Motive, die in allen Legenden gleich sind und Ungereimtheiten, die sich widersprechen.
Ich möchte ihnen ein paar Verse aus einem Papyrus-Fragment vortragen, das vor drei Jahren von der BBAW herausgegeben wurde. Es wird Wien aufbewahrt wird. Es handelt sich um einen sogenannten Transitus-Bericht, der in koptischer Sprache geschrieben ist. Er ist jetzt in einer kritischen Edition durch Prof. Hans Förster zugänglich gemacht und gleich noch mit einer Frühdatierungsthese versehen worden.

Nach der Himmelfahrt unseres Erlösers zog die Jungfrau Maria mit den Aposteln umher und predigte. Danach führte der Heilige Geist sie den Weg hinauf nach Jerusalem. Es war nämlich die Zeit gekommen, daß die Jungfrau sterben sollte – wie es jedem Menschen auferlegt ist. Denn sie hatte den Lauf vollendet und den Glauben bewahrt. (...)
Es geschah aber am Abend des 20. Tages des Monats Tybi zu der Zeit als die Sonne unterging, da sagte die Jungfrau: Mein Vater Petrus, stell dich zu mir (...) und die Apostel verharrten die ganze Nacht über im Gebet und sangen Psalmen. Zur Mitternacht aber stand Maria auf und betete lange zum Herrn, die Apostel aber blieben hinter ihr. Und nachdem sie das Amen gesprochen hatte, legte sie sich auf das Ruhebett. Und siehe plötzlich verbreitete sich ein starker Duft am ganzen Ort und ein helles Licht erschien im Haus, und Christus trat mit einer großen Schar von Engeln zu ihr – und er sprach zu uns: ›Friede sei mit euch. Freue dich, o Maria, meine Mutter. Friede sei deinem Abschied aus dieser Zeit, in ein anderes wunderbares Licht. Friede sei mit euch, meine gesegneten Apostel.‹
Danach wandte er sich an Maria, seine Mutter, und sprach: ›O Maria, meine Mutter, keine Macht der Finsternis wird zu dir kommen können. (Denn) ich bin das Leben der ganzen Welt.‹

Dieser Text beschreibt in etwa das, was die christlichen Bildermaler seit jeher malen, wenn sie den Tod der Muttergottes darstellen sollen. Im Zentrum stehen Christus und seine sterbende Mutter umgeben von den Aposteln.
Der wichtigste Nebenaspekt dieses schönen Fragments ist jedoch die aktive Rolle, die Zentralität Marias im Jüngerkreis – die Verkündigungstätigkeit, das Gebet und der tiefe Glaube der Mutter Jesu, der aus dem ganzen Text spricht.
Vielleicht können wir hier einen Hinweis auf das  Lukasevangelium sehen? Hier wird sie ja als eine Frau geschildert, die die Großtaten Gottes formvollendet preist und ihren Glauben bekennt. Dem Bekenntnis am Anfang des Heilwegs im Magnifikat entspricht der Glaube Mariens am Ende ihres Lebens. Und das Leben der Muttergottes war ein Leben, das man nicht leicht einem Mädchen wünschen kann. Es ist ein wirkliches Wunder, den eigenen Sohn zu begraben und dennoch den Glauben zu bewahren.
Maria ist nicht das Zentrum unseres Glaubens, aber wenn sie zu ihrem Sohn hintritt, so schmälert das nicht seine Zentralität.
Der christliche Glaube hat eine sehr hohe Meinung von der menschlichen Natur, sie wird nicht zerstört, wenn sie mit Gott in Berührung kommt, sondern sie wird verschönert, vervollkommnet.
Jene Frau, die Christus näher kam als irgendein Mensch, ist damit die Eintrittskarte für uns alle bei Christus. Die Auferstehung ihres Sohnes war kein Schauspiel, das uns vorgeführt wird, sondern wirkt sich aus auf alle Menschen, die daran glauben, die in Beziehung treten zum Herrn. Indem sie seine Geschwister werden, Kinder des einen Vaters im Himmel.
Bitten wir für unsere Freunde und unsere Verwandten, alle die in diesen Tagen im Urlaub sind, um die Kraft des Glaubens der Jungfrau Maria, der sie alle Nöte überstehen ließ und sie ihrem Sohn entgegen trug.
Selig bist du Maria, denn du hast geglaubt, was der Herr dir sagen ließ. Amen!


Predigt am 19. Sonntag im Jahreskreis
8. August 2010, 12:00 Uhr

Hebr 11,1, Lk 12,32ff.

Nur wer liebt, wartet

Ich habe am Freitag ein neues Mobiltelefon bekommen, allerdings funktionierte es erst, nachdem es durch die Betreibergesellschaft aktiviert worden ist. Dazu muß man eine Hotline anrufen. Und das dauert. Man muß endlos warten - ich habe es nicht ausgehalten und bin in einen „Shop“ gegangen und habe persönlich dort vorgesprochen. Dann hat es nochmals eine Stunde gedauert und man konnte telefonieren. Das Warten hat sich gelohnt. Warten ist keine schöne Sache. Unterwegs kommt es vor, daß man anfängt, sich Gedanken zu machen: Vielleicht klappt es überhaupt nicht, vielleicht werde ich zum Narren gehalten?
Über die zweite Lesung hat der Papst in einer seiner schönen Enzykliken eine wichtige Beobachtung hinsichtlich des Wartens, bzw. des Hoffens gemacht. Ich möchte ihnen diese Gedanken kurz noch einmal vortragen:

Im 11. Kapitel des Hebräer-Briefes (Vers 1) findet sich eine Art Definition des Glaubens, die ihn eng mit der Hoffnung verwebt. Um das zentrale Wort dieses Satzes ist seit der Reformation ein Streit der Ausleger entstanden, in dem sich in jüngster Zeit wieder der Ausweg auf ein gemeinsames Verstehen hin zu öffnen scheint. Ich lasse dieses Zentralwort zunächst unübersetzt. Dann lautet der Satz: "Glaube ist Hypostase dessen, was man hofft; der Beweis von Dingen, die man nicht sieht." Für die Väter und für die Theologen des Mittelalters war klar, daß das griechische Wort hypostasis im Lateinischen mit substantia zu übersetzen war. So lautet denn auch die in der alten Kirche entstandene lateinische Übertragung des Textes: "Est autem fides sperendarum substantia rerum, argumentum non apparentium" – der Glaube ist die "Substanz" der Dinge, die man erhofft; Beweis für nicht Sichtbares.
Thomas von Aquin erklärt das, indem er sich der Terminologie der philosophischen Tradition bedient, in der er steht, so: Der Glaube ist ein "habitus", das heißt eine dauernde Verfaßtheit des Geistes, durch die das ewige Leben in uns beginnt und der den Verstand dahin bringt, solchem beizustimmen, was er nicht sieht. Der Begriff der "Substanz" ist also dahin modifiziert, daß in uns durch den Glauben anfanghaft, im Keim könnten wir sagen – also der "Substanz" nach –, das schon da ist, worauf wir hoffen: das ganze, das wirkliche Leben. Und eben darum, weil die Sache selbst schon da ist, schafft diese Gegenwart des Kommenden auch Gewißheit: Dies Kommende ist noch nicht in der äußeren Welt zu sehen (es "erscheint" nicht), aber dadurch, daß wir es in uns als beginnende und dynamische Wirklichkeit tragen, entsteht schon jetzt Einsicht. Luther, dem der Hebräer-Brief an sich nicht besonders sympathisch war, konnte mit dem Begriff "Substanz" im Zusammenhang seiner Sicht von Glauben nichts anfangen. Er hat daher das Wort Hypostase/Substanz nicht im objektiven Sinn (anwesende Realität in uns), sondern im subjektiven Sinn, als Ausdruck einer Haltung verstanden und dann natürlich auch das Wort argumentum als Haltung des Subjekts verstehen müssen.
Diese Auslegung hat sich – jedenfalls in Deutschland – im 20. Jahrhundert auch in der katholischen Exegese durchgesetzt, so daß die von den Bischöfen gebilligte Einheitsübersetzung des Neuen Testaments schreibt: "Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht." Das ist an sich nicht falsch, entspricht aber nicht dem Sinn des Textes, denn das verwendete griechische Wort (elenchos) hat nicht die subjektive Bedeutung von "Überzeugung", sondern die objektive Wertigkeit von "Beweis". Darum ist die neuere evangelische Exegese mit Recht zu einer anderen Auffassung gelangt: "Es kann aber jetzt nicht mehr zweifelhaft sein, daß diese klassisch gewordene protestantische Auslegung unhaltbar ist".[5] Der Glaube ist nicht nur ein persönliches Ausgreifen nach Kommendem, noch ganz und gar Ausständigem; er gibt uns etwas. Er gibt uns schon jetzt etwas von der erwarteten Wirklichkeit, und diese gegenwärtige Wirklichkeit ist es, die uns ein "Beweis" für das noch nicht zu Sehende wird. Er zieht Zukunft in Gegenwart herein, so daß sie nicht mehr das reine Noch-nicht ist. Daß es diese Zukunft gibt, ändert die Gegenwart; die Gegenwart wird vom Zukünftigen berührt, und so überschreitet sich Kommendes in Jetziges und Jetziges in Kommendes hinein. (Spe salvi, cap. 7)

Das Wartenkönnen auf das Verheißene ist die Tugend, die der Hebräerbrief den Gläubigen ans Herz legt. Sich nicht durch das offensichtliche Versagen einzelner entmutigen zu lassen.
Das ist auch das Thema des Evangeliums, das ermutigen möchte mit Einzelsprüchen „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ und mit Beispielen aus der Hauswirtschaft der damaligen Zeit.
Immer geht es um die Abwesenheit des Hausherrn. Aber er bleibt ja der Herr des Hauses - nur kurzsichtige Diener beginnen ein Schreckensregiment in der Zwischenzeit. Nur Mäuse tanzen auf dem Tisch, wenn die Katze aus dem Haus ist.
Wir könnten uns fragen, gerade im Hinblick auf unser Leben, leben wir, als ob es den Hausherrn gar nicht gäbe? Das Wartenkönnen ist eine Frage der Liebe, so wie Eltern schlicht nicht schlafen können, bis ihre Kinder aus der Disco zurück sind. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Bischof Wanke hat einmal den wichtigen Satz gesagt, das was uns heute fehlt, ist die Zuversicht, Menschen für Christus gewinnen zu können. Welche Lampen brennen denn noch? Mir scheint es heute in der Kirche um geordneten Rückzug zu gehen; ganz so als würden wir meinen, der Glaube ist doch für die meisten Menschen sowieso entbehrlich, die kommen schon ganz gut auch ohne zurecht. Und ich stelle mir immer die Frage: Was ist meine Hoffnung für die Menschen in Berlin?
Wir werden in der nächsten Woche eine Reihe von Festtagen haben, die Menschen geweiht sind, die sehr gut als Lampen dienen könnten auch in unserer Zeit: Edith Stein, Laurentius, Klara von Assisi, Maximilian Kolbe - sie alle hatten eine tiefe Gewißheit, daß ihr Leiden ein Festhalten ist, an der Grundlage ihres Lebens. Was ist deine?


Predigt am 18. Sonntag im Jahreskreis
01. August 2010, 12:00

Lk 12,13-21

Nachhaltigkeit im Christentum

Der Evangelist Lukas scheint eine Vorliebe für Geschwisterkonstellationen zu haben. Nicht nur der verlorene Sohn hat einen quengligen Bruder, die tapfere Martha eine intellektuelle Schwester - heute wird ein Moralstück an einer Streitigkeit aufgehängt, die naturgemäß vor allem unter Geschwistern auftritt: Erbstreitigkeiten.
Man erlebt selten einen Heiland, der so barsch auf ein doch legitimes Anliegen reagiert. Er ist nicht bereit, sich in die Rolle des Meisters und Erbschlichters zu begeben, sondern kanzelt den Namenlosen ab - ja unterstellt ihm sogar Habgier.

Schockierendes lukanisches Sondergut
Der Evangelist Lukas ist ein Künstler, der uns mit einer nachfolgenden Beispielgeschichte zeigt, worauf es Jesus tatsächlich ankam. Die Geschichte antwortet auf Fragen des Umgangs mit rechtmäßigem Besitz, auf Fragen der Lebensplanung, auf die Frage der Vorsorge.
Nun formuliert Jesus eine schockierende Geschichte, eine Geschichte, die gerade vor dem Hintergrund der Duisburger Tragödie von der letzten Woche brutal erscheinen muß. Der reiche Bauer denkt zunächst recht praktisch. Iß und trink, und genieße dein Leben! - Du hast ausgesorgt.Dieses Gefühl der Vorbereitung, der Absicherung wird nun radikal zerstört. Gott spricht zum Bauern im Traum und beschimpft ihn als einen Narr. Das ist nicht der „Fußspuren im Sand“-Gott. Was ist das für ein Gott, der da sich scheinbar lustig macht über einen, der Glück hat im Leben?

Aufruf zum Fatalismus?
Vielleicht hilft hier ein Blick auf eine recht verbreitete religiöse Haltung, die auch als reservatio Jakobea, als Vorbehalt des Jakobus (Jak 4,15) mit Deo volente - So Gott will und wir leben ausgesprochen wird und als besonders fromm gilt.
In dem Sinne: es passiert sowieso wie Gott es beschlossen hat. Dazu muß man nicht an die kalvinistische Prädestinationslehre glauben, man kann auch mit dem volkstümlich-islamischen Wort maktub - es steht geschrieben, jede Situation zureichend beschreiben und jede Entscheidungssituation beantworten.
Wirst du gesund oder mußt du sterben? Maktub! Soll ich eine Scheune bauen oder besser nicht? Maktub!

Genau das ist hier nicht gemeint. Sondern es wird eine Zentrierung auf die eigene Person als sinnlos entlarvt. Das hat zunächst gar nichts damit zu tun, ob jemand viel oder wenig Geld hat. Das Geld zum Lebensinhalt werden, sowohl für den der es erträumt, als auch für den, der sich nur noch um dessen Vermehrung kümmert. Daß das letzte Hemd keine Taschen hat, das weiß man auch so, dazu muß man nicht in die Bibel schauen.
Das spezifisch christliche ist eine Form der Nachhaltigkeit unserer Handlungen anzustreben, die über die nächsten Zwecke hinausreicht - also Perspektiven eröffnet, die nicht nur mich selbst, sondern über mich hinaus auch andere, meine Nächsten betreffen, das Große Ganze meines Lebens aber vertrauensvoll in Gottes Hand zu wissen.
Nicht fatalistisch die Hände in den Schoß zu legen, weil Gott sowieso alles immer und jederzeit tun könnte, auf der anderen Seite aber das Ziel meines Daseins in meine Aktivitäten einzubinden, den Horizont nicht aus den Augen zu verlieren.

Verantwortung für Leute, die über den Tellerrand schauen können
In unnachahmlicher Weise hat Abraham a Sancta Clara, dies den Wienern vor Augen geführt:
„Was hat Gregorius Magnus heilig und selig gemacht? Gelt, das Geld?
Was hat Carolus Magnus heilig und selig gemacht? Gelt, das Geld? Was hat Martinus, Elisabeth und unzählbare andere heilig und selig gemacht? Gelt, das Geld? - welches sie aus Mitleiden den Armen dargereicht?
Also wider Erwarten mach das Geld doch selig, jenes nämlich, das wir opfern, statt es zu raffen.“

Das Problem der Habgier ist nicht die Leidenschaft, sondern die mangelnde Klugheit. meint der hl. Thomas. Die Frage, die sich uns stellt, ist schlicht - wo investieren? Was ist sinnvoll? Was meint Jesus mit „reich vor Gott“?
Das kann für den einen ein franziskanisches Leben bedeuten, für den anderen eine große Familie, für den nächsten eine verantwortliche Stellung in einer Firma. Es wäre schön, wenn eine Grundregel der katholischen Soziallehre - Besitz = Verantwortung, wieder ins Bewußtsein käme. Besitz hat überhaupt nichts Unanständiges an sich, sondern nur das verlorene Maß ist unmoralisch. Heute neigen wir dazu, Eigentum zu verstecken, Besitzverhältnisse zu verschleiern, um die Verantwortung nicht übernehmen zu müssen. Das ist viel trauriger, denn damit ist niemandem geholfen.
Dem hl. Ignatius, dessen Fest wir gestern gefeiert haben, wird eine Maxime zugeschrieben, die all das zusammenfaßt: Betet, als hinge alles von Gott ab und arbeitet so, als hinge alles von euch ab - und nichts von Gott. Amen.

Empfehlen

Sie sind der Meinung, Ihre Freunde oder Kollegen werden sich ebenfalls für das Thema interessieren? Dann empfehlen Sie die Seite einfach weiter, indem Sie das folgende Formular ausfüllen und versenden.

Zu versendende Seite:
August 2010




Um Spammissbrauch zu verhindern, bitten wir Sie, folgende Sicherheitsfrage zu beantworten: In welcher Stadt befindet sich die Katholische Akademie in Berlin e.V.? *

Anmeldung zur Veranstaltung:

Um eine effektivere Raumplanung vornehmen zu können, würden wir uns freuen, wenn Sie sich für diese Veranstaltung anmelden. Durch die Angabe Ihrer Mailadresse können wir Sie über kurzfristige Änderungen informieren.




(freiwillig)

An der Veranstaltung nehme/n ich und zusätzlich teil.



Um Spammissbrauch zu verhindern, bitten wir Sie, folgende Sicherheitsfrage zu beantworten: In welcher Stadt befindet sich die Katholische Akademie in Berlin e.V.? *


Katholische Akademie in Berlin e.V., Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin
Tel. (030) 28 30 95-0, Fax. (030) 28 30 95-147