Christoph Jan Karlson
1973 in Berlin-Mitte geboren, wurde meine Jugend von zwei Selbstverständlichkeiten geprägt: der unüberwindlichen Berliner Mauer um mich herum und der Kraft des katholischen Glaubens in meiner Familie. Als ich 17 wurde und mich auf das Abitur vorbereitete, brach die eine Selbstverständlichkeit, die jeder bis dahin für völlig real gehalten hatte, mit dem System, das sie symbolisierte, in sich zusammen, während die andere mich immer stärker anzog.
Rom
So ging ich 1991 aus Berlin weg, um im Norbertuswerk in Magdeburg die Alten Sprachen nachzuholen und dann in Erfurt das Theologiestudium zu beginnen. Die Leitung des Priesterseminars, schickte mich dann 1994 ans Germanicum in Rom, ein traditionsreiches, von Jesuiten geleitetes deutsch-ungarisches Kolleg, in dem ich eine geistlich und kulturell tief prägende Zeit erleben sollte. Rom hat mir gezeigt, wie weit und vielfarbig die katholische Ausprägung des Christentums sein kann. Ich begann die Menschen zu verstehen, die „römisch“ und „katholisch“ schlicht für eine Tautologie halten.
Berlin
2000 kehrte ich von dort zurück nach Berlin, mit der Priesterweihe (1998) ausgestattet und eine philosophische Lizenziatsarbeit über Daniel Dennetts Naturalisierungsprogramm im Gepäck. Mein Weg führte jedoch nicht in die Gemeinde, sondern in das Sekretariat des Erzbischofs. In den bald recht stürmisch werdenden Zeiten an der Seite des Berliner Erzbischofs durfte ich die kostbare Einsicht gewinnen, daß der Glaube vieler Katholiken und vieler Seelsorger in unserem weiten Erzbistum durchaus tiefer und belastbarer ist, als viele meinen, und daß die Strukturen, an denen wir Deutsche uns gerne festmachen, nie das halten, was die meisten von ihnen erwarten.
Erfurt
2004 ernannte mich der Erfurter Bischof Wanke zum Subregens des inzwischen ziemlich geschrumpften interdiözesanen Priesterseminars; mein Wiedereinstieg in die Welt der akademischen Bildung wurde durch ein interessantes Jahr als Gastkollegiat am Max-Weber-Kolleg in Erfurt erleichtert. Über die vielen Anregungen hinaus, die mir die Studien dort gegeben haben, bleibt mir aus der Erfurter Zeit vor allem die herausfordernde Erfahrung, daß Bildung weniger nur positive Wissensvermittlung ist, als vielmehr die Weitergabe dessen zu sein scheint, was Wittgenstein als „Lebensform“ bezeichnet hat.
Seit 2006 bin ich als Doktorand an der Theologischen Fakultät der Universität Erfurt eingeschrieben, um eine Arbeit zum „Berliner“ Aristotelismus im Fach Philosophie vorzulegen. Dies tue ich gerne, doch aus der Ferne; denn ab September 2007 wurde ich durch Kardinal Sterzinsky in Absprache mit den anderen Trägern der Berliner Katholischen Akademie zum Geistlichen Rektor daselbst berufen. Als Kirchenrektor eines der jüngsten Sakralbauten Berlins habe ich die seltene Möglichkeit, diese Erfahrungen an die Akademiegemeinde weiterzugeben und als theologischer Berater die Arbeit der Akademie zu begleiten - Selbstverständlichkeiten als Aufgabe zu begreifen.



