Samstag, 26.03.2011, 09.45-15.00 Uhr

Patientenverfügung

Nr. 32 - Das Gesetz und seine Folgen im Krankenhausalltag

Workshop Medizinethik

2009 wurde nach langer Diskussion das "Gesetz zur Patientenverfügung" verabschiedet. Wie sind die Erfahrungen mit der Neuregelung in den Krankenhäusern? Und welche Handlungsoptionen ergeben sich im Konfliktfall aus einer christlichen Perspektive?

Würde, Wille, Wohl

Tagungsbericht von Adelheid Müller-Lissner

?Jeder Einzelne in diesem Raum wird sterben.? Es war sehr still im gut besuchten Saal der Katholischen Akademie, als Dr. med. Matthias Gockel seinen Vortrag mit diesen Worten schloss. Der Leiter der Palliativstation am Helios-Klinikum in Berlin-Buch sprach am 26. März im Rahmen des 32. Workshops Medizinethik, den die Evangelische Akademie zu Berlin, die Katholische Akademie in Berlin und das St. Joseph-Krankenhaus Tempelhof in bewährter Tradition gemeinsam veranstalteten.  Diesmal hieß das Thema ?Patientenverfügung. Das Gesetz und seine Folgen im Krankenhausalltag?.
Mit dem 3. Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts wurde im September 2009 mehr Klarheit geschaffen, was den Stellenwert vorab geäußerten Wünsche von Patienten betrifft, die ihren Willen in einer konkreten Behandlungssituation nicht äußern können. Schriftliche Festlegungen für diesen Fall, den viele Menschen fürchten, haben nach dem Willen des Gesetzgebers  entscheidendes Gewicht. Der Betreuer ist angehalten, ihnen ?Ausdruck und Geltung  zu verschaffen?. Neu festgelegt wurde, dass solche Festlegungen ?unabhängig von Art und Stadium der Erkrankung? gelten. Ihre Reichweite ist also nicht auf Fälle begrenzt, in denen der Tod angesichts einer unheilbaren Erkrankung  unaufhaltsam ist.
Allerdings lassen sich schriftliche Verfügungen in vielen Fällen nicht auf die konkrete Situation anwenden. Palliativmediziner Gockel attestierte der Mehrzahl der Dokumente  sogar ?eine gewisse Schwammigkeit?.  Im Extremfall enthalten sie nur allgemeine Formulierungen wie ?Ich möchte auf keinen Fall an Schläuchen und Apparaten hängen?. Nähme man das ernst, so würde es auch bedeuten, dass Schmerzen in der letzten Lebensphase nicht mittels einer Pumpe gelindert werden dürften, die Schmerzmittel unter die Haut leitet.
?Patientenverfügungen müssen immer interpretiert werden?, sagte beim Workshop auch der Hamburger Jurist und Medizinrechtsspezialist Dr. jur. Oliver Tolmein. Immerhin seien die Schriftstücke oft ?Türöffner? für die Gespräche mit den Angehörigen, so berichtete Gockel.  ?Reden, reden, reden?, so lautet seine Empfehlung ? auch für den Fall, dass keine schriftliche Willensbekundung des Kranken vorliegt. Denn dann geht es darum, anhand früherer Äußerungen des Betroffenen, anhand seiner Wertvorstellungen und eventuell auch seiner religiösen Orientierung für die konkrete Situation seinen mutmaßlichen Willen zu ermitteln.
Das versuchen auch die 54-jährige Frau Lehmann und ihr Sohn Johnny, deren Ehemann und Vater seit drei Tagen wegen einer schweren Lungenentzündung auf der Intensivstation eines Krankenhauses liegt. Seine Grunderkrankung: Lymphdrüsenkrebs, der schon mit Strahlen- und Chemotherapie behandelt wurde. Er wird künstlich beatmet, nun haben auch seine Nieren versagt, sodass die Ärzte eine Dialyse in Betracht ziehen. ?Ich glaube, dass er das so nicht gewollt hätte?, sagt seine Frau. Johnny ist anderer Meinung. ?Ich weiß, dass Papi jetzt noch nicht sterben will, er ist doch eine Kämpfernatur.?
Mit dieser kleinen Theaterszene aus dem wirklichen Leben war es dem Arbeitskreis Ethische Anspielungen zu Beginn der Veranstaltung gelungen, die Ratlosigkeit der Angehörigen eines nicht einwilligungsfähigen Schwerkranken zu veranschaulichen. Immerhin hat der fiktive Herr Lehmann in Anbetracht seiner Krebserkrankung schon vor einigen Monaten eine Patientenverfügung verfasst und seine Ehefrau für den Fall der Fälle als Bevollmächtigte eingesetzt.  Gerade weil es unmöglich sei, sich über alle Eventualitäten sachkundig zu machen, sei ein solcher Bevollmächtigter als ?guter Sachwalter? wichtig,  urteilte später Prof. Dr. med. Thomas Poralla, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am St. Joseph-Krankenhaus. 
Auch in den Augen von Rechtsanwalt Tolmein ist es ein empfehlenswerter, sicherer Weg, einen Bevollmächtigten zu benennen - oder auch einen Betreuer, der im Ernstfall allerdings in seiner Funktion noch vom Gericht bestätigt werden muss. Im Regelfall komme es heute nicht zu Konflikten zwischen Arzt und Betreuer oder Bevollmächtigtem, nur in Ausnahmefällen müsse ein Gericht eingeschaltet werden, so die Erfahrung des Anwalts.  Regelungsbedarf sieht der Jurist allerdings noch hinsichtlich psychiatrischer Patienten und für die Betreuung von Kindern und Jugendlichen.
?Durch die Möglichkeiten, die uns das Gesetz bietet, ergibt sich Beratungs- und Informationsbedarf?, sagte der Philosoph Dr. phil. Arnd May, der seine Doktorarbeit über Patientenverfügungen geschrieben hat und im Zentrum für Angewandte Ethik in Recklinghausen arbeitet.  Im Rahmen eines Forschungsprojekts macht das Zentrum derzeit am Uniklinikum Aachen ein Beratungsangebot.  Auf Wunsch wird dabei auch die Aussagekraft von  Vorsorgedokumenten geprüft, die die Ratsuchenden mitbringen. ?Eine Tätowierung, auf der ?Do not resuscitate? zu lesen ist, reicht hier sicher nicht aus?, sagte May. ?Und das schon allein, weil die Unterschrift fehlt.? May ermuntert alle Einrichtungen, von sich aus auf Patienten und Angehörige zuzugehen und ihnen Rat anzubieten. ?Man sollte als Einrichtung nicht auf die Nachfrage seitens der Betreuer warten?. Mays Resümee: ?Ich bin froh, dass es das Gesetz in der vorliegenden Form gibt. Es steckt einen Rahmen ab, den ich ausschöpfen kann, aber nicht muss.?
Skeptiker wenden immer wieder ein, eine Patientenverfügung mache ihren Verfasser zum Sklaven früherer Wünsche. Was ist zum Beispiel mit einem Menschen, der verfügt hat, bei ihm solle eine schwere Lungenentzündung nicht behandelt werden, falls er zu diesem Zeitpunkt schwer dement sein sollte?  Der nun seit Jahren an Alzheimer leidet und  trotzdem ausgesprochen lebenslustig wirkt? ?Es muss skrupulös ermittelt werden, ob sich an der Einstellung dieses Menschen etwas geändert hat?, forderte Prof. Dr. theol. Andreas Lob-Hüdepohl, Präsident der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er betonte, die Person sei prinzipiell offen für Entwicklungen.  Als ?durchtönendes Wesen? stehe sie dabei immer im ?zwischenmenschlichen Interaktionsgeschehen?.  Aus christlicher Sicht gebe es für den Menschen, der von Gott mit Autonomie ausgestattet sei, eine ?Selbstverfügungspflicht?.  Eine Möglichkeit, ihr vorsorglich nachzukommen, liege in der schriftlichen Abfassung  einer Verfügung.  ?Exklusiv katholische? Patientenverfügungen gebe es nicht, so der Theologe, ?aber es gibt durchaus spezifisch christliche Hintergrundannahmen im Verständnis des Sterbens als Teil des Lebens?.
Wie Palliativmediziner Gockel empfindet der Theologe solche schriftlichen Willensäußerungen als Hinweise für alle Beteiligten und als hilfreichen Ansatz für ausführliche Gespräche.  Deshalb werde der Ansatz auch von den christlichen Kirchen gefördert. Allerdings könne ein Mensch seiner Pflicht zur Selbstbestimmung auch nachkommen, indem er sich ausdrücklich und vertrauensvoll in die Obhut anderer begebe ? also zum Beispiel eine Vorsorgevollmacht ausstelle.
Eine solche Vorsorgevollmacht empfiehlt auch Prof. Dr. med. Christian Grohé, Chefarzt der Klinik für Pneumologie an der Evangelischen Lungenklinik in Berlin-Buch, seinen meist schwerkranken Patienten.  Zudem wird in dieser Klinik bei der Aufnahme regelmäßig gefragt, ob eine Patientenverfügung vorliegt. ?Wir haben etwas entwickelt, das wir vorausschauende Kommunikation nennen?, sagte der Lungenspezialist.  Auch für jedes  Pflegeheim sei es unverzichtbar, den Patientenwillen zu kennen, ergänzte Dr. med. Andreas Schilling, Ärztlicher Koordinator der Zentralen Notaufnahme des St. Joseph-Krankenhauses. Diesen Willen zu respektieren, würde in vielen Fällen bedeuten, den Bewohner eines Pflegeheims erst gar nicht in ein Krankenhaus einzuliefern.
Hauptaufgabe von Patientenverfügungen sei es allerdings nicht, den Mitarbeitern im Krankenhaus das Leben leichter zu machen, betonte die Diplompflegepädagogin Andrea Reeck, Qualitätsbeauftragte am St. Joseph-Krankenhaus.  Sie brachte damit auf den Punkt, was während dieses inhaltsreichen Workshops immer wieder deutlich wurde: Dass auch das Sterben zum Leben einer einzigartigen Person gehört, deren Wille und Wohl im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen müssen.  Der Dichter Rainer Maria Rilke wünscht sich in diesem Sinn für jeden Menschen seinen ?eigenen Tod?: ?Das Sterben, das aus jenem Leben geht, / darin er Liebe hatte, Sinn und Not.?

Ort: Katholische Akademie in Berlin

Referent

Dr. Martin Knechtges

Philosophie, Junge Akademie, FUGE Journal

Kooperationspartner

Evangelische Akademie zu Berlin

Charlottenstr. 53/54
10117 Berlin
http://www.eaberlin.de


St. Joseph-Krankenhaus

Bäumerplan 24
12101 Berlin
http://www.sjk.de

Veranstaltungskontakt

Katholische Akademie in Berlin e.V.
Hannoversche Str. 5, 10115 Berlin

Tel. (030) 28 30 95-0
Fax (030) 28 30 95-147

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