Predigt am 4. Adventssonntag
19. Dezember 2010
Mt 1,18-24

Frucht des Geistes – Ohnmacht des Mannes?

Anmerkungen zur Jungfrauengeburt

Die Texte des 4. Adventssonntags haben zwei Kernaussagen. Eine christologische – die im Namen Jesus oder nach Jesaja Immanuel steckt – und eine mariologische. Beide eine enorme Herausforderung für den Christen in der heutigen Welt. Die erlösungstheoretische ganz bestimmt, denn wer gibt das schon gerne zu, daß Weihnahten etwas mit Sünden zu tun hätte, ganz offensichtlich aber ist der mariologische Topos der Jungfrauengeburt eine richtige Provokation. Wir haben in den Tagen des Advents uns oft zum Mittagsgebet hier versammelt und den Engel des Herrn gebetet. Ein poetisches Gebet, das durchaus in das Weihnachtsgeheimnis einführen kann, wenn da nicht das provokative: „Und sie empfing vom Heiligen Geist etc.“ drinstecken würde. Kllingt natürlich ziemlich katholisch und sehr eigen. Und Weihnachten ist in seinen Details, von den Überzeugungen, die damit verbunden sind (empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria) wird dann  eine Art Bekenntnisfest.

In die durchaus poetische Stimmung des 4. Adventssonntags mischen sich die üblichen Sorgen, die mit diesem Bekenntnischarakter zusammenhängen: wie soll man von einem Wunder sprechen, das eine doppelte Demütigung darstellt?
Die erste ist die Demütigung des Rationalisten, der der Meinung ist, daß es ausschließlich logische und rational nachweisbare Dinge hier auf Erden gibt. Es könnte sein, daß diese Vorstellung eine echte Männerphantasie ist.
Die zweite Demütigung ist erst recht die eines ›Macho‹: des Menschen, der alles, was nicht von Männern geplant ist und für sinnvoll erachtet wird, für lächerlich und eigentlich unnütz hält. Es kann neben dem Wichtigen durchaus spielerische Elemente geben, Handtaschen z.B., aber man sollte diese Dinge nicht zu ernst nehmen: Frauensachen eben.
Beide Haltungen werden aber vielleicht ganz zu recht gedemütigt, denn sie werden der Realität jedoch gerecht: es gibt ja höchst sinnvolle Strukturen von eigener Logik  auf dieser Welt – die Welt der Kunst und der Musik ist so eine.
Und es gibt eine Menge Dinge, die Männer einfach nicht zu schätzen wissen, weil sie nun einmal eine recht beschränkte Weltsicht haben.

Ich vermute, wir haben es beim Thema der merkwürdigen und besonderen Empfängnis und Geburt Jesu mit einer solchen doppelten Demütigung zu tun.  Wir sind es heute gewohnt, dieses Thema einfach zu umgehen, besonders wenn wir Wert darauf legen, intellektuell ernstgenommen zu werden.

Das ist die Reaktion der katholischen Theologie in einer bestimmten Phase ihrer Entwicklung. Die Jungfrauengeburt wird dann zu einem bloß biologischen Thema: und als solches theologisch nicht besonders relevant. Alles, was wir von und über Jesus wissen, würde auch funktionieren, wenn Josef der leibliche Vater seines Ziehsohnes wäre. Allerdings lauert der Arianismus hier auf der Schwelle.
Andere wiederum legen Wert darauf, denn dieses Wunder hat einen starken poetischen Gehalt, der nicht zu leugnen ist – sie verabschieden die Gesetze der Vernunft und verschieben das, was uns Matthäus in seinem ersten Kapitel berichtet, gleich ganz in die Welt der mythischen Erzählungen.
Söding – und mit ihm die eine ganze Reihe heutiger Exegeten – lehnen dies rundweg ab: die Jungfrauengeburt ist kein narrativ ausschmückendes Detail. Wenn man ihr gerecht werden will, muß man in Kauf nehmen, daß es sich seit der Zeit der frühen Kirche gerade nicht um eine Legende, einen Mythos handelt – etwas, das niemals war, aber immer ist – sondern, von den Evangelisten als ein historisches Faktum wiedergegeben wird und als solches ist sie opinio communis und gelangt in die frühen Glaubensbekenntnisse der Kirche.

Das ausschlaggebende Argument ist jedoch für mich eine Frage. Die Frage, warum es so ist, daß es in einer Zeit, in der es wohl vielen Menschen auch in theologischer Hinsicht um Frauenemanzipation geht, genau dieser emanzipierteste aller Momente der Weltgeschichte: eine Frau empfängt geistig – ohne Zutun eines Mannes – in seiner theologischen Relevanz nicht gesehen wird.
Josef wird konzeptionell umhertaumelnd dargestellt: ein gerechter Mann, der lediglich reagierend wirken kann? Die Protagonistin ist die Frau – nicht weil sie besonders konstruktiv ist, sondern weil sie einfach in der Lage ist, zu konzipieren! Die Conceptio  ist hier die Vorraussetzung und Bedingung der Constructio. Eine eindeutige theologische Parteinahme für die Frau! Wir (und mit uns die gesamte Modern) denken immer noch so, als wäre die Constructio Vorraussetzung und Schlüssel zu allem. Wie aber, wenn es umgekehrt wäre?
Und es gibt eine interkonfessionelle Relevanz, ja eine interreligiöse in der Frage der Jungfrauengeburt, die wir beachten sollten, wenn wir uns dem Thema nähern.
Daß Luther und Calvin sich nicht an ihr gestört haben, ja sogar die immerwährende Jungfräulichkeit der Mutter Jesu in ihre Bekenntnistexte (die Schmalkaldischen Artikel und die Konkoridenformel) aufgenommen haben, zeigt entweder deren mangelnde Modernität oder ein waches Gespür für die arianische Gefahr.
Es sind nicht nur die evangelischen Christen, die eigentlich an die Glaubensartikel des heutigen Evangeliums fest glauben müssten, und auch die Muslime glauben nach der koranischen Überlieferung, die zwei verschiedene Überlieferungen der Empfängnis und Geburt Jesu bietet, etwas ähnliches.
Wenn wir also sagen: wir bekennen, daß die Jungfrau Maria, wie Matthäus im Evangelium sagt, vom Heiligen Geist empfangen hat, dann handelt es sich nicht um eine katholische Sonderlehre, dann wiederholen wir nur etwas, das die überragende Mehrheit der Weltbevölkerung und auch der in dieser Stadt Berlin lebenden Menschen fest zu glauben haben.

Wie dem auch sei: noch fester glauben viele Menschen wohl an die männlichen Mythen der Allmachbarkeit und Allzeugbarkeit.
Zumindest den Machbarkeitswahn der Moderne, dem nicht nur unser Verhältnis zur Schöpfung zum Opfer gefallen ist, ganz deutlich infrage zu stellen, sollte uns in den Tagen vor Weihnachten eine Lehre sein, denn das versteht auch der letzte: echte Freude, ein fröhliches Weihnachtsfest, kann man vielleicht aufwendig vorbereiten, jedoch niemals machen. Wir können nur schlicht einwilligen in das, was sich zeigt. Wenn wir aber diese adventliche Haltung der Empfänglichkeit eingenommen haben, so gut es geht, dann wird auch der, der niemals konstruiert werden kann, sondern immer nur in unserer Einfachheit und großer Armut empfangen werden kann, sich ganz sicher auch uns schenken. Amen.


Predigt am 3. Adventssonntag 
12. Dezember 2010,
Jes 35,1-6a.10; Jak 5,7-10; Mt 11,2-11

Zwei Arten des Wartens

Über das Wartenkönnen und das Wartenmüssen können wir viel erfahren in den Lesungen des 3. Adventssonntags. Es handelt sich auf den ersten Blick um eine bloße Nuance. Sie reicht von dem herablassenden »Ich kann warten!« des Lehrers an der Tafel, die sehr grün und sehr leer ist und sich nicht mit den geforderten Zahlen- und Buchstabenreihen füllen will, bis zum gequälten »Wie lange müssen wir denn noch warten!« der durchfrorenen Menschen auf zugigen Bahnsteigen, auf denen die Wartehallen wegrationalisiert worden sind. 
Die zentrale Frage des Täufers im heutigen Evangelium ist die eines Warten-müssenden: »Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?«
Diese Frage ist doch merkwürdig. Warum war er plötzlich verunsichert? In der Wüste war alles noch eindeutig und nun im Gefängnis überfallen den Täufer etwa Zweifel? Johannes war berühmt – den Friedensnobelpreis hätte er vielleicht nicht bekommen – zu unbequem war seine Botschaft. Über das Für und Wider der Täuferfrage haben die Theologen sehr viel gestritten, ob sie historischer, rhetorischer oder gar pädagogischer Art gewesen sei. Das können wir nicht rasch entscheiden. Aber die Erwartungen, die Johannes hatte, über die sind wir durchaus unterrichtet: die Ankunft des Messias bereitet das Reich der Gerechtigkeit vor. Diese Herrschaft wird als eine Vergeltung gesehen, eine scharfe Trennung der erlösten Schar von denjenigen, die sich von Gott abgewendet haben, die so getan haben, als sähe er nicht, was sie tun. Der Messias ist einer, der aufräumt. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Auch wir haben unsere Erwartungen. Im vergangenen Jahr konnten wir erleben, wie Erwartungen an die Kirche in einem schlimmen Ausmaß enttäuscht wurden. Im vergangenen Jahr sind die Verzagten unter den Christen wieder mehr geworden: zu schwerwiegend waren die Ereignisse, bedrückend die Geschichten, die nur ansatzweise ans Tageslicht kamen. Stellt sich die Frage des Täufers nicht wie von selbst? Muß man nicht nachdenklich werden und fragen: Muss ich mich nicht vielleicht doch mit meinen Fragen an einen anderen wenden? 

Eine Antwort ist das nicht, was Jesus den Johannesjüngern entgegnet. Anstelle eines eindeutigen Messiasbekenntnisses werden die »Werke des Christus«, wie es heißt, aufgezählt – sie werden als Zitate aus den Prophezeiungen des Jesajabuches präsentiert. Jeder, der die Schrift kennt, hört diese Weissagungen heraus. 
Diese Voraussagen wirken auf uns reichlich märchenhaft, sie dringen kaum noch in unser Herz. Warum ist das so? Wenn es um Prognosen geht, so sind wir fast nur Schreckensszenarien gewohnt. Die einen werden medial verstärkt, wie der gescheiterte Klimagipfel in Kopenhagen im vergangenen Jahr, die anderen mit einem Achselzucken quittiert, wie der Klimagipfel in Mexico. Was die Prognosen der Wissenschaftler alle miteinander verbindet ist ihr Pessimismus. Es ist alles noch relativ offen, aber auf jeden Fall wird es schlimm enden, ob es das Wetter ist, ob es die Währungsstabilität ist etc. etc. 
Jesus beantwortet die Täuferfrage nicht direkt. Die Predigt des Täufers mit ihren Fragen, die so menschlich und so ehrlich sind, wischt er nicht einfach weg. Ja es ist sogar so, daß sie nicht einmal korrigiert wird: »Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben als Johannes den Täufer.« lautet das Loblied Jesu auf den Täufer. Und wir könnten uns fragen, ob wir nicht auch auf den warten, der aufräumt, der die schreienden Ungerechtigkeiten dieser Welt richtet, der ein Projekt präsentiert, bei dem es sich lohnt, mitzuarbeiten, einen echten Neuanfang – reinen Tisch.

Der Gaudete-Sonntag ist ein Hoffnungssonntag. Er möchte die Verzagten ermutigen und trösten, weil er weiß, daß es ein zerstörerisches Warten gibt. Das Warten – ohne das  es kein Weihnachten gibt - kann mißlingen. Und er möchte daran erinnern, daß Weihnachten ein Fest der Freude und nicht der Vergeltung ist. Unterwegs kann man schon einmal ungeduldig werden, anfangen, an den Schwächen der anderen zu zweifeln. 
Deshalb ist es wichtig, auf die Werke des Christus zu schauen, sie wahrzunehmen, damit aus dem Wartenmüssen ein wirkliches Wartenkönnen wird, wie es der Jakobusbrief eindrücklich fordert: »Klagt nicht übereinander, damit ihr nicht gerichtet werdet.« Der Messias, auf den sich Johannes nicht eingestellt hatte, ist einer der den Neuanfang wagt, ohne reinen Tisch zu machen, er ähnelt eher dem Arzt, eher dem Schnee, der sanft niederfällt und den Unrat unter sich verbirgt, als dem Feuer, das alles Schlechte verzehrt. Die Werke, die Jesaja dem Friedenskönig beiordnet,  zeigen das messianische Reich an, das durch die Person Jesu, seine physische Nähe in diese Zeit einbricht. Sie zeigen keine Vergeltung, sondern Heilung. Aber auch bei der sanften Erscheinung des Heilands gibt es durchaus ein Moment der Entscheidung, wirkliche Freiheit: »Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt.« Selig,  wer sich nicht enttäuscht abwendet von mir, weil meine Forderungen unverständlich sind. Selig wer nach der langen Zeit des Wartens, damit umgehen kann, daß ich die Herzen reformieren will und eben nicht bloß ein paar Strukturen. Der Heiland des Advents ist einer, der die Herzen der Menschen so heilen will, daß sie weit werden, so weit wie die Herzen der Kinder. 
Ein Mensch der zu seinem kindlichen Herzen zurückgefunden hat, ist einer, der wirklich warten kann.

Der russische Filmemacher Andrej Tarkowskij lässt seinen letzten und - wie er sagt - wichtigsten Film ›Opfer‹ mit einem beeindruckenden Prolog beginnen, der in gewisser Hinsicht gut die besondere Erwartungshaltung zeigt, die der Advent uns immer neu lehren will. 
Der Hauptdarsteller Alexander, ein agnostischer Schauspieler, der sich in einem Haus an der Ostsee zur Ruhe gesetzt hat, richtet eine trockene, windschiefe Kiefer auf und erzählt dabei seinem kleinen Sohn eine russische Legende: 
Vor sehr langer Zeit lebte ein Mönch, der auf einem Berg einen trockenen Baum in die Erde steckte – genau so. Und zu seinem Schüler Johann sagte der Mönch, er solle diesen Baum täglich wässern, bis er zum Leben erwachen würde. Und so füllte Johann jeden Morgen in aller Frühe einen Eimer mit Wasser und machte sich auf den Weg und wässerte den Baum und am Abend ging er zurück ins Kloster. So ging es drei ganze Jahre lang. Und eines schönen Tages kam er auf den Berg und sah, daß sein ganzer Baum übersät war mit Blüten.

Angesichts des Kindes verbietet sich jeglicher Pessimismus. Das Kindliche am Christentum – das ist seine große Stärke: das kleine Mädchen Hoffnung, das zwischen den alten Tanten Glaube und Liebe herumspielt, wie Péguy es sagt. Im Symbol des Kindes, das warten kann, ruht seine alles erneuernde Kraft, die Kraft, nach der wir uns im Advent so sehnen.
»Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. Sprecht zu den Verzagten, seid stark! Fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!« Amen.



Predigt am 2. Adventssonntag
5. Dezember 2010 
Jes 11,1-10; Mt 3,1-12

Die prophetische Dimension des Advents

Was sind das für Gestalten, die uns am zweiten Adventssonntag vor Augen geführt werden? Der Prophet Jesaja, der von einem Sprößling spricht, der zum Richter, zum weisen Friedensherrscher wird und der Prophet Johannes, der in der Wüste lebt, zur Umkehr aufruft, vor allem jene, die gar nicht zu wissen scheinen, was das ist: Umkehr.
Handelt es sich um Radau? Eine gleichsam reinigende Provokation? Oder – wie Paulus meint - um ein Mittel zur „Geduld und zum Trost“ (Röm 15), doch nicht etwa um Poesie für Zukurzgekommene in Zeiten der Gier? Vertröstung?

Mir geht in diesen Tagen das Bergunglück von San Jose in Chile nicht aus dem Sinn, gestern am Festtag der hl. Barbara haben sicher die Bergleute ganz besonders dankbar in aller Welt an diese Rettung im Oktober gedacht, die wie ein Wunder war. Wir erinnern uns vielleicht an die Bilder von den Bergmännern, die so lange unter Tage gewartet haben und dann mit Sonnenbrillen auf der Nase und T-Shirts mit dem Aufdruck „Gracias Señor!“ ihre Familien umarmten vor den Augen der Weltöffentlichkeit.
Das waren Szenen, die uns zutiefst anrührten, die meine ich aber nicht. Sondern ich denke an die ersten 17 Tage, an denen die Kumpels keinen Kontakt zur Außenwelt hatten. In 600 Meter Tiefe gibt es wahrscheinlich keine Möglichkeit Klopfzeichen zu senden. Eine Zeit bangen Wartens. Eine Zeit in der die Speisen extrem rationiert werden mußten, zwei Löffel Thunfisch am Tag. Es gab da einen Bergmann, der die Rationierung vornahm, der die Disziplin überwachte und die Kumpel aufmunterte. Es war jener, der sich als letzter hinaufholen ließ. 
Woher hatte er die Kraft, den anderen zu sagen, sie würden schon gefunden werden, es sei nur eine Frage der Zeit? 
Hatte er hellseherische Fähigkeiten? Wie konnte er ahnen, daß es in Texas einen Unternehmer geben würde, der sich die Konstruktion der Rettungskapsel einfallen ließ – ein Traum brachte ihn auf die buchstäblich rettende Idee. 

Er hatte, eben wie Jesaja, die Kraft, die Dinge zu erfassen wie sie sind, sich vor den Realitäten nicht zu verstecken, und noch ein bißchen mehr. 
Er vertraut darauf, daß die Familien oben alles nur Menschenmögliche unternehmen würden, und sie eben nicht vergessen würden, sie nicht aufgeben würden. 
Natürlich kommen einem in solchen Situationen die merkwürdigsten Dinge in den Kopf: Wir haben uns gestern noch gestritten. Sie wird sich vielleicht doch recht schnell trösten, daß ich nicht mehr da bin, usw. Der Capitano aber zerstreut vermutlich diese Bedenken: Ja, es gibt diese Unsicherheiten und die Angst. Aber sie dürfen uns nicht überwältigen. Denn es gibt den Tag der Rettung und die da oben lassen uns nicht im Stich, sie werden es schaffen! 
Das führt uns in die Richtung, die uns die Haltung eines Propheten verstehen lässt, die ahnen lässt, was Menschen dazu treibt, anderen Menschen von ihren Visionen zu erzählen. Sie zu trösten, zu ermutigen, sie zu stärken in ihrer Angst. 

Nun könnten Sie sagen, wir sind doch gar nicht eingeschlossen in einem Bergwerk, unsere sozialen Kontakte sind wunderbar! Dunkelheit? Nie davon gehört! Das ist die Haltung der vermeintlichen Sicherheit, die Johannes der Täufer so vehement kritisiert: Wir haben doch Abraham zum Vater! Früher hieß das: wir haben doch die D-Mark! 
Wenn wir uns mit diesen Sicherheiten zufrieden geben, dann ist Weihnachten eine bloße Geschichte, dann ist der Tag der Rettung für uns eine lächerliche Vertröstung der Zukurzgekommenen, dann können wir Weihnachten ruhig auf den Bahamas verbringen, mit einem Gläschen Champagner in der Hand.
Wenn Sie aber meinen, so weit weg von diesen armen Bergleuten bin ich gar nicht. Es gibt eine Menge Unwegsamkeiten, Schwierigkeiten, die auf meinem Leben lasten, wie 600 Meter Gestein über mir. Und manchmal habe ich das Gefühl, meine Klopfzeichen gehen ins Leere. Vielleicht hat Gott mich aufgegeben, er denkt nicht mehr an mich.
Dann lesen Sie vielleicht noch einmal die Passage aus Jesaja 11 oder sehen sich die trockene Wurzel an, die auf ihre Blüten wartet. Oder betrachten Sie ihren Barbarazweig, die kleinen Knospen, denen man eigentlich nicht viel zutraut. 
Zum Advent gehört neben der Schärfung der Sinne, neben der Achtsamkeit auf die Zeichen der Zeit eben auch ein tiefes Vertrauen in die Treue Gottes. Gott arbeitet sich vor, durch sehr viel Gestein hindurch bis in unser Herz. Wir müssen nur ein wenig Geröll beiseite schieben. Ebnet ihm die Straße! Da ist nur wenig mit gemeint. Vor allem aber die Hoffnung und das Vertrauen, dass er wirklich durchkommt, durch die Wüsten unserer Zeit. Der Retter hat uns nicht vergessen – er gibt uns nicht auf. Amen.



Predigt am 1. Adventssonntag
28. 11. 2010 
Röm 13,11-14; Mt 24

Die kommende Katastrophe und unsere Sehnsucht - wonach?

Krisenszenarien
Die Texte, die uns in die 1. Adventswoche einstimmen wollen, scheinen den Erwartungen zu widersprechen. Wir sind es vielleicht auch müde, von Katastrophen und Bedrohungen zu erfahren, selbst wenn sie heraufbeschworen oder angekündigt sind. Im vergangenen Jahr beschäftigten sich jene, die glauben, sie müssten für die Masse mitdenken vor allem die Prognosen über die Erderwärmung – dann rätselten die Experten, wie sehr die Finanzkrise auf die Wirtschaftsunternehmen durchschlagen würde. Alles wurde zur Krise – bis es dann zeitgleich zur Kirchenkrise reichte, die nicht auf die Finanzkrise, sondern auf die Sünden einiger vor zwanzig bis vierzig Jahren zurückgeht. 
Wir haben uns vielleicht zu schnell einen Schutzpanzer angelegt, wenn es um Krisen geht. Aber mir geht es so, dass ich das Wort kaum noch hören kann. 

Müdigkeit
Die Geste, gegen die sich unser Evangelium richtet, ist die des Abwinkens. Ja, es ist eine einzige Katastrophe, wenn wir den Nachrichten glauben. Die Staatshaushalte sind nahe dran zu kollabieren - einer nach dem anderen; die Integrationsbemühungen scheinen halbherzig, in Korea spielen irrwitzige Diktatoren mit ihren militärischen Muskeln, im Nahen Osten entlädt sich der Hass gegen die christlichen Minderheiten. Ausweglos. Sollten wir einfach abwinken, uns zurückziehen, die Kerzen am Adventskranz anzünden, ein wenig Gebäck dazu?

Sehnsucht
Diese Reaktion erscheint vielleicht verständlich, doch ist sie für den Christen unmöglich. Angesichts der Botschaft eines liebenden Gottes muß sie zynisch genannt werden. Die Botschaft von der Herrschaft des kommenden Gottes finden wir im Evangelium zuhauf, meist auch etwas angenehmer formuliert, z.B. als Schatz im Acker, den man ganz zufällig findet oder als Perle, die man sein Leben lang gesucht hat. Es geht immer um die Sehnsucht dabei, die Sehnsucht, die die Aufmerksamkeit schärft, die gleichsam sensibilisiert, für die kleinen Zeichen der Hoffnung, die neuen Blätter des Feigenbaums (Mt 24).
Die Haltung des Advent ist eine christliche Grundhaltung, die versucht, die Realitäten wahrzunehmen und eben dabei nicht zynisch zu werden. 
›Bedenkt die gegenwärtige Zeit: es ist Zeit, aufzustehen vom Schlaf.‹ schreibt Paulus an die Römer um ihnen Mut zu machen. Das Christentum hat seine alles verwandelnde Kraft, die aus der Lebensgemeinschaft mit Christus in der Taufe kommt, nicht trotz der katastrophalen Realitäten, sondern genau in diesen Realitäten. Die Haltung des adventlichen Christseins ist mehr als nur eine Sehnsucht im Herzen. Beim Schatz im Acker kann ich die Hebung noch aufschieben, sorgfältig planen. Man könnte vielleicht sagen, ich habe die Entscheidung noch gewissermaßen in der Hand. Gegen dieses Mißverständnis richtet sich unser heutiges Evangelium: die Wirklichkeit, für die ich mich entscheiden muß, ist sehr viel größer als wir und sie läßt sich nicht aufschieben.
Vielleicht ist es ein wenig so, wie als würde die Aufmerksamkeit durch die Bedrohung geschärft, so wie durch die Nachrichtenmeldungen von einem kommenden Terroranschlag. 
Jemandem, der keine Liebe hat, dem alles um sich herum egal ist, der wird durch keinen Nachrichtendienst der Welt aufgerüttelt werden. Aber jemand, der sich sorgt um einen Menschen, dem etwas liegt an seiner Heimat, weil er hier unschätzbare Erfahrungen machen durfte, jemand, der sich gebunden hat, an eine Familie, der wird wachen. Der wird sich sagen: ›Ich lasse mir das nicht und von niemandem nehmen.‹ 

Zeit des Morgensterns
Wir haben schon zu viel aufgegeben. Wir haben vielleicht schon zu viel mit den Achseln gezuckt, uns zu viel ausreden lassen. Gegen diese Müdigkeit rennt Paulus an: Nein, das Heil entfernt sich nicht mit jedem Tag von uns, es liegt nicht in der Vergangenheit, sondern es kommt tagtäglich auf uns zu. – Wir wissen nicht den Tag noch die Stunde. Und deshalb wollen wir so leben, daß wir nicht überrascht werden. 
Das heißt nicht, laßt uns nett sein, wie mir kürzlich eine Ordensfrau sagte. Sondern Advent heißt: ›Laßt uns wach sein.‹ Laßt uns gegen die allgemeine Müdigkeit ankämpfen, die meint, es wäre ja schon alles verloren. Man könne sowieso nichts mehr machen.
Der Advent gleicht daher nicht so sehr, dem abendlichen Benommensein, einer Müdigkeit, die vielleicht noch durch Glühwein verstärkt wird, sondern der Advent ist die Zeit des aufgehenden Morgensterns, der die Kraft hat, die Dunkelheit zu zerstreuen. Er ist die stille und privilegierte Zeit des Gebets. Die Zeit der Sammlung und der Konzentration, die Zeit der Wachsamkeit, die auf jedes noch so kleinste Zeichen reagiert. 
Es gibt keine adventliche Struktur, Strukturen laden immer ein, sich auf sie zu verlassen, sie schläfern immer ein, machen die Situation sicher und unproblematisch. Es gibt nur adventliche Menschen – Wächter, die um die Kostbarkeit ihres Besitzes, die Einzigartigkeit ihrer Beziehungen, ihrer Freundschaften wissen und die diese verteidigen. Die auf der Suche sind, nach Neuem, die sich ausstrecken nach mehr. Dazu möchte der Advent einladen – sich auszustrecken nach mehr, nach dem einzigen, nach dem es sich auszustrecken lohnt. Komm, Herr Jesus! Marana tha!

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